Political Correctness PDF Drucken E-Mail
(Aus dem Netz)

Meine erste Begegnung mit Political Correctness hatte ich Anfang der 90er-Jahre. Ich war gerade 20 Jahre alt geworden und studierte seit einigen Semestern an der Uni einer großen Stadt. Einige der Typen um mich herum waren schwer engagiert, Antifas, radikale Feministinnen und so weiter. Irgendwie fiel mir schon auf, daß sie eine andere Sprache kultiviert hatten und anders über das Leben dachten, aber ich konnte mich nicht damit befassen. Ich mußte büffeln und steckte meine gesamte intellektuelle und seelische Energie in mein Studium. Für Antifa und radikalen Feminismus blieb da keine Zeit. Eines Abends war es soweit, der Zufall führte mich auf eine Party und ebnete mir den leuchtenden Pfad tieferer Erkenntnis.

Rückblende:

Die Gastgeberin ist eine Mittdreißigerin aus dem Unibetrieb, die ihre Promotion begießen will. Die anderen Gäste sind weit überwiegend Frauen zwischen 30 und 40, allesamt Kolleginnen oder Freundinnen. Ein paar Kerle gibt es auch, die wirken etwas abgedreht, einer von ihnen sieht wie ein Brückenpenner aus. Später erfahre ich, daß er Professor für Hochfrequenzelektronik ist.

Ich kenne kaum jemanden von den Partygästen und mache mich erstmal am kalten Buffet zu schaffen. Prof. Dr. Brückenpenner, der sich als freundlicher Mensch entpuppt, erklärt mir, daß die salzige Brombeermarmelade russischer Kaviar ist. Örgs, Fischeier! Ich steige auf schottischen Räucherlachs um. Von Stunde zu Stunde werden psychotrope Substanzen von kleinen Flaschen mit kommerziellen Etiketten in große Flaschen mit altruistischen Etiketten umgefüllt. Die Diskussion beginnt zu wuchern, ich höre interessiert zu.

Ein angetrunkener Typ erklärt detailliert, was 'wir Deutsche' in den 12 Jahren von 1933 bis 1945 angestellt haben und zieht einen weiten Bogen bis in die Gegenwart. Bevor er seine Ausführungen über den allgegenwärtigen Rassismus in Deutschland beenden kann, werfe ich vorlaut dazwischen, daß ich mich wegen meines jugendlichen Alters nicht angesprochen fühle. Auch deshalb nicht, weil ich normale Kontakte zu Ausländern hätte. Mein bester Freund an der Uni sei ein Neger aus Frankreich.

Totenstille im Raum.

Aus der Küche lallt jemand: "Die Gnade der späten Geburt!" Der angetrunkene Typ (Ein Herr Dr. Schroth) fixiert mich mit stechendem Blick und fragt langsam: "Ein Neger?" Ich antworte: "Ja, ein Neger. Er kommt aus Frankreich und studiert hier Elektrotechnik und Maschinenbau. Wieso fragen Sie? Haben Sie was gegen Neger?" Das klingt heute reichlich naiv, aber ich bin nun mal ein Landei. Die Großstadt hatte mich in der kurzen Zeit ihrer Einwirkung noch nicht ausreichend prägen können.

Die Gastgeberin schreitet ein, um eine weitere deutsche Katastrophe abzuwenden und sagt: "Es heißt heute nicht mehr 'Neger', das klingt abwertend. Ist ja alles nicht so schlimm. Übrigens duzen wir uns hier. Ich bin die Edeltraut." Sofort beginnt die Diskussion erneut und mir wird von allen Seiten verklart, wie mörderisch die Verwendung bestimmter Begriffe sein kann. Ich verteidige mich zaghaft. "Heute ein Neger, morgen ein vergaster Neger!", poltert Dr. Schroth, den ich inzwischen Heinz nennen muß. Meinen Einwand, den Louis werde man doch nicht vergasen, nur weil ich das Wort 'Neger' benutze, wischt er mit einem langen Vortrag über die geistigen Wegbereiter des Faschismus gründlich hinweg. Aus der Küche kommt periodisches Lallen, was ich als Unterstützung für Heinz werte.

Die Party neigt sich dem Ende zu, die Umfüllung psychotroper Substanzen scheint abgeschlossen.

Sukzessive verabschieden sich die GästInnen. Heinz drückt mir dabei kräftig die Hand und flüstert: "Nichts für ungut". Dann sind wir nur noch zu zweit. Edeltraut schmunzelt zu mir herüber und meint: "Du mußt noch viel lernen, Kleiner. Es gibt Dinge, die sind so delikat, die spricht man nicht direkt an." Ich komme mir wie ein dummer Junge vor. So langsam verstehe ich, was ich falsch gemacht habe. Aber wie soll ich den Louis eigentlich nennen? Zu den Negern in den USA sagen sie Afro-Amerikaner. Klingt schick! Also Afro-Franzose? Wäre Roberto Blanco - warum eigentlich Blanco? - dann ein Afro-Germane? Verwirrende Fragen. Edeltraut nimmt mich in diesem Augenblick an die Hand und zieht mich mit den Worten: "Jetzt wirst du vernascht!" in ihr Schlafzimmer. Wenigstens diese Sachen werden direkt angesprochen, denke ich bei mir.

Am nächsten Morgen erklärt mir Edeltraut die Feinheiten der Political Correctness. Nicht nur der Begriff Neger sei megaout, auch sowas wie Zigeuner könne man nicht mehr sagen. Sogar Worte wie 'Schwarzer' oder 'Asylant' wären verdächtig. Asylant deshalb, weil das Wort die selbe Endung habe wie z. B. Querulant, Simulant, Intrigant. Die Endung sei negativ belegt und darin bestünde die Diskriminierung. Auf meine Frage nach dem Fabrikanten erwidert Edeltraut, daß die sowieso alle Schweine wären. Also lasse ich die Musikanten besser weg. Herbert von Karajan war schließlich NSDAP-Mitglied, ich will die Stimmung am Morgen nicht trüben.

Louis, dem ich in der Uni von dem politisch korrekten Besäufnis erzähle, lacht sich tot. "Typisch deutsch!", meint er und erzählt mir von Napoleon, von Dien Bien Phu, dem Algerienkrieg und anderen nicht so lichtvollen Seiten in der Geschichte Frankreichs. Er erzählt ferner, wie beliebt Jean-Marie Le Pen in bestimmten Regionen Frankreichs ist. "Na und? Alle Nationen haben einen Haufen Leichen im Keller. Was haben wir beide damit zu tun?", sagt er und strahlt mich an. Wir gehen ein Bier trinken, spielen Billiard und reden über Frauen.

In der Folge setzt Edeltraut meine 'Umerziehung' zu einem anständigen Menschen fort. Ich erfahre so nebenbei, daß sie mit einem Professor verheiratet ist, der seit drei Jahren in Harvard lehrt und den sie kaum sieht. Das gemeinsame Kind, ein 8-jähriger Junge, geht 'drüben' zur Schule. Sie vermißt ihn, wie sie mir gesteht. Heinz sehe ich jetzt öfter, und sie gesteht mir auch, daß sie mit ihm früher ein Verhältnis hatte. Die typischen Ehenkrisen, wie sie meint. Heinz ist nett, aber fast immer abgefüllt.

Ich lerne auch ihre feminstischen Freundinnen kennen, was anfangs nicht leicht für mich ist. Bei der ersten Begegnung mit Annerose fragt mich diese, ob ich kastriert sei. Als ich das verneine, will Annerose sofort gehen, weil sie mit potentiellen Vergewaltigern nichts zu tun haben wolle. Edeltraut renkt ein und wir drei unterhalten uns lange darüber, ob der Papst ein potentieller Vergewaltiger ist.

Ich bemerke bei all diesen Gesprächen, daß ich sympathischer wirke, wenn ich einlenke. Also lenke ich immer ein. In vielen Diskussionen schule ich mein Verständnis für sexuelle Fairness und Gewaltfreiheit. Das Binnen-I ('GästInnen') geht mir schriftlich flott von der Hand und ich weiß um die feinen Unterschiede zwischen Sinti und Roma, weiß auch, daß die Sinti eine Untergruppe der Roma sind und wie man behelfsmäßig weibliche oder männliche Mitglieder der Sinti oder Roma bezeichnen sollte, ohne ihnen strukturelle Gewalt anzutun.

Edeltraut spornt mich an, politischen Aktivitäten nachzugehen und schlägt mir vor, bei 'Rotzkybel' mitzuarbeiten. Marx sei immer noch in, den dürfe man nicht vergessen. "Wie bitte? Was hat ein Rotzkübel mit Marx zu tun?", erwidere ich entnervt. Sie erklärt mir, das Rotzkybel ein Kürzel für 'Rote Zelle Kybernetik und Elektronik' sei. Später frage ich Louis, was er davon hält, aber der lacht mich nur aus: "Mann, laß uns Billiard spielen gehen, Politik ist doch die allerletzte Scheiße."

Beim nächsten von Edeltraut arrangierten Treffen mit ihren feministischen Freundinnen erklärt mir Annerose die Feinheiten der Sprachregelung im homosexuellen Bereich. Die Bezeichnung Schwule und Lesben sei nicht diskriminierend, denn sie werde von den Betroffenen selbst gewünscht, weil sie einen Lebensstil ausdrücke. Die angeblich wertfreie Bezeichnung Homosexuelle beziehe sich ausschließlich auf das Geschlechtsleben von Personengruppen und brächte die mit den Eigenschaften Schwulsein und Lesbischsein verbundene spezifische Lebensart nicht zum Ausdruck. Also sei die Bezeichnung homosexuell eine Diskriminierung. "Aha!", sage ich zu mir.

Das alles war damals. Irgendwann habe ich Edeltraut und ihren politisch korrekten Anhang aus den Augen verloren. Warum ich das geschrieben habe? Vor zwei Wochen habe ich Edeltraut zufällig wiedergetroffen, als ich geschäftlich in Dresden unterwegs war. Sie hat dort eine Professur, politisch korrekt, versteht sich. Von ihrem Mann ist sie geschieden, ihr Junge ist inzwischen in Berlin und studiert dort Jura.

Wir saßen eine Stunde in einer Pizzeria am Elbufer zusammen und erinnerten uns an unsere gemeinsame Zeit. Edeltraut wirkte depressiv, als sie über ihren Jungen sprach. Sie erzählte mir, daß er Thor-Steinar-Klamotten trägt und politisch völlig aus der Art geschlagen ist. Er habe so gar kein Verständnis für ihre politische Arbeit. Während sie erzählte, fiel mir auf, wie alt sie geworden war.