Der rote Palast oder der Alp PDF Drucken E-Mail
Claude Farrére

Ganz gewiß, ich bin kein Mensch mehr - darüber ist kein Zweifel. Zwischen mir und dem menschlichen Geschlechte gibt es nichts Gemeinsame, weder Gefühle noch Gedanken. So paradox dies klingen mag, lebe ich trotzdem - aber die Funktion des Lebens löst in mir neue Phänomene aus, die andrer und höherer Art sind, wie die der gewöhnlichen Sterblichen. Ich bin also kein Mensch mehr, aber - und das ist ganz gewiß ein einzig in seiner Art stehendes Abenteuer - ich bin auch nichts andres georden - weder eine Leiche, noch ein Phantom, keins von beiden. Mein Körper ist noch da, ich sehe, ich berühre ihn, es ist wirklich ein menschlicher Körper. Um ihre gegenwärtige Verfassung zu erhalten, haben meine Sinne und Gedanken nicht das Bedürfnis gehabt, den Körper zu verlassen. Ich habe sogar mein früheres Aussehen so vollständig behalten, daß sie, die früher meinesgleichen waren, sich über die mit mir vorgegangene Veränderung täuschen könnten. Ich habe mit der Erde gebrochen, ohne festen Fuß in dem Jenseits gefaßt zu haben. Ich bin wie eine im Fegefeuer schmachtende Seele, diezwischen zwei Epochen hin und her schwankt - oder wie ein Kind, das zu früh dem Mutterleibe entrissen, sich noch nicht zu der Klarheit des Lebens durchzuringen vermag ... Und so barock dies erscheinen mag, ich bin nicht einmal erstaunt darüber. Übrigens ist die Sache, wenn ich sie recht überlege, ganz einfach. Mein Ego ist eben zu rasch und vor der bestimmten Zeit gereift; - das ist alles. Ich erinnere mich, vor Jahren einmal gesehen zu haben, wie eine inmitten eines Baumgartens gelegene Scheune von einer Feuersbrunst ergriffen und vollständig verzehrt wurde. Es war Frühling. Vom Abend zum Morgen waren die Früchte der der Scheune zunächststehenden Aprikosen- und Pfirsichbäume durch die Glut des Feuers vollständig gereift. Sie fielen indessen nicht ab, weil die Zweige, auf denen sie saßen, noch frisch geblieben waren. So ist es mir ergangen: Mein Körper lebt noch und umgibt mich - der ich dem Leben abgestorben bin und schon mit einem Fuße im Jenseits stehe. Wahrhaftig, ich bin keineswegs überascht davon. Denn wenn man darüber nachdenkt, gibt es keine zwingende Notwendigkeit dafür, daß der Tod des Geistes auch den Tod seiner irdischen Hülle bedinge. die irdische Hülle kann weiter existieren, während der Geist, wenn auch in unvollkommenem Zustand, schon im Jenseits lebt. Ebenso kann das Umgekehrte der Fall sein. Nichts ist wahrscheinlicher und logischer. Es genügt ein in sich ganz unbedeutendes Ereignis, ein Stein in unserem Wege, eines Feuers, das die Pfirsiche vorzeitig reift - des Opiums, mit dem ich eine Pfeife nach der anderen rauchend meine Adern erfüllt habe, um eine solche Verwandlung zu erzeugen. Ich gebe zu, daß ich mein ganzes Leben lang sehr viel Opium geraucht habe, und seit mein Ego gestorben ist, rauche ich noch mehr als früher. Das Opium wird also wohl die Grundursache dieser seltsamen Erscheinung sein.
Das Leben meiner Seele hat sich dadurch schneller verbraucht und verkürzt, während die Entwicklung ihrer körperlichen Hülle den normalen Weg ging.
Noch einmal, nichts ist wahrscheinlicher und logischer. Jeder wird mir zugeben, daß das wundertätige Opium die Macht besitzt, einen Menschen über alle anderen zu erheben, ihn sozusagen ganz von der groben Substanz seines Körpers abzulösen, wenngleich mit einer solchen Evolution der Verfall und Ruin dieses Körpers nur allzuoft verbunden ist. So ungefähr liegt mein Fall. Mein Körper lebt ja noch, ja, aber er ist nicht mehr intakt, er ist abgezehrt, kraftlos geworden und zwar so sehr, daß er mir kaum mehr wie ein Hindernis erscheint und ich die Empfindung habe, ihn ohne Mühe abstgreifen zu können. Ich aber bin glücklich darüber, wie die Asketen es sind, wenn es ihnen gelungen ist, durch ihre kindischen und barbarischen Übungen, durch Anlegung des härenen Büßergewandes und Answendung der Geißel die Forderungen ihrer Sinne zu unterdrücken. Wie lange ist es schon, daß ich mir meiner Sinne überhaupt nicht mehr bewußt gewordne bin?
Und dennoch, obwohl seine Fähigkeiten verschrumpft und verstümmelt sind, lebt mein Körper immer noch. Er ist da, ich sehe und berühre ihn. Durch ihn stehe ich immer noch in einem gewissen Zusammenhang mit der Erde. Es ist das über der ganzen Menschheit sich wölbende Firmament, das auch meine Augen erblicken und ich sehe, wie alle anderen Menschen, daß der Himmel blau und daß er mit schimmernden Sternen besät ist. Es sind die Meereswogen, die an die Flanken meines Bootes schlagen, und der durch das heftige Eintauchen der Ruder verursachte Sprühregen fällt kalt auf meine Stirn. ich höre, wie der Schiffer sein Lied singt und seine menschlichem Ohre lieblich klingende Melodie erscheint auch mir nicht unmelodisch. Es sieht wirklich so aus, als ob ich immer noch ein Mensch wäre.
Ich bin vor der steinernen Treppe angekommen, die zum Kai führt. Hinter mir seufzt das Meer seine nächtliche Klage und zernagt unablässig die Ufer der beiden getrennten Festlande. Vor mir versperrt der zerfallende und verlassene rote Palast mir den Blick, blutrot hebt seine gewaltige Masse sich von dem Horizonte ab.
Vor seinem Eingangstore steht eine Wache, die sich schwer auf ihr Gewehr stützt, das Rot ihres Fes verschwimmt in der roten Farbe der Mauer. Es ist bei Todesstrafe verboten, hier einzutreten. Aber ich weiß, daß die Wache dem Opium ergeben ist wie ich und habe ihr deshalb Opium gespendet und wir sind nun durch die Freimaurerschaft der guten Droge verbunden. Wenn ich an ihr vorbeigehe und in den Palast dringe, sieht sie mich nicht und schon bin ich unter den hohen Balken der Vorhalle, die nächstens einstürzen werden, da sie vom Alter zerfressen sind. Die Treppen sind mit Matten belegt, die so alt und verbraucht sind, daß sie sich beinahe in Staub auflösen. in dem obern Stockwerk hat man einen berückend schönen Ausblick auf den amphitheatralisch sich aufbauenden Park. Dort unter dem Dachstuhl ist es, wo ich mir mein Rauchzimmer eingerichtet habe.
Es ist nicht viel darin - kaum mehr als ein alter Tepich, ein in einer Dachstube vergessener Bockharra, eine kupferne Platte, auf der eine Lampe steht, und die Bambuspfeife. Die holzgetäfelten Wände sind kahl, die Malerei der Deckenbalken blättert ab. Aber durch das gitterlose Fenster sdchweift das Auge über die viele Jahrhunderte alte Pracht des herrlichen Parkes.
Das leise Seufzen des Windes, der die Äste der Bäume bewegt, ist das einzige Geräusch, das hier oben zu mir dringt, sonst alles Stille ringsumher.
Ich habe mich behaglich auf meinem Teppich ausgestreckt und treffe die Vorbereitungen für meine erste Pfeife.
Der rote Palast ist ein sehr altes Gebäude und man weiß nicht, von wem er erbaut worden ist. Er ist nacheinander von einer Reihe von Herren bewohnt gewesen, die fast alle eines tragischen Todes gestorben sind. Es ist, als ob ein böses Geschick diese Mauern umschleiche und hinter den alten Bäumen des Parkes im Hinterhalt läge.
Einst hat hier ein Fürst residiert, ein großer Fürst, dessen Name in der Geschichte berühmt ist und die Bedeutung eines Verräters hat. Zu jener Zeit war der rote Palast mit Luxus und Prunk erfüllt. Sklaven aus allen Ländern drängten sich durch die Gänge, und große, von vierzehn Rudern geführte Boote führten die edeln und hochgeborenen Gäste heran, die den Herrn des Hauses zu begrüßen kamen.
Der Fürst war alt und mächtig. Alter und Stolz aber hatten sein Herz verhärtet, daß es war wie Stein. Oft verdammte er des kleinsten Vergehens wegen seine Diener und Eunuchen zu den furchtbarsten Folterqualen. Die köpfe fielen unter seinem krummen Türkensäbel und die Terrasse vor dem roten Palase war blutdurchtränkt.
Ich aber weiß, daß Blut sich mit den Spureneines andern noch ältern Blutes vermischte, eines schrecklichen Blutes, das einst auf dieser selben Terrasse vergossen wurde, aber das ist vor so vielen Jahrhunderten geschehen, daß niemand sich dessen erinnert.
Damals drängte sich eine Schar stummer Bewaffneter zu dem Fürsten; sie wurden durch einen Hauptmann geführt, der Überbringer einer grünen Pergamentrolle war, bei deren Anblick alle Welt niederkniete. Der Fürst wurde in seinem eigenen Gemach zum Gefangenen gemacht; er setzte nicht den leisesten Widerstand entgegen, er küßte sogar die kaiserliche Unterschrift. Und hier an dem noch im Gebälke befindlichen Haken wurde der Strick befestigt, an dem der Fürst gehenkt ward. Als seine geschwollene Zunge sich violett durch die blutlosen Lippen drängte, als die letzten zuckenden Bewegungen der krampfhaft zusammengezogenen Zehen aufgehört hatten, schnitten die Henker den Strick durch und trennten das Haupt von dem Rumpfe des Verurteilten, um es dem Herrscher zu überbringen. Drei Tage hat dann der enthauptete Körper hier auf den Dielen eben dieses Gemaches gelegen. Die Sklaven und Diener hatten entsetzt die Flucht ergriffen und es war ein junges Weib, das, man weiß nicht woher gekommen, die Leiche aufhob und sie in ihren Armen da unten in den Park trug, um sie unter dem großen Spindelbaum zu begraben - an derselben Stelle, wo hundert Jahre später eine andre Frau den toten Körper eines Hundes einscharrte.
Seitdem haben viele andre Herren in dem roten Palast gehaust, aber keiner von ihnen hat ohne Furcht friedlich darin schlummern können und die meisten sind einem furchtbaren Schicksal zum Opfer gefallen. Der Herrscher selbst, der sein Siegel unter jenes grüne Pergament gedrückt, das dem Besitzer des Palastes den Tod verkündete, ist einem düstern Verhängnis erlegen. Sein Volk entthronte ihn und er wurde in einen Kerker geworfen, in dem man ihn erdrosselte. Sein Reich, das jahrhundertelang geblüht, ist in Blut und Schande untergegangen. Von allen Seiten drängten sich kriegerische Völker heran, um sich ein Stück davon anzueignen und es aufzuteilen und heute weht die kaiserliche Fahne kaum noch über einigen unkultivierten Feldern und wüsten Gestaden - mißachteten Fetzen einstiger Größe, die den siegern zu gering erschienen.
Seit langer Zeit aber steht der rote Palast einsam und verlassen da und wenn die letzte Erinnerung an das Kaiserreich zu Grabe getragen ist, wird auch er in Staub zerfallen.
... Gewiß, ich bin kein Mensch mehr - aber dennoch ist auch noch nichts andres aus mir geworden.
Ich befinde mich mitten auf der Brücke, die zwei voneinander entfernte Ufer miteinander verbindet. Und sicher kann doch niemand mitten auf einer Brücke leben, man muß darüber wegstreben, vorwärts oder zurück gehen.
Ich sollte mich rückwärts wenden, wieder ein Mensch werden? Nein, daran denke ich nicht. Ich bin so gut wie gestorben und müßte zu neuem Leben auferstehen. Nein, rückwärts gehen, auferstehen, das ist mir unmöglich, das kann und will ich nicht.
Es gilt also vorwärts zu schreiten, mich höher entwickeln; aber zu was? zu einem Phantom? Ist es dazu notwendig, mich zu töten, das heißt, meinen Körper zu töten? Aber dieser brutale und widerliche Akt bietet mir auch nicht die kleinste Sicherheit. Weiß ich, welches Resultat sich durch meinen körperlichen Tod ergeben würde? Ist es weise, dadurch vielleicht auch meine ganze geistige Existenz auf eine Karte zu setzen? Ganz gewiß nicht. Es kommt vor allem darauf an, nichts zu zerstören, was nicht wiederherzustellen ist.
Ich darf mich also nicht töten.
Ich gebe das zu, indessen befinde ich mich nach wie vor in einem Zustand qualvollster Ungewissheit.
Das Beste ist, ruhig der Entwicklung der Dinge entgegenzusehen und zu warten - so peinlich und ermüdend auch der Zustand des Wartens ist -, ich will warten und rauchen.
Wenn ich also heute - wie an so vielen vorhergehenden Abenden - mich hier im roten Palast befinde, so geschieht dies keineswegs, um den mich umgebenden gordischen Knoten zu durchhauen, obwohl ich ihn nicht entwirren kann, sondern nur um zu warten und zu rauchen.
Außerdem ist das Opium das einzige Mittel, das meine Angst und Unruhe einigermaßen beruhigt, weil es wenigstens für Augenblicke den Schleier vor meinen Augen zu heben vermag, der das Diesseits von dem Jenseits trennt. Aber bis zu dieser Stunde hat es mir das Geheimnis nicht enthüllt, durch dessen Besitz ich mich selbst zu einem Phantom entwickeln würde. Ích fühle jedoch, wie meine Sinne mit jeder Nacht feiner und empfänglicher werden und wie ich sie immer deutlicher erkenne, die geheimnisvollen Wesen einer anderen Welt, jener Welt, der ich bald angehören werde. Und dank des Opiums koste ich die schmerzvolle Freude des Verbannten, der von dem höchsten Punkte seiner Insel in der Ferne die Ufer seines Vaterlandes erblickt.
Wenn ich recht gezählt habe, ist dies meine dreißigste Pfeife. Genug, um meine Augen hellsehend zu machen. Wenn ich jetzt in den Park hinabblicke, verwischen sich zwar die Konturen der Sträucher und Bosketts, und ich erkenne kaum mehr die Umrisse der großen, auf der Terrasse stehenden, abgestorbenen Linden, deren Äste sich wie durcheinandergewundene Schlangen vom Nachthimmel abheben - aber um so deutlicher erscheinen mir nun die farblos flackernden Gestalten, die hier und dort durch den nächtlichen Nebel gleiten.
Das Opium besitzt nicht die Eigenschaft, die Geister zu beschwören, im Gegenteil, seine düstere geheimnisvolle Kraft erschreckt und verscheucht sie. - Ich weiß, daß der schwere schwarze Rauch, der jetzt über meinem Teppich lagert, vollkommen hinreicht, mich vor jedem phantastischen Angriff zu schützen. Die spukhaften Erscheinungen, die durch den Park irren, würden es niemals wagen, die Brüstung dieses Fensters zu überschreiten - niemals! Das Opium hat mich eben nur hellsehend gemacht, so daß ich sie sehe, wie sie sind, und ich mich mit den Bewohnern meines zukünftigen Vaterlandes bekannt machen kann.
Das ist der Grund, weshalb ich den roten Palast zu meinem Asyl erwählt habe und welshalb ich mich jeden Abend mühsam und müden Schrittes hineinschleppe, um die schmerzliche Sehnsucht des unbefriedigten Rauchers zu stillen. Wo in der ganzen Welt könnte ich Visionen haben wie in diesem mit Blut durchtränkten Palaste?
Es ist Brauch der Geister, daß sie stets die Stätten aufsuchen, wo sie als Lebende geweilt. Der Park des roten Palastes, der ein so schrecklicher Begräbnisplatz ist, wimmelt von bleichen weinenden Phantomen.
Dies ist meine sechzigste Pfeife. Ich habe diesen Abend wirklich noch mehr als gewöhnlich geraucht. Ich werde daher mir bisher unbekannte Geister sehen, Geister, die einer fernen Vorzeit entstammen, und die den Phantomen späterer Jahrhunderte so erscheinen, wie diese Schatten selbst den Menschen der Jetztzeit.
Ich habe soeben die mir bereits bekannte Reihe der aus einer anderen Welt wiederkehrenden Schatten überzählt. Es waren mehr oder weniger beklagenswerte Phantome, die mir aber weder fremdartig noch schrecklich erschienen. Die Knochen ihrer Skelette klapperten leise, wenn der Nachtwind darüber hinstrich und die Fetzen der sie umhüllenden Leichentücher und Reste von Kleidungsstücken bewegte.
Nun aber, durch den Anblick der Gespenster früherer Jahrhunderte beunruhigt, ziehen sie sich ängstlich in ihre Gräber zurück und dann sehe ich, wei aus dem Schatten der Zypressen eine ganze Reihe schemenhafter, kaum erkennbarer Wesen hervortreten, die Stricke, Schlingen und krumme Säbel hinter sich herschleppen. Ich kenne sie wohl, denn sie offenbaren sich mir stets nach der fünfzigsten Pfeife. Sie alle haben einst einen schmachvollen Tod durch die Hand des Henkers gefunden. Es sind die Geister der Sklaven, Eunuchen und der ihrem Herrn untreu gewordenen Weiber. Ihre Skelette, die ganz fein und durchsichtig sind, machen kein Geräusch mehr, wenn der Wind darüber hinfährt und ich kann nur mühsam in ihrer verwischten Erscheinung die ehemalige Gestalt erkennen. Dennoch lese ich den ausdruck tiefsten Leides und namenloser Angst auf ihren gramverzerrten Gesichtern und ich bemerke deutlich, wie der Geisterreigen die Terrasse mit den großen Linden ebenso vermeidet wie die düstere Allee, die zu dem unter dem Spindelbaum liegenden Grabe führt. Denn bis in alle Ewigkeit fürchten die Opfer eines gewaltsamen Todes die Erinnerung an den Henker und meiden den Ort, wo seine schreckliche Faust sie erreichte. Das Grab des alten Fürsten bleibt verödet und kein Spuk stört seinen Schlummer. Nun aber, da ich schärfer hinsehe, scheint es mir, als ob die Zweige des Gebüsches da unten leise zittern, und ich sehe das Skelett eines Hunde, das um das Grab irrt.
Ich habe hundert Pfeifen geraucht und zwar sehr gut gefüllte Pfeifen und mein Opium ist eine kräftige Mischung der in Yunnam und Benares gewonnenen Droge. Die Fesseln, die mich eben noch an meine irdische Hülle banden, lösen sich mehr und mehr, kaum noch, daß nur die Kraft geblieben, den Bambus zu erheben und die Droge über der Lampe kochen zu lassen.
Die fast unmaterielle Substanz meiner Seele ist frei geworden und sie vagabundiert nach Belieben auf den Rasenflächen des Parks umher. Ich will das Grab des enthaupteten griechischen Fürsten sehen und ich will wissen, warum die Zweige und Blätter der es umstehenden Bäume so zittern ...
Er ist es selbst! Es ist seine hohe Gestalt, die die zitternden Zypressen erschreckt. Ich habe gesehen, wie er sich aus seinem Grabe erhoben hat - aus seinem durchschnittenen Halse tropft noch immer Blut. Trotz des feuchten Bodens schimmern seine goldgestickten Kleider immer noch; grinsend liegt sein abgeschlagener Kopf neben ihm.
Jetzt geht er voran, und von dem entsetzlichen Anblick erschreckt, weichen alle anderen Phantome zurück und sind in das Nichts zurückgekehrt.
Er hat seinen kopf an den Haaren ergriffen und schleift ihn neben sich her. Ich höre, wie das weiße Haar seines Bartes die am Wege liegenden Wurzeln streift. Geronnene rote Blutstropfen, die sich mit dem Sande vermischen, bezeichnen seine Spur und das Hundeskelett kommt eilig herbeigerannt, um sie aufzulecken.
Er hat den Weg durch die mittlere zu dem roten Palast führende Allee eingeschlagen. Vor dessen Pforte abere hält der bis dahin gedrungene Opiumduft die Wache und ohne sich aufzuhalten, geht er daran vorüber. Er steigt die zu der Terasse führenden Marmorstufen hinauf - die Terasse mit den großen Linden, die mit Blut, mit dem alten Blut der Heroen getränkte Terrasse.
Er steigt mit großen langsamen Schritten und der stolzen Haltung eines Fürsten und Gebieters die Stufen hinan. Der Schein der Sterne funkelt auf den Edelsteinen der Ringe, womit seine Finger geziert sind und manchmal stützt er sich mit der einen Hand auf die Balustrade der Treppe.
Er steigt hinauf. Der Hund trottet in einiger Entfernung hinter ihm und bleibt manchmal unruhig stehen. Die Absätze der breiten Marmortreppe werden durch kreisförmig den Hügel umlaufende Alleen durchschnitten. Schon versinkt der rote Palast im Dunkel der Nacht und ist kaum mehr erkennbar; man sieht nur das Meer, dessen Wogen mit melancholischem Geräusch an die Stufen der zum Palaste führenden Freitreppe anprallen.
Ganz hoch erhebt sich die Terrasse, wie ein Schafott. Die hohen Linden umgeben sie mit einem Schleier von schwarzen Blättern und feuchtes Moos klammert sich um ihren Fuß wie ein Leichentuch.
Die Silhouette des Enthaupteten ist jetzt auf der höchsten Stufe angekommen. ich sehe, wie sie plötzlich stille steht, als ob sie unversehens vor einem Abgrund angekommen wäre. Das Hundeskelettaber, das nur noch unwillig und zitternd gefolgt ist, wendet sich um und flieht, so rasch seine Beine es tragen wollen, mit phantastischen Sprüngen über die Gebüsche setzend. Das abgeschnittene nachgeschleifte Haupt aber zittert, als es diesen Boden berührt und jedes seiner Haare sträubt sich vor Entsetzen.
Und wie ich nähertrete, begierig die Ursache des Schreckens zu erforschen, schwankt das Phantom und verblaßt. Schon kann ich durch seine schattenhafte Erscheinung sehen - jetzt ist sie kaum mehr wie ein grauer Dunst, in dem es hier und da ein wenig aufblitzt, wie von der Goldstickerei des Kleides oder den Steinen der Ringe. Dann aber verlöscht auch das, verwischt sich, versinkt in dem Dunkel der Nacht. Das abgeschnittene Haupt ist noch einen Augenblick sichtbar, das weiße Licht der Augen überdauert einen flüchtigen Moment seine verschwimmenden Umrisse. Dann ist alles verschwunden. Ringsrum ist es Nacht.
Die Terasse liegt in tiefe Dunkelheit versenkt. Die erschrockenen Irrlichter haben sich unter die Erde geflüchtet. Die abgestorbenen Stämme der Linden zittern vor Entsetzen und es lösen sich kleine Rindenstückchen davon ab, die herunter in das Moos fallen.
Dennoch sind die hier umherirrenden Geister keineswegs schrecklich. Ich sehe sie deutlich, es sind zwei Kinderleichen, erdrosselte kleine Kinder, die leise weinen. Nichts anderes ...
Doch, es sind noch andere Schatten hier, verwirrte, durcheinanderkriechende düstere Schatten, die sich über den Boden hinschleppen, - ein furchtbares Durcheinander von abgeschnittenen Gliedern und Köpfen, von aus der Brust gerissenen Herzen, bewegt sich auf dem blutdurchtränkten Plan. Die Erinnerungen unaussprechlich entsetzlicher Verbrechen tauchen durcheinander aus dem Boden. Ich verfolge ihre Geschichte Jahrhunderte hindruch. Jetzt aber sehe ich, wie aus dem antiken Nebel das Geschöpf auftaucht, das all dies Blut vergossen hat.
Da ist es ... Es sieht beinahe wie eine Fledermaus aus - aber nun erkenne ich deutlich, daß es eine Frau ist, die mit gespensterhaften Flügeln die Bäume umkreist. Ich unterscheide die todbringende Schönheit ihres herrlichen Antlitzes, das niemand erblicken konnte, ohne in Liebe zu entbrennen und ich erkenne die düstere Pracht ihres schwarzen Haares, durch das sich giftige Nattern ringeln.
Ich kenne sie. Sie heißt Medea. Hier ist es, wo sie ihre Liebestränke gebraut hat, hier, wo sie Gift mischte und Verderben ausstreute! - Hier auch war es, wo der blonde Held sie überwältigte und sie zitternd auf den Rasen warf. - Hier war es dann auch, wo sie sich für jeden ihr geraubten Kuß an dem Fleische seines Fleisches rächte und seine Kinder erdrosselte.
Ist es mein Körper, der auf dem Boden des Raucherzimmers im roten Palaste liegt und bin ich nun wirklich tot?