Der absolute Stiefel PDF Drucken E-Mail
Friedrich Ludwig Lindner

Der von hegel'scher Philosophie durchdrungene Schuster-Geselle
oder
Der absolute Stiefel



Erster Auftritt
(Zimmer über der Werkstatt eines Schuhmacher-Meisters)
Meister - Gesell

 

Meister: Ihr sucht Arbeit, hat mir der Sprechmeister gesagt. Dafür kann Rath werden. Das Geschäft geht gut; ein dreißig Hände haben bei mir vollauf zu thun; und wenn ich noch vier bis sechs Gesellen in Condition nehme, werden auch sie nicht müßig sitzen. Ehe wir aber den Handel abschließen, muß ich Euch mit der Ordnung meines Hauses bekannt machen; Ihr werdet dann urtheilen, ob sie Euch anstehe. Seht, ich bin der Meinung, daß heut zu Tage der Handwerker mehr seyn soll als ein gemeiner Mensch; wir bilden die Masse des Volks, und wenn diese roh, liederlich, unverständig und ungeschickt ist, so kann das Ganze nicht achtbar werden. Versteht mich recht. Alle demagogischen Umtriebe sind mir in der Seele zuwider; denn wir sollen vielmehr in unserm Sinn und Thun uns selbst zu bessern streben, ehe wir uns mit den Welthändeln befassen, die ihre gewiesenen Wege haben. Mit den auf Staatsverbesserung wandernden Handwerksburschen mag ich darum nichts zu thun haben; wiewohl ich diese Leute nicht für gefährlich, sondern nur für Narren achte, - ein Gegenstand für Ärzte, nicht für Staatsmänner. - Also, kurz zu sagen, in meinem Hause muß jeder sich sittlich, ordentlich, verständig und als Freund der Obrigkeit betragen; er soll den Leisten zu Ehren bringen, aber nicht über den Leisten hinausgehen.

Gesell: Ihr findet Euern Mann an mir; ich bin ein denkender Schuhmacher-Gesell.

Meister: Denkender Schuhmacher-Gesell? Soll mir lieb seyn. Denken muß der Mensch, um mehr zu seyn als das Vieh; auch gelangen wir nur durch das Denken dazu, die Arbeit zu verbessern. Und die bessere Arbeit ist ein Zeichen des besseren Menschen.

Gesell: Ganz nach meinen Grundsätzen.

Meister: Das Denken muß aber auf verständiges Thun gerichtet seyn, sonst wird es unnützes Grübeln und abgeschmacktes Raisonniren; dieß verdirbt die Zeit auf die langweiligste Weise. - Das Raisonniren in den Tag hinein kann nichts machen als Confusion; darum ist es meine höchste Antipathie; es empört mich, bringt mich zur Wuth; ich kenne dann kein ander Mittel mich zu wehren, als daß ich Gewalt brauche; - dieß ist so meine Eigenheit. - Sonst bin ich sanft wie ein Lamm, gegen Schwachheiten nachsichtig, und helfe dem Bedürftigen wo ich kann.

Gesell: Ein edles Selbstbewußtseyn!

Meister: Wenn Ihr gut denkt, werdet Ihr einen billigen Mann, und mehr einen Freund als einen Vorgesetzten in mir finden. - Ehe wir aber abschließen, ist noch etwas zu bedenken: ich weiß nicht wie geschickt Ihr seyd; daher mögt Ihr einstweilen zur Probe bei mir arbeiten, ein paar Stifel z.B., wozu ich Maß und Form geben werde.

Gesell: Zur Probe? Wie das?

Meister: Das Wie will ich eben von Euch sehen. Ihr könnt doch Stiefel machen?

Gesell: Die Stiefel, wie Ihr sie denkt, sind in Eurem Bewußtseyn, durch dasselbe und für dasselbe. Stiefel aber, die ich mache, können nur aus meinem Bewußtseyn hervorgehen.

Meister: Ganz recht! Ich bin mir bewußt, daß ich gute Stiefel machen kann; von Euch weiß ich es noch nicht.

Gesell: Darum müssen sich unsere beiden Selbstbewußtseyn an einander messen und sich doppelsinnig aufheben, Denn, "es ist für das Selbstbewußtseyn ein anderes Selbstbewußtseyn; es ist außer sich gekommen. Dieß hat die gedoppelte Bedeutung, erstlich, es hat sich selbst verloren, denn es findet sich als ein anderes Wesen; zweitens, es hat damit das Andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht das Andere als Wesen, sondern sich selbst im Andern."

Meister: Was soll das heißen? An uns ist es, Sohlen zu doppeln; gedoppeltes Bewußtseyn zu machen, ist nicht meine Sache, und ich denke, rige auch nicht. Stiefel machen, das ist die Frage.

Gesell: Allerdings! Ihr wollt, daß mein Stiefel aus "der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreite." - Indem aber Euer stiefelmachendes Selbstbewußtseyn sich an das meinige wendet, ist ihm das meinige ein anderes. "Es muß aber dieß sein Andersseyn aufheben; dieß ist das Aufheben des ersten Doppelsinnes, und darum selbst ein zweiter Doppelsinn; erstlich, es muß darauf gehen, das andere selbständige Wesen aufzuheben, und dadurch seiner als des Wesens gewiß zu werden; zweitens geht es hiermit darauf, sich selbst aufzuheben, denn dieß Andere ist es selbst. - Dieß doppelsinnige Aufheben seines doppelsinnigen Andersseyns ist ebenso ein doppelsinnige Rückkehr in sich selbst; denn erstlich erhält es durch das Aufheben sich selbst zurück; denn es wird sich wieder gleich durch das Aufheben seines Andersseyns; zweitens aber gibt es das andere Selbsstbewußtseyn ihm wieder ebenso zurück, denn es war sich im Anderen, es hebt dieß sein Seyn im Andern auf, entläßt also das Andere wieder frei."

Meister: Gott verzeihe mir, ich verstehe Euch nicht.

Gesell: Ich erkläre mich deutlicher. Ihr verlangt, ich soll Stiefel machen; zur Probe, ob ich so geschickt sey, als Ihr selbst, d.h. Ihr, der Meister , sucht einen anderen Meister. Erweise ich mich nun als Meister, so ist dadurch euer Verhältniß als Meister zu mir, dem Gesell, d.i. dem Andern, aufgehoben, und ihr müßt mich als Meister anerkennen, d.h. Ihr seht Euch selbst in mir. Dadurch aber, daß Ihr Euch selbst in mir seht, hebt Ihr meine Meisterschaft auf, und kehrt in Euch selbst zurück. Weil ich mich aber selbst als Meister erwiesen habe, so müßt ihr dies anerkennen, d.h. Eure Meisterschaft in mir wieder aufheben, meine Meisterschaft zurückgeben, mich wieder frei entlassen. Dieß ist, was ich vorher, "der Nacht des übersinnlichen Jenseits" gemäß, dunkler, also philosophischer, gesagt habe.

Meister: Guter Mann, das bringt uns nicht von der Stelle; es wird das Leder nicht ausgewählt, nicht nach dem Maß geschnitten, der Faden nicht gezogen, überhaupt kein Stiefel gemacht.

Gesell: Mit diesen Consequenzen werden wir bald fertig werden, wenn nur erst unsere beiden Selbstbewußtseyn gehörig Schritt halten. "Die Bewegung aber des Selbsstbewußtseyns in der Beziehung auf ein anderes Selbstbewußtseyn ist auf diese Weise vorgestellt, als das Thun des einen; aber dieses Thun des Einen hat selbst die doppelte Bedeutung, ebensowohl sein Thun als das Thun des Andern zu seyn."

Meister: Wollt Ihr damit sagen: die Stiefel, die Ihr in meiner Werkstatt macht, wenn ich sie verkaufe, werden für meine Stiefel angesehen werden, obgleich sie Eure Arbeit sind? Dann hättet Ihr Euch einfacher ausdrücken können.

Gesell: Es ist noch nicht von den Stiefeln, als dem Inhalt des Selbstbewußtseyns, sondern von diesem die Rede.

Meister: Laßt das Bewußtsein aus dem Spiele. Wie Ihr damit umspringt, sollte man glauben, Ihr hättet Eurer natürliches Bewußtseyn verloren, und wäret in Wahnsinn verfallen.

Gesell: Wahnsinn? Davon wollen wir später reden. - Jetzt sagt mir: Seyd ihr auf andere Weise ein Meister als durch Euer Selbstbewußtseyn?

Meister (Für sich): Muß den Narren nur gewähren lassen, zu sehen, wo er hinaus will. (Laut) Ja, ich bin mir meiner Meisterschaft bewußt.

Gesell: Wenn ich nun eben so gute Stiefel mache?

Meister: So werde ich Euch gleichfalls als Meister anerkennen.

Gesell: Da seht Ihr, Euer Selbstbewußtseyn sucht ein anderes Selbstbewußtseyn.

Meister: Ich wollte, Ihr trätet einmal aus dem Bewußtseyn heraus und legtet Hand an die Arbeit; das bloße Bewußtseyn an sich kann ja niemals Stiefel machen, diese sind etwas anderes.

Gesell: Ihr seyd im Irrthum. Nur das Bewußtseyn macht sie. Es kann aber ein Haase so wenig einen Elephanten, als der Elephant einen Haasen erzeugen. So muß auch der Stiefel, der aus dem Bewußtseyn hervorgeht, gleicher Natur seyn mit dem Bewußtseyn. Der Stiefel, als allgemeines Seyn gedacht, gibt den Begriff des Stiefels; der Begriff aber ist nur im Bewußtseyn, und Bewußtseyn selbst, frei von allem äußern Schein; er ist absolut im Ich, und gleich mit dem Wesen des Ich. Wenn nun das Ich flüssig wird, treibt es den Begriff des Stiefels durch Negation aus sich hinaus, und will außer sich seyn. So macht das Ich den Stiefel. Ist dieser fertig, d.h. hat das Bewußtseyn seinen Begriff außer sich gebracht; so hat es den Begriff in das todte Seyn geistloser Wirklichkeit gesetzt. Es löst ihn dann von sich ab, und kehrt wieder in sich selbst in das lebendige Seyn zurück. Der Stiefel ist fertig, heißt also; er ist fortan ein todtes Kind des Bewußtseyns oder ein todtes Bewußtseyn, ein erstarrtes, steifes Ich, abgelöst von dem lebendigen Ich. - Da nur das Ich, als Bewußtseyn, Stiefel macht, so könnte für einen Stiefel ohne Bewußtseyn nur ein solcher gelten, der von einer Dampfmaschine gemacht würde. Wäre aber die Mechanik auch bis zum Stiefelmachen fortgeschritten, so ginge dann der Stiefel aus dem Selbstbewußtseyn des Maschinenmachers hervor. So daß ein Stiefel ohne Bewußtseyn schlechthin unmöglich ist. - Seyd ihr also begierig, einen Stiefel von mir zu sehen, so setzt Ihr voraus, daß "das Andere, -d.h. ich - eben so selbstständig in sich beschlossen ist, und nichts in ihm, was nicht durch es selbst ist. Das erste (nämlich Euer Bewußtseyn) hat den Gegenstand nicht vor sich, wie er nur für die Begierde zunächst ist.", - für Eure Begierde, einen Steifel von mir zu sehen: - "sondern einen für sich seyenden selbstständigen, über welchen es darum nichts für sich vermag, wenn er nicht an sich selbst dieß thut, , was es an ihm thut. Die Bewegung ist also schlechthin die gedoppelte beider Selbstbewußtseyn, Jedes sieht das Andere dasselbe thun, was es thut; jedes thut selbst, was es an das Andere fordert; und thut darum, was es thut, auch nur in sofern als das Andere dasselbe thut; das einseitige Thun wäre unnütz; weil, was geschehen soll, nur durch Beide zu Stande kommen kann."

Meister: Läuft es darauf hinaus? Ich soll Euch helfen, die Stiefel zu Stande zu bringen?

Gesell: Mit nichten. Es ist nur von dem Verhältniß Eures und meines Selbstbewußtseyns die Rede. "Das Verhältniß beider Bewußtseyn ist also bestimmt, daß sie sich selbst und einander durch den Kampf auf Leben und Tod bewähren."

Meister: Er will mit mir auf Leben und Tod kämpfen? Dagegen kenn ich ein Mittel! - Guter Freund, erinnert Euch was ich Euch vorhin von meiner Eigenheit bei unnützen Reden gesagt.

Gesell: "Die beiden Selbstbewußtseyn müssen in diesen Kampf, denn sie müssen die Gewißheit ihrer selbst, für sich zu seyn, zur Wahrheit an dem Andern, und an ihnen selbst erheben. Und es ist allein das Daransetzen des Lebens wodurch die Freiheit, wodurch es bewährt wird, daß dem Selbstbewußtseyn nicht das Seyn, nicht die unmittelbare Weise, wie es auftritt, nicht sein Versenktseyn in die Ausbreitung des Lebens, - das Wesen, sondern daß an ihm nichts vorhanden ist, was für es nicht verschwindendes Moment wäre, daß es nur reines Fürsichseyn ist".

Meister: Behalte Er sein reines für sich seyn für sich. Will Er mir aber seine Gedanken mittheilen, so drücke Er sich aus, wie ein verständiger, seiner Sprache mächtiger Mensch, damit auch ich Ihn verstehen könne. Man spricht um verstanden zu werden. Seine Worte, obgleich im Einzelnen deutsch, sind gegen alle Ordnung und Sprachgebrauch barbarisch durcheinander geworfen, als sagte ein Samojede oder anderer Wilder auswendig gelernte deutsche Vokabeln auf. Ich habe ganz Deutschland durchwandert, und verstehe hochdeutsch und plattdeutsch, sein Kauderwälsch ist mir nirgends zu Ohren gekommen.

Gesell: Ich rede die philosophische Sprache, die leider noch wenig bekannt ist.

Meister: Philosophisch soll das seyn? Ich denke, ein Philosoph wird sich vor Allen bestimmt, deutlich und eindringlich ausdrücken; denn er spricht ja nicht, wie der Zigeuner seiner Diebssprache, nur zu seinen Helfershelfern, sondern zur Menschheit auf ihrer Höhe; er spricht zu den höchsten Menschen. Die Sprache dieser aber, meine ich, soll eine Art von Musik seyn, die Allen zu Herzen dringt, wenn sie auch den Generalbaß und den Contrapunkt nicht studiert haben. Seine Sprache dagegen, Herr Gesell, kommt mir vor wie ein Kaleidoscop für die Ohren. - Er weiß doch, was ein Kaleidoscop ist?

Gesell: Habe auf Jahrmärkten oft hineingesehen.

Meister: Nun, wie da die bunten Steinchen durcheinander liegen, und bei jedem Schütteln andere Figuren bilden, so kommt mirs vor, daß Eure Worte auch vielfach sich übereinander stürzen, und bei jedem Ruck immer andern Sinn oder Unsinn zum Vorschein bringen. Der gesunde Menschenverstand jedoch könnte sich nie etwas daraus nehmen.

Gesell: In der eigentlichen Philosophie ist dieß anders. Denn "in Ansehung der eigentlichen Philosophie sehen wir für den langen Weg der Bildung, für die eben so reiche als tiefe Bewegung, durch die der Geist zum Wissen gelangt, die unmittelbare Offenbarung des Göttlichen und den gesunden Menschenverstand, der sich weder mit anderem Wissen noch mit dem eigentlichen Philosophieren bemüht und gebildet hat, sich unmittelbar ein vollkommenes Äquivalent ansehen."

Meister: Ich will schon glauben, daß der gesunde Menschenverstand die Tiefen der Philosophie nicht ergründet, wiewohl er, ist er wirklich gesund, dasselbe ohne Gründe behauptet, was die Philosophie zu beweisen sich zutraut; wenn daher die Philosophie dem gesunden Menschenverstand geradezu widerspricht ...

Gesell: Ist es um so besser. - "Es sind an dem raisonnirenden Verhalten die beiden Seiten bemerklicher zu machen, nach welchem das begreifende Denken ihm entgegengesetzt ist. - Theils verhält sich jenes negativ gegen den aufgefaßten Inhalt, weiß ihn zu widerlegen und zu nichte zu machen. Daß dem nicht so sey, diese Einsicht ist das blos Negative, es ist das Letzte, das nicht selbst über sich hinaus zu einem neuen Inhalt geht, sondern um wieder einen Inhalt zu haben, muß etwas Anderes irgendwoher vorgenommen werden. Es ist die Reflexion in das leere Ich, die Eitelkeit seines Wissens." Meister: Schuhmacher-Geselle! Die Reflexion in Euer leeres Ich, verführt Euch wie ein Verrückter zu sprechen. Macht Ihr solche Reden nicht zhum bald verschwindenden Moment, so werdet Ihr mich aufbringen. Ich will Euch gewarnt haben. (Nimmt ein spanisches Rohr zur Hand) Gesell: "Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, kann wohl als Person anerkannt werden; aber es hat die Wahrheit dieses Anerkanntseyns als eines selbstständigen Selbstbewußtseyns nicht erreicht. Ebenso muß jedes auf den Tod des Andern gehen, wie es sein Leben daran setzt; denn ..."

Meister (Stellt sich mit dem Stocke in die Positur des zuschlagenden Selbstbewußtseyns und singt): der hat seine Sach auf nichts gestellt!

Gesell (In sich vertieft fortfahrend): "Denn das Andere gilt ihm nicht mehr als es selbst; sein Wesen stellt sich ihm als ein Anderes dar, es ist außer sich".

Meister: (Legt den Stock an den Rücken des Gesellen) Er ist außer sich? Ich will Ihn zu sich selbst zurückbringen.

Gesell: (Zieht sich etwas zurück) Laßt mich ausreden. "Das Selbstbewußtseyn muß sein Außersichseyn aufheben."

Meister: Dazu will ich ihm helfen.

Gesell: "Das Andere ist mannigfaltig befangenes und seyendes Bewußtseyn; es muß sein Andersseyn als reines Fürsichseyn oder als absolute Negation anschauen."

Meister: Negative oder Affirmative; ich merke, Ihm ist nur durch Prügel beizukommen. (Schlägt derb auf ihn zu)

Gesell: Au weh, au weh! Laßt ab! Ich bin mir meinem Selbst kaum noch bewußt; nur die Prügel fühle ich als geistlose Wirklichkeit.

Meister: Wenn Ihr in Euch geht, so werden die Prügel wirklich nicht so geistlos seyn, sondern meine gute Absicht erfüllt haben, als eine spirituöse Medizin. - Soll ich fortfahren mit meinem Tränkchen?

Gesell: Hört auf; ich erkenne Euch an als Selbstbewußtseyn.

Meister: Möchtet Ihr erst als Narren Euch anerkennen und an Eure Heilung denken; denn, obgleich Ihr von Kampf auf Leben und Tod sprecht, so beabsichte ich doch nicht Euren Tod, sondern wünsche Euch ins Leben des gesunden Menschenverstandes zu bringen.

Gesell: Ihr habt nur einseitig Euer Selbstbewußtseyn bewährt, das meinige aber noch nicht anerkannt, sondern getödtet durch "die aus einander gehaltenen Momente" des Zuschlagens. "Diese Bewährung aber durch den Tod hebt ebenso die Wahrheit, welche daraus hervorgehen sollte, als damit auch die Gewißheit seiner selbst überhaupt auf: denn wie das Leben die natürliche Position des Bewußtseyn, die Selbstständigkeit ohne die absolute Negativität ist, so ist der Tod die natürliche Negation desselben, die Negation ohne die Selbstständigkeit, welche also ohne die geforderte Bedeutung des Anerkennens bleibt."

Meister: Wie könnt Ihr fordern, daß ich Euch als ein vernünftiges Wesen anerkenne? Wäre auch Verstand in Euren Gedanken, so herrscht doch in Euren Reden die Methode des Wahnsinns. Darf ein Philosoph wie ein Verrückter sprechen? Doch genug des Geschwätzes. Wollt Ihr jetzt an die Arbeit gehen?

Gesell: Vom Stiefelmachen kann keine Rede seyn, ehe mein geschlagenes Ich von Euch nicht die geforderte Anerkennung erhält.

Meister: Ich bin mir bewußt, Euch nach Verdienst (zeigt auf den Stock) anerkannt zu haben.

Gesell: Diese Art von Anerkennung hat mich zum Bewußtseyn des dinglichen Moments des geprügelten Seyns gebracht. "Indem aber mein Selbstbewußtseyn dieß Moment seines sich bewußten Untergangs und darin das Resultat seiner Erfahrung ausspricht, zeigt es sich als die innere Verkehrung seiner selbst, als die Verrücktheit des Bewußtseyns, welchem seine Wesen unmittelbar Unwesen", - nämlich Prügel, - "seine Wirklichkeit unmittelbar Unwirklichkeit ist." Denn ein geprügeltes Ich ist wirklich nicht mehr Ich, sondern Unwirklichkeit.

Meister: Meine Schläge waren doch wirklich, wenn, auch leider nicht wirksam genug.

Gesell: "Die Verrücktheit kann nicht dafür gehalten werden, daß überhaupt etwas Wesenloses für wesentlich, etwas Nichtwirkliches für wirklich gehalten werde, so daß das, was für den einen wesentlich oder wirklich ist, für einen anderen nicht wäre, und das Bewußtseyn der Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit, oder der Wesenheit und Unwesenheit auseinander fielen. - Wenn etwas in der That für das Bewußtseyn überhaupt wirklich und wesentlich, für mich aber nicht ist, so habe ich in dem Bewußtseyn seiner Richtigkeit zugleich, da ich Bewußtseyn überhaupt bin, das Bewußtseyn seiner Wirklichkeit, - und indem die beide fixirt sind, so ist dieß eine Einheit, welche der Wahnsinn im Allgemeinen ist."

Meister: Gott sey gelobt, Ihr erkennt Euren Wahnsinn im Allgemeinen an!

Gesell: "In diesem Wahnsinn ist aber nur ein Gegenstand für das Bewußtseyn verrückt; nicht das Bewußtseyn als solches in und für sich selbst. In dem Resultate des Erfahrens, das sich hier ergeben hat, ist aber das Bewußtseyn in seinem Gesetze sich seiner selbst, als dieses Wirklichen bewußt; und zugleich indem ihm eben dieselbe Wesenheit, dieselbe Wirklichkeit entfremdet ist, ist es als Selbstbewußtseyn, als absolute Wirklichkeit sichseiner Unwirklichkeit beewußt, oder die beiden Seiten gelten ihm nach ihrem Widerspruche unmittelbar als sein Wesen, das also im Innersten verrückt ist."

Meister: Ich habe in manchem Irrenhause Narren aller Art gesehen, und nach ihren Äußerungen, nach ihren Reden und ihrem Betragen mußte ich schließen, daß sie eben verrückt waren. Wie aber, im Innersten des Verrückten, die Gedanken sich zusammenfügen mochten, das wußte ich nicht. Ich konnte mich in das Bewußtseyn eines Narren nicht versetzen, dazu würde mir auch Eure Beschreibung nichts helfen; eher könnte sie mich selbst im Innersten verrückt machen. Doch, lassen wir dieß, da Ihr eingesteht, im Innersten verrückt zu seyn, so sehe ich daraus, daß meine spanische Demonstration Wunder gewirkt. Ich freue mich darüber; denn, Gott weiß, ich schlug Euch nicht aus Feindschaft sondern aus gutem Herzen und recht menschenfreundlich, weil ich wünschte, daß Ihr zur klaren Vernunft, und dann zum Stiefelmachen kommen möchtet.

Gesell: "Das Herzklopfen für das Wohl der Menschheit geht darum in das Toben des verrückten Eigendünkels über. ..."

Meister: Ich habe Euch nicht aus verrücktem Eigendünkel geschlagen, sondern diesen selbst treffen wollen.

Gesell: "Das Herzklopfen für das Wohl der Menschheit, sage ich, geht in die Wuth des Bewußtseyns über, gegen seine Zerstörung sich zu erhalten, und dieß dadurch, daß es die Verkehrtheit, welche es selbst ist, aus sich herauswirft, und sie als ein Anderes anzusehen und auszusprechen sich anstrengt."

Meister: Wie meint Ihr dieß?

Gesell: Meinen, meinen! Dieß überlasse ich Euch. Ich meine gar nicht, denn das Meinen steht auf der niedrigsten Stufe des sich selbst nicht verstehenden Bewußtseyns. Ich erkenne, daß Ihr Euch mit dem spanischen Vegetabil, als einem Werkzeug der Tugend, mir als einen Repräsentanten des Weltlaufs, gegenüberstellt, und diesen verbessern zu können glaubt. Der Weltlauf aber ist nicht so übel; "die Individualität des Weltlaufs ist besser als sie meinet, ihr Thun ist zugleich ansichseyendes, allgemeines Thun."

Meister: Wir wissen es längst, daß, was man den Weltlauf nennt, darin besteht, was Menschen so alle durcheinander thun: sie machen es mit ihren Thaten ungefähr wie Ihr mit den Worten. Man hört ein Sausen, aber faßt den Sinn nicht. Im Handeln stürzt die Menge übereinander, wenn die Leitung fehlt; diese aber gebührt der Vernunft, die nur im Einzelnen sich offenbart, versteht sich, wenn er vernünftig ist; denn sonst machte er das Übel nur ärger. Was aber die vernünftige Leitung thut, kommt ihr und dem Ganzen zu Gute.

Gesell: Das verstehe ich nicht; denn meine Ansicht geht dahin: "Wenn die Individualität des Weltlaufs eigennützig handelt, so weiß sie nur nicht, was sie thut, und wenn sie versichert, alle Menschen handeln eigennützig, so behauptet sie nur, alle Menschen haben kein Bewußtseyn darüber, was das Thun ist. - Wenn sie für sich handelt, so ist dieß eben die Hervorbringung des nur erst Ansichseyenden zur Wirklichkeit; der Zweck des Fürsichseyns also, der dem Ansich sich entgegensetzt, meint, - seine leere Pfiffigkeit, so wie seine feinen Erklärungen, die den Eigennutz überall anzuzeigen wissen, sind ebenso verschwunden, als der Zweck des Ansich und seine Rednerei."

Meister: Lieber, denkender, geschlagener Schuhmacher-Geselle, Er ist schon wieder im Wahnsinn im Allgemeinen, wie im Besonderen. Kann Er sich denn gar nicht wie andere Menschen ausdrücken, - einfach und klar, damit der Verstand des Anderen, der natürliche, der menschliche, seine Gedanken als geordnete aufzufassen das Recht erhielte?

Gesell: Der Meister versteht meine Delicatesse nicht; daher muß ich ihm grob sagen, daß ich bei der Erinnerung an den Weltlauf die hohe Polizei im Auge habe, die Ihn lehren soll, sein prügelndes Selbstbewußtseyn nicht für weltverbessernde Tugend auszugeben.

Meister: Die Polizei? Vorhin sagte Er, der Weltlauf sey Er selbst.

Gesell: Allerdings und mit Recht! Denn der polizeiliche Weltlauf ist für mich, Euch gegenüber; so bin ich selbst der Weltlauf, der für sich ist. Straft Euch die Polizei, so ist dieß die unmittelbare Wirkung Eures Thuns, der Ihr zuerst durch die schlagende Negative in auseinander gehaltenen Momenten Euch zu meinem Gegensatz, und mich zu dem Euren gemacht habt. Da wird denn ein doppelsinniges Zurückgehen in beide Selbstbewußtsein nöthig, und dazu ist die Polizei vortrefflich.

Meister: Also zur Polizei wollt Ihr? In Gottes Namen! Der Polizei-Commissär für dieses Viertel wohnt meinem Hause gerade gegenüber.

Gesell: Da seht Ihr, daß Ihr Euch mit der Polizei im direkten Gegensatze befindet.

Meister: Habe noch nie Händel mit ihr gehabt. Unser Commisär kennt mich, und behandelt mich jederzeit aufs freundlichste. Er ist in seinem amte ein verständiger, unparteiischer, und außerdem ein gelehrter Mann, - was nicht überall der Fall ist. Gern überlasse ich ihm die Entscheidung unserer Differenz. Machen wir uns gleich auf den Weg.

Gesell: Dem sey also! Unsere beiden Selbstbewußtseyn werden, als Extreme dem Selbstbewußtseyn des Commissärs, als dem Indifferenzpunkte der Mitte, gegenständlich sich vorstellen. Ich sage vorstellen, denn "was noch übrig ist und der höheren Umbildung bedarf, ist die Vorstellung und die Bekanntschaft mit den Formen." Ihr habt mich geschlagen. Gut. "Alles, was ist, ist gut". Allein "was in früheren Gestalten als Gut oder Schlecht als Gesetz oder Recht sich darstellte, ist ein Anderes als die unmittelbare Gewißheit seiner selbst; es ist ein Allgemeines, das jetzt ein Seyn für Anderes ist."

Meister: Was ist das? Gut oder Schlecht soll ein Anderes seyn, als die Gewißheit seiner selbst? Das ist erbaulich!

Gesell: "Die Philosophie muß sich hüten, erbaulich seyn zu wollen."

Meister: In Gottesnamen! Sein Selbst ist also weder gut noch schlecht, d.i. so viel als gar nichts. Nun, dann kann ich, der Prügel auf die Gewißheit seines Selbsts wegen, in meinem Gewissen mich beruhigen.

Gesell: "Das Gewissen ist das negative Eins oder absolute Selbst, welches die verschiedenen moralischen Substanzen vertilgt; es ist einfaches pflichtmäßiges Handeln, das nicht diese oder jene Pflicht erfüllt, sondern das konkrete Rechte weiß und thut. Es ist daher erst überhaupt das moralische Handeln als Handeln, worin das vorhergehende thatlose Bewußtseyn der Moralität übergangen ist. - Die konkrete Gestalt der That mag vom unterscheidenden Bequßtseyn in verschiedene Eigenschaften, d.h. hier in verschiedene moralische Beziehungen analysirt und diese entweder jede, wie es seyn muß, wenn die Pflicht seyn soll, für absolut geltend ausgesagt oder auch verglichen und geprüft werden. In der einfachen moralischen Handlung des Gewissens sind die Pflichten so verschüttet, daß allen diesen einzelnen Wesen unmittelbar Abbruch gethan wird, und das prüfende Rütteln an der Pflicht in der unwankenden Gwißheit des Gewissens gar nicht stattfindet."

Meister: Höre Er, denkender Schuster-Gesell! Wenn man so in frostiger Abgeschmacktheit vom Gewissen reden kann, muß man keines haben.- Er verschüttet die Pflichten in das Einfache? In's Einfache kann ich nichts hineinschütten; es ist kein Raum dazu da. Und wie kann das Gewissen diesen verschütteten Pflichten als einzelnen Wesen Abbruch thun? - Wie dem jedoch sey, ich habe nicht seinem Gewissen, nicht seinen Pflichten, sondern seiner Narrheit Abbruch thun wollen. Darum habe ich Ihn geprügelt. Und davon wird vor der Polizei die Rede seyn.

Gesell: Euer Selbstbewußtseyn hat mein Selbstbewußtseyn negirt; dabei habe ich das meinige, in dem Kampfe auf Leben und Tod, nicht außer sich geltend machen können, sondern es in meine Substanz gegen die Accidenzen des Prügelns zurücknehmen müssen. "Das in die Substanz zurückgenommene Daseyn ist durch jene (Eure) erste Negation nur erst unmittelbar in das Element des Selbst versetzt." Natürlich! Denn mein Selbst konnte sich nicht in das Element des Wiederprügelns des Anderen versetzen, sondern blieb in sich selbst sitzen, als sein eigenes Eigenthum. "Dieses ihm erworbene Eigenthum hat also noch denselben Charakter unbegriffener Unmittelbarkeit, unbewegter Gleichgültigkeit, wie das Daseyn selbst, dieses ist nur so in die Vorstellung übergegangen."

Meister: Nun ja, wir wollen hinübergehen, und uns dem Herrn Commissär vorstellen. So meint er doch? Gesell: Nicht ganz so. Mein "in die Substanz zurückgenommenes Daseyn ist zugleich damit ein bekanntes?"

Meister: Ihr seid dem Commissär bekannt?

Gesell: Ich sage: "ein solches mit dem der daseyende Geist fertig geworden. ..."

Meister: Wenn der Geist durch die Schläge mit Euch fertig geworden, - worüber wollt Ihr klagen?

Gesell: "In dem Bekannten ist die Thätigkeit des Geistes und somit sein Interesse nicht mehr."

Meister: Das heißt: weil ich auf die bewußte Weise mit Euch fertig geworden, braucht mein Geist nicht mehr thätig zu sein (schwingt den Stock); und darum seyd Ihr nicht mehr interessant?

Gesell: "Wenn die Thätigkeit, die mit dem Daseyn fertig wird, selbst nur die Bewegung des besondern, sich nicht begreifenden Geistes ist, so ist dagegen das Wissen gegen die hierdurch zu Stande gekommene Vorstellung gegen das Bekanntseyn gerichtet?"

Meister: Was? Euer Wissen will nvon dem Bekannten nichts wissen?

Gesell: "Es ist Thun des allgemeinen Selbsts und das Interesse des Denkens".

Meister: "Geselle, Geselle! Wie mögt Ihr nur, wenn nicht geradezu unsinnig, doch auf unsinnige Art so schwatzen? Wie wird ein Geist, der seine eigene Bewegung nicht begreift, mit dem Daseyn fertig? Was hat die Philosophie mit solchen Geistern zu schaffen? Und wie kann ein Wissen ohne Vorstellung Interesse für das Denken haben? Oder ist das Denken, es mag dumm oder gescheidt, leer oder gehaltvoll seyn, an und für sich schon ein Wissen? - Ich bitte Ihn, um Gotteswillen, kehre Er aus der Herberge seines übersinnlichen Jenseits nur einmal bei der Restauration zum gesunden Menschenverstand ein, und lasse Er sich, statt des allgemeinen Selbst, eine besonders gute Kraftbrühe geben, damit Er etwas im Leibe bekomme, das seine erfrorene Seele wieder erwärme.

Gesell: Zum gesunden Menschenverstand? Ja, ja! Höher will sich der Meister nicht versteigen! Er bemüht sich nicht um "anderes Wissen und eigentliche Philosophie", solchen Verstand hält er "für ein so gutes Surrogat, als etwa die Cichorie ein Surrogat des Kaffee's zu sein gerühmt wird."

Meister: Das soll wohl witzig seyn? Meinetwegen, halte Er den gesunden Verstand für Cichorie und sein künstliches Mischmasch für natürlichen Kaffee. Mir ist der Mokka lieber, obgleich ich kein Arabisch verstehe. - Doch, guter Freund, wenn Er noch zur Polizei will, so ist es gerade rechte Zeit.

Gesell: Mein Selbstbewußtseyn bestimmt sich selbst zu dieser Bewegung gegen das Polizeibewußtseyn. Dort wird sich ergeben, "daß das Absolute allein wahr, oder das Wahre allein absolut ist." Also fort zur hohen Obrigkeit!

(Beide ab)
Zweiter Auftritt
(Bureau des Polizeicommissärs)
Commissär - Meister - Gesell

Commissär: Ich freue mich, lieber Nachbar, Sie zu sehen, Sie sind mir stets wilkommen.

Meister: Ach, Herr Commissär, ich fürchte, dießmal wird es Anders seyn.

Commissär: Wie so? Was ist geschehen?

Meister: Die Philosophie hat mich in eine unanständige Bewegung gesetzt.

Commissär: Erklären Sie sich deutlicher.

Meister: Die Sache ist, kurz zu sagen, diese: nebenstehendes Selbstbewußtseyn beklagt sich, von mir, wie es spricht, negirt zu seyn. Ich, als unphilosophischer Bürger, sollte ich seine feine Sprache ins Plumpe übersetzen, würde mich also ausdrücken: der Mann hier klagt mich an, ihn geprügelt zu haben.

Gesell: Ich klage mit dem größten Rechte, oder vielmehr, da "die Größe nur das Princip des begriffslosen Unterschiedes ist", und das mathematische Verhältniß der Größe auf das moralische Wesen des Rechts keine Anwendung leidet, so klage ich, nicht mit großem oder kleinem, sondern mit einfachem Recht an sich, daß der Meister, welcher hier sich hoher Polizei gegenständlich gegenüber stellt, mich, wie ein dingliches Seyn behandelt, mir die Anerkennung meines Selbtbewußtseyns verweigert, dagegen selbiges Bewußtseyn durch Negation eines spanischen Vegetabiles in gemeine Wirklichkeit hinabgestoßen hat. Wohl mochte er glauben, seinen Stock dadurch vergeistigt zu haben, daß er ihn (den Stock) als Mittel brauchte, mich zum gesunden Verstande zu bringen, der ihm das Höchste ist, und den Ich verachte. Allein "es hilft nichts, den Dingen der Wahrnehmung den Tod der Abstraktion genommen und sie zu Wesen geistiger Wahrnehmung erhoben zu haben; die Beseelung dieses Geisterreichs hat ihn" - (den Tod der Abstraktion?) - "durch die Bestimmtheit und die Negativität an ihr, die über die unschuldige Gleichgültigkeit derselben übergreift. Durch sie wird die Zerstreuung in die Mannigfaltigkeit der ruhigen Pflanzengestalten eine feindselige Bewegung, worein sich der Haß ihres Fürsichseins aufreibt."

Meister: Wenn er so fortspricht, wird Er der hohen Obrigkeit Langeweile machen, da sie nicht wissen kann, was Er will.

Gesell: Ich will sagen, es geschah auf diese Weise, daß der Meister "die ruhige Pflanzengestalt" seines spanischen Vegetabils gegen die Substanz meines Rückens, als der Nachtseite meines Ichs, in "eine feindselige Bewegung" brachte, und zwar durch vielfache Schläge, d.i. "die Zerstreuung in die Mannigfaltigkeit"; und daß darein sich "der Haß seines Fürsichseyns aufrieb", weil er nach dem Schlagen wieder ganz freundlich wurde, und sich von dem Prügeln in sich selbst zurückzog. Während dem Schlagen aber ging sein erzürntes Gemüth aus der Pflanzenreligion in die Thierreligion über. Denn, es ist klar: "die Unschuld der Blumenreligion, die nur selbstlose Vorstellung des Selbst ist, geht in den Ernst des kämpfenden Lebens, in die Schuld der Thierreligion, dir Ruhe und Ohnmacht der anschauenden Individualität in das zerstörende Fürsichseyn über."

Commissär: Daran ist nicht zu zweifeln. Was aber ist eigentlich Euer Begehren? Was führt Euch her?

Gesell: Ich komme zur hohen Polizei, welche ist die Stütze des Weltlaufs; - und "die Individualität des Weltlaufs ist besser, als sie meint", wie ich dem Meister bereits erklärt habe. Ich komme und bitte, der Herr Commissär, als verehrter Indifferenzpunkt zwischen uns, den beiden Extremen, wolle den Meister in solche Bestimmtheit des Verhältnisses setzen, daß er die Negative zurück in seine Substanz aufnehme, und auf solche Weise sein Selbstbewußtseyn wenn nicht concret, doch absolut, als reines Prügeln gedacht, selbst prügeln möge - freiwillig oder als Gegensand sich vorstellend, von hoher Polizei dazu verurtheilit werden möge.

Commissär: Ihr seyd ein Hegelianer?

Gesell: Der Herr Commissär sprechen mit dieser Bemerkung mein Selbst rein aus; zugleich ersehen Hochdieselben darin den Satz des Widerspruchs, der zwischen mir und diesem Meister in unentschiedener Mitte schwebt.

Commissär: Seyd Ihr außer Hegelianer noch sonst etwas?

Gesell: Schuhmacher, unterthänigst aufzuwarten; denkender Schuhmacher.

Commissär: Und einen solchen hat mein Herr Nachbar mit dem spanischen Rohr unsanft berührt?

Gesell: Ganz unsanft, rein unsanft. Sanft ist der absolute Gegensatz dessen, was ich empfunden habe.

Commissär: Herr Nachbar, Sie hätten wirklich diesen armen Mann ...

Gesell: Hohe Polizei wolle erlauben, - ich bin nicht arm. Mein Ich trägt die Welt in sich; "das Selbstbewußtseyn ist nicht nur für sich, sondern auch an sich alle Realität dadurch, daß es diese Realität wird."

Meister: Reich ist er also auch? Wie kommt es denn, mein reicher Herr Denker, oder gedachter Reicher, daß Er mit diesem koch im Ärmel (zeigt auf ein solches) durch seine Welt wandert?

Gesell: Dieses Loch fällt Euch nur auf, weil Ihr nicht wißt, ob es ein Seyn für sich, oder ob es ein Seyn für Anderes ist. So ist es für Euch eine "Erscheinung; denn Schein nennen wir das Seyn, das unmittelbar an ihm selbst ein Nichtseiyn ist."

Meister: Sonach wäre ein Narr die Erscheinung eines Weisen, weil der Narr im Nichtseyn der Weisheit ist!

Gesell: Das innere Wesen dieses Lochs kennt Euer Bewußtseyn nicht. "Noch ist das Innere reines Jenseits für das Bewußtseyn, denn es findet sich selbst in ihm noch nicht; es ist leer, denn es ist nur das Nichts in der Erscheinung und positiv für das einfache Allgemeine."

Commissär: Für den Meister ist Euer Loch deßwegen ein Jenseits, weil sein Selbst noch nicht bis in dasselbe gedrungen. Erlaubt mir aber Euer Ich darin aufzusuchen und zu errathen. Ich glaube nämlich Ihr habt das Loch nur gesetzt als Symbol der äußeren zerrissenen Welt, damit die gemeine Wirklichkeit sich darin spiegle.

Gesell: Richtig! Darum nannte ich das positive Loch "das einfache Allgemeine". - Kehren wir aber aus dem Loch zurück in uns selbst und zu hoher Polizei, welche ich gesetzt zur Vermittlung der Extreme.

Commissär: Ihr habt die Polizei gesetzt?

Gesell: Wer sonst als das Ich? sonst wäre sie Nicht-Ich.

Commissär: Ganz recht! Ich besinne mich: wir sind nur durch Euer Bewußtseyn.

Gesell: Und mein Bewußtseyn setzt Euer Wohlgeboren als denjenigen, welcher Recht sprechen soll.

Commissär: Herr Meister, ist es wahr? Haben Sie diesen Philosophen negirt?

Meister: Ich kann und will es nicht läugnen.

Gesell: Doch hatte ich sein Selbst anerkannt, und noch jetzt, aus Achtung für dasselbe, fordere ich nur daß er, durch Zurückgehen in sich selbst, die Operation an der eigenen Substanz vollziehe.

Meister: Ich soll mich selbst prügeln?

Gesell: Mehr verlange ich nicht. Dieß ist großmüthig und könnte, wenn es Sitte würde, den Weltlauf zu Ehren bringen.

Commissär: Unbezweifelt! - Wenn ich übrigens in Ihrer Sache, meine Herren, klar sehe, so ist Ihr Streit ein gelehrter?

Gesell: Allerdings, ein grundgelehrter.

Commissär: Als solcher aber gehört er nicht vor die Polizei.

Gesell: So setzen wir ihn als ungelehrt.

Commissär: Dieß wäre wohl möglich, weil mit ein bißchen Dialektik man als Allem alles machen kann. Es wäre aber nicht wahr.

Gesell: "Das Wahre und Falsche gehört zu den bestimmten Gedanken, die bewegungslos für eigene Wesen gelten, deren eines drüben, das andere hüben ohne Gemeinschaft mit dem andern isolirt und fest steht. - Es gibt aber kein Falsches, so wenig es ein Böses gibt."

Commissär: Da dürfte ich es mir wohl bequem machen. Indessen ist Ihre Sache an sich und für sich eine gelehrte, dergestalt, daß die Polizei nur vom Unverstande oder von feiger Bosheit zu Hülfe gerufen werden könnte. eine Polizei über die Wissenschaften könnte nur von den sieben Weisen Griechenlands ausgeübt werden, und diese sind, so viel ich weiß, nicht bei uns zu finden. - Leistete unsere Polizei dem Unverstande und der Bosheit Hülfe, so träte sie in deren Dienst.

Gesell: Das klingt wie nur gesunder Verstand, auf welchen ich mich nicht verstehe.

Commissär: Ein Beispiel wird die Sache näher bestimmen. Denken wir uns einen ungelehrten, allenfalls unwissenden Censor, der, aus Liebhaberei, oder weil es Mode geworden, an Gespenster glaubt; und lassen wir eine Satyre auf Spuckgeschichten ihm vorlegen. Was wird er thun? Er wird, in seinem der Nachtseite der Natur zugewendeten Gewissen, sich für berechtigt halten, die Satyre zu streichen. Werden aber dadurch die Gespenster zu Ansehen kommen? Wird nicht vielmehr das Ansehen des Amtes compromitirt? Wird dieses nicht lächerlich; wenn es nicht gar die Schriftsteller empört, statt sie an Ordnung zu gewöhnen? - Ich wähle absichtlich ein Ihrer Sache fremdes Beispiel, den Fall unbefangener aufzufassen. - Um so viel höher aber der Hegelianesmus, über die Gespensterseherei steht, um so weniger soll sich die Polizei anmaßen über Lehren der Philosophen abzusprechen, wenn auch Mystiker und andere Lakaien der Finsternis solches wünschen möchten. - Sie sehen, meine Herren, ich muß die Einmischung in Ihre Händel ablehnen.

Gesell: Eine hohe Polizei soll sich auch nicht einmischen; soll nicht mit den beiden Extremen oder mit dem einen Extrem sich vereinigen, sondern zwischen dem aktiven und passiven Prügeln ein juste milieu halten, welches heut zu Tage die beste Politik gegen das Zuschlagen ist. Hohe Polizei wird nur gebeten, den negativen und den positiven Pol in der Electricität des bewußten spanischen Vegetabils zu neutralisieren.

Commissär: Wenn ich es versuchen wollte, so dürfte ich es nicht in meinem Amte; nur als Mensch könnte ich freundlich rathen.

Gesell: Obwohl mir die Menschenfreundlichkeit verdächtig ist, denn sie ist "eine bestimmte Pflicht und daher als solche für das moralische Bewußtseyn nicht Heiliges." - So bitte ich doch um den Rath hoher Obrigkeit.

Meister: Ich nicht minder.

Gesell: Durch den Rath wird das ruhende Seyn Ihrer Weisheit flüssig werden, und ich werde ihn als Tiefe des Geistes aufnehmen; denn wollte ich ihn nur in dem "vorstellenden Bewußtseyn stehen lassen, so wäre dieß dieselbe Verknüpfung des Hohen und Niedrigen, welche die Natur in der Verknüpfung des Organs der Zeugung und des Organs des Pissens naiv ausgedrückt. - Das unendliche Urtheil als unendliches wäre die Vollendung des sich selbst erfassenden Lebens" (das ist die Zeugung); "das in der Vorstellung bleibende Bewußtseyn aber verhält sich als Pissen."

Meister: Ei, Freund, das Pissen schickt sich nicht vor hoher Polizei.

Gesell: Eben darum will ich den Rath des Herrn Commissärs in mir selbst aufnehmen als ein sich selbst erfassendes Leben meiner Zeugung, und nicht bei der Vorstellung stehen bleiben, die nur ein Wasserabschlagen ist.

Commissär: Wahrscheinlich, Herr Nachbar, waren es Äußerungen dieser Art, welche Sie in Zorn setzen?

Meister: In der That! Wollte ich bei solchen Reden nicht selbst verrückt werden, so mußte ich durch die schlagende Waffe sie mir fern halten.

Commissär: Doch hat dieser Philosophie-Geselle nur buchstäblich Stellen aus einer Schrift seines Meisters hergesagt. Sein Gedächtniß ist zu bewundern, scheint aber nicht hinreichend, ein sich selbst erfasssendes Leben zu werden, sondern begnügt sich mit dem Ablassen der Worte.

Gesell: Herr commissär sind wohl ein kritischer Philosoph? Darüber sind wir längst hinaus.

Meister: Unterbreche Er nicht immer die hohe Polizei; lasse Er den Herrn seine gute Meinung von unserer Sache sagen.

Gesell: Meinung? - Ja, ja, eine bloße Meinung genügt Euch auf Eurem Standpunkt.

Commissär: Ich will dem Herrn Philosophen meine Meinung nicht aufdringen, sondern seine eigene zu erforschen suchen. - Nicht wahr, Ihr sagtet vorhin, es hätte Euer Selbst das Selbst dieses Meisters anerkannt?

Gesell: So tat ich.

Commissär: Ihr konntet aber in dem Andern das Selbst nicht anerkennen, ohne Euer eigenes Selbst in ihn zu übertragen.

Gesell: Dieß habe ich ihm der Länge nach vordemonstrirt.

Commissär: Also! Während Euer Selbst in dem Andern war, hat dieser als Euer zweites Ich Euer erstes Ich geschlagen. Das erste und das zweite Ich sind aber absolut dasselbe. Ferner, das Selbst des Meisters, das Euer Selbst nicht anerkannte, hat sich nicht in Euch versetzen können, weil es nichts von Eurem absoluten Seyn wußte. Also hat nicht das Selbst des Meisters, sondern Euer eigen Selbst, das in ihm war, Euch geschlagen, und der Meister ist unschuldig.

Gesell: Meister, ist dem also?

Meister: Ich widerspreche nie einer hohen Polizei.

Commissär: Noch einmal, ich rede nicht als Polizei.

Gesell: Der Gedanke des Herrn Commissärs ist einunendliches Urtheil, hoch erhaben über die bloße Vorstellung. In der That, verändere ich die dialektische Form, so erkenne ich, daß in der ganzen Geschichte mein eigenes Selbstbewußtseyn die Zerstreuung in die Mannigfaltigkeit der Momente veranlaßt, gemacht, und am Ende die Sammlung in die Einheit des Bewußtseyns entschieden hat. Meister, hier meine Hand der Versöhnung. Ich setze Euch als ein unschuldiges Selbst, und bitte um Verzeihung, daß mein Ich, während es in Euch war, Eure Substanz dazu gebraucht, mein Selbst zu schlagen. Dabei hatte ich über die Phänomenologie Eures Geistes nur etwas mich geirrt.

Meister: Auch ich bitte gern um Verzeihung, denn es ist allemal gegen den Anstand, durch andere Mittel, als durch vernünftige Vorstellung, den Nebenmenschen zu sich selbst zu bringen. Ihr haltet aber nichts auf Vorstellungen. - Außerdem waret Ihr gewarnt. Ihr hättet mich nicht reizen sollen.

Gesell: Wie hätte ich anders gekonnt? Unsere beiden Selbstbewußtseyn mußten auf Leben und Todt mit einander kämpfen.

Meister: Das ist das alte Lied; fangen wir es nicht von Neuem an. - Bedanken wir uns vielmehr bei dem Herrn Commissär für seine freundliche Verwendung, kehren wir in unser Inneres zurück oder, wenn Er will, in meine Werkstatt, wo Er endlich, frisch und muthig, sich an die Arbeit der Probestiefel setzen mag.

Gesell: Die Stiefel sind längst fertig.

Meister: Ihr habt die Probearbeit mitgebracht?

Gesell: Der Begriff des Stiefels ist in mir; was im Begriff ist, hat allgemeines Daseyn, während der besondere Stiefel, als bloßes Ding, nur eine geistlose Wirklichkeit hat. Aus dem allgemeinen Seyn den Stiefel ins besondere Seyn hinabzuziehen, was ein verkehrtes Abstrahiren wäre, ist Kinderspiel. Die Stiefel, die ich Euch bringe, sind ideale Stiefel, und zugleich ein reales Beispiel, daß der Hegel'sche Idealismus eine praktische Wissenschaft ist.

Commissär: Wir müßten blind seyn, dieß nicht zu sehen. Sie hören, Herr Nachbar, der Mann ist seiner Sache gewiß, und unwiderlgbar. Darum solltenSie ihm die idealen Stiefel abkaufen; (heimlich zum Meister) als eine Art Schmerzensgeld.

Meister: Nicht mehr als billig! Hier, Herr Philosoph, sind fünf Gulden; (reicht ihm das Geld) wollt Ihr mir die Dingerchen dafür überlassen?

Gesell: Mit einfachem Vergnügen an sich. (Steckt das Geld ein). Ihr könnt die Stiefel in Eurem Bewußtseyn nur gleich nach Hause nehmen.

Commissär (zum Meister): Da diese Stiefel, ohne Zweifel, auch auf meinen Fuß passen, so kaufe Ich sie Ihnen wieder ab. Hier sind fünf Gulden als Ersatz für Ihre Auslage.

Meister: Nicht also, Herr Commissär; die idealen Stiefel sind mir ans Herz gewachsen.

Commissär: Ich weiß, Ihr Herz hat sie dem Mann abgekauft. Dich bitte Ich, den Ersatz nicht zurückzuweisen. Ich wünsche die Ideenstiefel in meinem Naturalien-Cabinet, aufzubewahren.

Gesell: Ah, der Herr Commissär sind ein Naturphilosoph!

Meister: Ich kann das Geld nicht nehmen; auch wünsche ich diese fixe Arbeit in meiner Werkstatt als Muster für die Gesellen aufzuhängen.

Gesell: Meine Herren, es gibt ein Mittel, Ihrem edelmüthigen Streit ein Ende zu machen. die von meinem Selbst jetzt abgelösten Stiefel gingen aus dem Begriff, d.i. aus einem allgemeinen Daseyn hervor. Aus diesem allgemeinen Stiefeldaseyn können Sie so viel besondere Stiefelseyn nehmen, als Ihnen beliebt. Die Zahl ist eine Categorie des niedern, vorstellenden Verstandes, und ändert nichts an dem Wesen der Stiefel an sich.

Commissär: Ihr seyd ein ungemein scharfsinniger Dialektiker. Ich bin Euch für solche Belehrung unendlichen Dank schuldig. Nehmet einstweilen, als Abschlag auf die Unendlichkeit, diese fünf Gulden, wogegen ich mir aus dem Begriff des Stiefels ein Paar abstrahieren werde.

Gesell: (Nimmt das Geld) Euer Hochwohlgeboren sind gar zu generös. Ich nehme das Geld; (steckt es ein) und indem ich es dem Innern meiner Westentasche anvertraue, rufe ich, mit numismatischem Nachdruck, in die äußere Welt freudig aus: Es lebe die hohe Polizei und der Meister als Selbst!! - So gut ist es mir noch nicht geworden; sogar nicht in Berlin, wo doch die alleinseeligmachende Philosophie einheimisch und so zu sagen Hausbacken-Brot geworden; mein Selbst wäre dort fast verhungert. Ein so theilnehmendes und theilgebendes Bewußtseyn als hier, fand ich noch nirgend.

Meister: Jetzt spricht er auf einmal ganz natürlich.

Commissär: So seyd Ihr zufrieden?

Gesell: Bis zum vollendeten Urtheil.

Commissär: Dann erweist Ihr mir wohl eine Gefälligkeit? Sagt, wie seyd Ihr als Schuhmacher, zu der Philosophie gekommen?

Gesell: Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich zu der Philosophie, oder sie zu mir gekommen ist. Ursprünglich wußte sie so wenig von mir, als ich von ihr. - Vom historischen Standpunkt aus angesehen ging's bei der Sache eigentlich so zu. Ich arbeitete in Berlin bei dem Schuhflicker-Obermeister Michel Leerstroh, bei welchem der hochseelige Ober-Professor der Philosophie seine zerrissenen Stiefel besohlen ließ. Woher der Verstorbene im Leben neue Stiefel bezog, habe ich nie erfahren. Man hat von Kant, Fichte, u.s.w. gesprochen; ich weiß davon nichts Gewisses. Genug, da ich der jüngste Geselle in der Werkstatt war, so schickte mich der Meister mit den neubesohlten hegelianischen Stiefeln zu dem großen Mann, und dieser gab mir jederzeit für meine Mühe zwei gute Groschen -Trinkgeld, wie man zu sagen pflegt. Einstmals hatte der Erhabene keine Münze in der Tasche; da gab er mir sein Buch und sagte; dieß könnte ein unverlierbares Capital für mich werden, wenn ich es zu fassen vermöchte. Ich faßte es mit beiden Händen und ging damit nach Hause. Seitdem lese ich das Zauberbuch bei jeder müßigen Stunde. Ich habe es von Anfang bis Ende, vorzüglich die dunkelsten Stellen, die ich darum für die schönsten halte, auswendig gelernt. So bin ich ein anderer Mensch, freilich auch bisweilen ein geprügelter geworden. Nie sah ich meinen Eifer wie heute belohnt; bin aber auch forthin bereit, mich für die Wissenschaft todtschlagen zu lassen; denn Dero Gunst hat mich überzeugt, daß sie eine nützliche Wissenschaft ist.

Commissär: Eure Geschichte ist belehrend, oder könnte es seyn. Ihr habt das Buch auswendig gelernt? Etwas Ähnliches mögen auch andere Schüler Hegels gethan haben. Damit aber hätten sie sich nicht begnügen sollen. Verstanden sie ihren Meister, so hätten sie "die tiefsinnigen Schöpfungen seines Geistes", wie sie sagen, "in würdiger Gestalt der Nachwelt zu überliefern", vor Allem seine Werke in eine des Gegenstandes würdige Sprache, in reines, gebildetes Deutsch, übertragen sollen. - Die Philosophie, wie sie in einem Volke sich gestaltet, ist der Prüfstein des Grades seiner Civilisation. Darum soll sie in der edelsten Sprache, wie seine großen Schriftsteller sie gebildet, verkündet werden. Spräche sie einen barbarischen Dialekt, so brächte sie die höchste Blüthe der Wissenschaft in Gefahr, als ein Zeichen der Barbarei der Nation angesehen zu werden. - Es gibt ein untrügliches Mittel, die philosophische Sprache eines Schriftstellers zu prüfen: man versuche, seine Gedanken ins Lateinische, Englische oder Französische zu übersetzen. Bei Hegel's Schriften ist dieß schlechthin unmöglich. Besteht etwa in ihnen "die großartige Eigenthümlichkeit der Darstellung" in der Unzertrennlichkeit der Wörter und ihrer Folge, von den Gedanken? - Der tiefsinnigste Satz muß von dem, der ihn versteht, auf verschiedene Weise (wovon freilich eine besser als die andere) ausgesprochen werden können, weil der Geist das Wort, nicht das Wort den Geist als seinen Sklaven beherrschen soll. - Abgötterei mit einer offenbar fehlerhaften Darstellung zu treiben, ist keine Pietät, ist der Philosophen unwürdig. - Wer sich selbst achtet, wird nicht voraussetzen wollen, daß wissenschaftliche Männer, die von den Lehren Hegel's begeistert zu seyn behaupten, nicht wissen sollten, welche Art von Klarheit unter der dunklen Hülle verborgen sey. Ich möchte daher gern glauben, Hegel's System sey eine so vollendete Minerva als jene des Phidias; noch aber ist die Statue verpackt in Werg, Hobelspäne und Sackleinwand; ist dem Auge des Kunstfreundes entzogen - er kann das Colli nicht bewundern. - Aus dem, was bis jetzt offenbar geworden, läßt sich nur bemerken, daß eine so frostige als geschmacklose Dialektik die Muse war, die Herrn Hegel begeisterte. Und diese Muse hat noch nicht sprechen gelernt, sie lallt nur wie ein Kind, stottert wie ein Knabe in Flegeljahren. Da ist freilich kaum zu verwundern, wenn selbst seine Anbeter ihn nicht verstehen, und, trotz der Dialektik ihres Meisters, zu bestimmten Begriffen sich nicht zu erheben wissen, sondern fortwährend sich ergehen im Nebel eines vieldeutigen Wortkrames. - Hätten sie den Lehrer verstanden, d.h. zu unterscheiden gewußt, in wieweit seinen Gedanken die Kunde des Menschengeistes zugrunde liege, sie würden nicht, unter seinen Augen, ihre wie Unkraut aufgeschossenen Einfälle für Aussprüche der Weisheit im Gebiete der Religion und der Natur zu vertrödeln sich anmaßen. Beispiel sind nicht weit zu suchen. So gibt es unter seinen Schülern Mystiker, die sich von den Absichten der Vorsehung soviel zu erzählen wissen daß man sie für geheime Legationsräthe des ewigen Vaters halten möchte, welche Er, als seine Diplomaten, in die Welt geschickt, den Verstand der Menschen in Zucht und Aufsicht zu nehmen sie wissen genau, was bei dem jüngsten Gericht wird gesprochen werden über die Königin Elisabeth, die unglückliche Maria Stuart und über Napoleon. In Bezug auf Letzteren versichern sie, unser Herrgott denke über den Mann gerade wie sie. Diese und andere Mystiker hätten aus Hegel's Schriften Besseres lernen können, und einsehen sollen, daß sie eine schlechte Kunst treiben, und daß die Ruthe schon gebunden sey, die sie für ihren, der Kirche nahen, von Gott entfernten Übermuth züchtigen soll. - Es gibt ferner Naturforscher, die ein künstliches, mäßig langes und breites Netz an ein Stückchen der unermeßlichen Natur legen, und, wenn sie zwischen den Fäden und Knoten des Netzes einige bunte Stellen schimmern sehen, sich einbilden, sie hätten die Natur erfaßt und geordnet. Diese Herren könnten durch Philosophie gewarnt werden, ihr Netzgewebe nicht für den Schleier der Iris zu halten; sondern sich Rechenschaft zu geben, von den aus dem Menschengeiste genommenen Werkzeugen, ehe sie, bewußtlos, mit diesen die unabhängige Natur in Schule und Dienstbarkeit nehmen. - Auch einige Geographen wäre die Hegel'sche Dialektik zu empfehlen, damit sie wo möglich, aus dem Staube unnützer Gelehrsamkeit sich erheben lernen; und ihnen klar würde, daß sie die lebendige Erde nur verdecken, wenn sie von einem Schreiner gezimmertes Gerüste, aus Treppen, Stufen, Eckpfosten, Dielenboden oder Hochebenen bestehend über die Kugelfläche legen, und auf solchen Stufen in den Organismus der Erde hinab oder zu ihn hinauf zu steigen vermeinen. - So gibt es wohl noch andere gelehrte Herren, die ihre angeblich wissenschaftlichen Reichthümer erst auf die Waage der Dialektik legen sollten, ehe sie mit unächtem Golde die Anforderungen der Zeit liquidieren zu wollen sich anmaßen.

Meister: Curios, ich verstehe zwar den Herrn Commissär auch nicht ...

Commissär: Sie erinnern mich zur rechten Zeit, daß ich in denselben Fehler verfalle, den ich an anderen tadele: sich nicht verständlich für die Zuhörer auszudrücken. Mein Eifer hat mich verleidet, die Umstände zu vergessen, und mit ihnen von fremden Gegenständen zu sprechen. - Mir war's als ständen einige Herren vor mir, denen ich ein freundlich Wort an's Herz zu legen wünschte. Verzeihen Sie meine Zerstreuung.

Meister: Ich wollte nur bemerken, wenn ich den Herrn Commissär auch nicht verstehe, so klingt mir doch Ihre Rede wie ein Sinn, in welchen ich eindringen möchte. Wenn aber unser Freund hier seine auswendige Weisheit losläßt, so ist mir zu Muthe, als müßte ich davonlaufen.

Gesell: Dieß hat darin seinen Grund, daß Ihr den großen Hegel nicht versteht.

Commissär: Leicht möglich! Hat doch der Pythagoras von Nürtingen selbst gesagt: es hätte ihn nur einer seiner Schüler verstanden, - ich glaube, es war sein Johannes, - und dieser hätte ihn mißverstanden. Meister: Jetzt ist noch übrig, um Entschuldigung zu bitten, daß wir den Herrn Commissär so lange von ernsten Geschäften abgehalten haben.

Commissär: Es bedarf keiner Entschuldigung. Gelehrte Gespräche sollten die Polizei nicht stören, sie haben jederzeit ihren Nutzen.

Gesell: Das will ich glauben. (Klingelt mit dem Gelde in der Tasche) "Nie ohne dieses." - Sollte hohe Polizei noch absolute Schuhe oder Kaloschen brauchen, so will ich mich recommandiert haben. Commissär: Danke! Bin hinreichend versehen.

Meister und Gesell (zugleich): Wir empfehlen uns gehorsamst. (Verneigen sich und gehen ab)

Commissär: (Streckt die Hand aus, als hielte er Etwas vor den Augen) Absoluter Stiefel! Was wird dein Schicksal im Weltlaufe seyn? - "Allemal derjenige, welcher" ... Alle diejenigen, welche ... "Darum keine Freundschaft nicht!!!"

(Der Vorhang fällt)