Ich bin ein guter Mensch PDF Drucken E-Mail
Patrick Zäuner

In der heutigen Zeit gibt es immer weniger Menschen, denen Mitgefühl und Freundschaft etwas bedeuten. Immer wieder, wenn ich mich auf Menschen eingelassen habe, bin ich von ihnen enttäuscht worden. Sie haben mich akzeptiert, so lange ich von Nutzen war und fallen gelassen, wenn sie anderweitig mehr Vorteile für sich sahen. Dabei bin ich doch wirklich ein umgänglicher Mensch, in dessen Gesellschaft sich andere wohl fühlen und von dem sie im Grunde nur profitieren können.

Im Gegensatz zum heutigen Mainstream bedeutet mir das Wort "Ethik" noch etwas. Ich könnte nie jemanden verletzten oder ihm etwas schlimmes wünschen. Wer mich besser kennt weiss, dass ich keiner Fliege etwas zu leide tun kann, denn mir geht der Schmerz anderer oft näher, als er ihnen selber zu gehen scheint. Leid kann ich nicht ertragen und so liebe ich alles, was sich auf der Welt befindet: Pflanzen, Tiere, Menschen aller Rassen und Kontinente, sogar die, die mich nicht mögen und auch nicht so gut sind wie ich, denn sie verdienen eher Mitleid als Ablehnung.

Ich bin in allem sehr tolerant, von mir aus kann jeder denken und tun was er möchte, ich will da keinem im Wege stehen. Natürlich gilt das aber nur, solange anderen kein Schaden zugefügt wird, denn wenn man sich in der Gesellschaft umsieht, nimmt Rücksichtslosigkeit in einer Weise zu, in der man nicht einfach tatenlos zuschauen darf. Genau genommen wäre es sehr wichtig, dass alle Menschen einander respektieren und lieben würden, so wie ich es tue. Dann gäbe es keinen Krieg, keinen Streit und keine Ungerechtigkeiten. Dass sich jeder nach Kräften bemüht, kann man ja wohl erwarten, und es ist auch logisch, dass alle freundlich zueinander sind, man will ja selber auch freundlich behandelt werden. Natürlich frage ich mich, wie es dazu kommt, dass Menschen meine Liebe nicht erwidern, obwohl ich mir doch wirklich grosse Mühe gebe. Ich bin fleissig, ordentlich, immer korrekt und hilfsbereit, aber dennoch finde ich keine dauerhaften Freunde, die auch in schwierigen Phasen zu mir stehen. Vermutlich bin ich einfach zu gut für diese Welt. Wenn ich aggressiver wäre und meine Interessen auch auf dem Rücken anderer durchsetzen würde, brächte man mir sicher mehr Achtung entgegen. Noch besser wäre es allerdings, wenn man irgendwie alle Menschen dazu bringen könnte, meinem Beispiel zu folgen, doch das ist gar nicht so einfach.

Ich denke, im Grunde muss man wohl die Leute zu ihrem Glück zwingen. Der Mensch ist anscheinend für die vielen Freiheiten, die ihm heute gewährt werden, noch lange nicht reif. Für mich war es auch oft nicht einfach, trotz aller Widerstände aufrecht und ehrlich zu bleiben, warum sollte es anderen da besser gehen als mir? Ich denke, wenn wir das Klima unseres Staates verbessern wollen, kann ich mit all meinen Erfahrungen und meinem derzeitigen Wissen, so wie ich da stehe ein gutes Vorbild sein. Da braucht es auch keine hoch gestochenen Reden, keine für den normalen Menschen unverständlichen Philosophien oder moralischen Abhandlungen, mein gesunder Menschenverstand reicht im Grunde völlig aus. Meine Toleranz und Liebe als Masstab ist ein ideales Mittel um jeden, der sie überschreitet als unverbesserlich aus der Gesellschaft auszuschliessen. Dass die politischen Entscheidungsträger mich noch nicht entdeckt haben, ist mir absolut unverständlich, doch lange kann das nicht mehr dauern...