Achtwegewinkel PDF Drucken E-Mail
Søren Kierkegaard

Ich suchte also die Einsamkeit des Waldes, aber nicht zu der Zeit da er phantastisch wirkt. Ich kam zur Natur, aber nicht zur Nachtzeit da sie von seltamen Träumen beunruhigt wird, ich kam zu ihr am Nachmittag da sie im tiefsten Frieden ruht, da, in dem milden, beruhigenden Glanz der späten Sonne, das Phantastische, wenn es überhaupt sich regt, nur als eine leise Ahnung über die Seele geht. Wie der Kranke der eben dem Leben wiedergewonnen ist, wie der geistig Überanstrengte der viel durchgemacht hat am liebsten an dieser milden Schönheit sich erquickt, so suchte ich diesen Frieden des späten Nachmittags, freilich aus dem entgegengesetzten Grund und zum entgegengesetzten Zweck.

Im Gribswalde ist eine Stelle die heisst "Achtwegewinkel"; keine Karte gibt sie an, und es findet sie nur wer würdig ist sie zu finden. "Achtwegewinkel" / eine seltsam widerspruchsvolle Bezeichnung! Wie können denn acht Wege wo sie sich treffen einen Winkel bilden? Wie kann das was auf Verkehr und Wandel hindeutet zugleich Einsamkeit und Abgeschiedenheit bezeichnen? Hat nicht eben das was der Einsame flieht seinen Namen vom Zusammentreffen von drei Wegen: Trivialität? Hier aber treffen wirklich acht Wege zusammen: ist das nicht die Trivialität in Potenz? Und doch ist es so: die Stelle liegt ganz einsam, weltabgeschieden, verborgen, und der Widerspruch in ihrem Namen macht sie noch einsamer, wie der Widerspruch immer einsam macht. Die acht Wege mit ihrem Verkehr sind nur eine Möglichkeit für den Gedanken, denn niemand begeht diese Wege. Nur hin und wieder schwirrt ein Insekt vorüber, lente festinans. Niemand begeht diese Wege; nur hin und wieder zeiht einer jener flüchtigen Reisenden vorüber, einer von denen die sich hastig umsehen, nicht um jemanden zu finden sondern um nicht gefunden zu werden, einer von denen die nicht einmal im sicheren Versteck sich sehnen nach einer Botschaft von draussen, die sich nur vom Tod einholen lassen, wie der Hirsch von der Kugel / von der Kugel, die wohl erklärt warum er nun so stille ist, aber nicht warum er so voller Unruhe war. Niemand begeht diese Wege; nur der Wind zieht darüber hin von dem niemand weiss von wannen er kommt noch wohin er fährt. Und wer etwa dem verführerischen Wink der Einsamkeit folgt und den schmalen Fussweg einschlägt um sich im Waldesdunkel zu bergen, der ist dort nicht so einsam wie am Achtwegewinkel. Acht Wege und niemand der sie begeht! It das nicht als wäre die Welt ausgestorben und der Überlebende in Verlegenheit von wem er sich begraben lassen soll?! Ists nicht als wäre die Menschheit ausgewandert auf jenen acht Wegen und hätte einen dort vergessen!? ... Bene vixit qui bene latuit, sagt der Dichter. Wenn das wahr ist so habe ich gut gelebt, denn ich habe meinen Winkel gut gewählt. Und das ist sicher: dass die Welt mit allem was darin ist sich immer am besten ausnimmt, wenn man sie verstohlen von einem Winkel aus sieht. Und sicher ist auch: dass alles was in der Welt sich hören lässt und gehört zu werden verdient, nirgends so frisch, so bezaubernd klingt, als wenn man es von einem Winkel aus erlauscht. Wie oft habe ich meinen Winkel aufgesucht! Ich kannte ihn schon lange; aber erst jetzt habe ich entdeckt, dass es hier bei Tag so stille ist wie nie und nirgends bei Nacht. Immer ist es hier still, immer schön. Aber am schönsten wenn die Sommersonne Feierabend hält, wenn der Himmel in sehnsuchtsvollem Blau strahlt, wenn die Natur aufatmet von der Hitze des Tages, wenn Bäume, Blumen und Gräser wohlig erzittern unter den Liebkosungen kühlender Lüfte; wenn die Sonne ihre Strahlen abnimmt um nackt ins Meer zu tauchen, wenn die Erde sich zu ruhen bereitet und ihr Dankgebet zum Himmel schickt, und die Sonne lind und weich die Erde mit ihrem Abschiedskuss umfängt.
Du freundlicher Geist der du diese Stätte bewohnst, ich danke dir dass du meine Stille allzeit umfriedigtest; ich danke dir für jene Stunden, die ich an meiner Erinnerung spinnend hier zubrachte; ich danke dir für dies Versteck das ich mein eigen nenne! Da wächst die Stille wie die Schatten des Nachmittags wachsen; da wird das Schweigen immer tiefer wie unter einer beschwörenden Zauberformel. Gibt es etwas so Berauschendes wie die Stille? So rasch der Trinker den Becher an die Lippen führt: der Wein berauscht ihn nicht so rasch wie mich die Stille, die mit jeder Sekunde wächst. Und dieser Becher Weins, ist er nicht wie ein Tropfen verglichen mit dem unendlichen Meer des Schweigens aus dem ich trinke? Ein Wort nur, und du Und wiederum, was ist so flüchtig wie dieser süsse Rausch! Ein Wort nur, und du fällst aus allen Himmeln: ein Erwachen, schlimmer als das Erwachendes Trunkenen wenn er ernüchtert ist. Du bist ganz versunken und hast die Sprache vergessen: da zerreisst einer den Zauber, und du stehst da und schämst dich der Laute die du hervorbringst, stammelst wie einer dem das Zungenband nicht gelöst ist, bist hilflos wie ein überraschtes Weib, für einen Augenblick unfähig dich hinter Worten zu verbergen. Ich danke dir, freundlicher Geist, dass du Überraschung und Störung von mir ferne behalten! ... Gewiss, der Störenfried pflegt sich zu entschuldigen. Aber wie wenig nützt das! Im Gewühl der Menschen wird man nicht schuldig wenn man unschuldig ist. Aber die Stille des Einsamen ist heilig, und jeder der sie stört macht sich schuldig. Wer in diesem Heiligtum überrascht wird, dem ist mit Entschuldigungen so wenig gedient wie dem beleidigten Schamgefühl mit Erklärungen. Wie hat es mir weh getan wenn es mir selbst passierte, wie stand ich beschämt da wenn ich den Einsamen gestört hatte. Vergebens bemüht die Reue sich die Schuld zu ergründen: sie ist unsagbar wie das Schweigen selbst. Nur dem der unwürdig die Einsamkeit sucht kann die Überraschung nützen. Einem Liebespaar, das nicht die Kraft hat, eine Situation zu bilden, kann man nützen indem man sich zeigt, und das Verdienst ist hier nicht so rätselhaft wie dort die Schuld: die Liebenden stecken die Köpfe näher zusammen und das haben sie eben dem Störenfried zu verdanken über den sie sich ärgern. Aber zwei Liebende überraschen die würdig die Einsamkeit suchen! Wie schwer nimmt man das, wie verwünscht man sich selber! Wie fühlt man sich verwünscht als einer der ein Heiligtum entweiht! Wer würde nicht, wenn er sieht ohne gesehen zu sein, wer würde nicht wünschen in einen Vogel sich zu verwandeln der mit seinem Schrei die Liebenden warnt, der im Buschwerk verschwindet und die Liebenden verlockt ihm zu folgen in eine immer tiefere Einsamkeit hinein, wo Eros kühner wird , wo der Widerhall die tiefe Stille erst recht fühlbar macht, wo ein fernes Geräusch den Liebenden sagt, dass alle die anderen gegangen sind und sie allein gelassen haben. / Ja das ist die wahre Einsamkeit, wenn man die anderen verschwinden hört. Die einsamste Situation im Don Juan ist diejenige Zerlinens. Sie ist nicht nur einsam, sie wird einsam: man hört den Chor verschwinden, und in dem Hinsterben des fernen Lärms wird die Einsamkeit hörbar, entsteht die Einsamkeit ... Ihr acht Wege! Ihr führtet nur alle Menschen fort von mir, ihr brachtet mir nur meine eigenen Gedanken zurück.
So grüsse ich dich noch einmal zum Abschied, du lieblicher Wald! Ich grüsse dich, du verkannte Nachmittagsstunde, die du dir nichts vorlügst, die du nicht wie die Morgenstunde, wie der Abend, wie die Nacht etwas bedeuten willst, sondern anspruchslos und demütig lächelnd dich begnügst zu sein, was du bist. Wie die Arbeit der Erinnerung stets gesegnet ist, so hat sie auch den Segen, dass sie selbst zu einer neuen Erinnerung wird, zu einem neuen Band das dich fesselt. Denn wer einmal verstanden hat, was Erinnerung ist, der ist gefangen in alle Ewigkeit, gefangen in seiner Erinnerung. Und wer auch nur eine Erinnerung sein eigen nennt, der ist reicher, als wenn er die ganze Welt besässe, der ist, im schönsten und tiefsten Sinn, in gesegneten Umständen.