Essay Towards A New Theory Of Vision PDF Drucken E-Mail
Lennart Meier

Berkeleys "Essay Towards A New Theory Of Vision"
George Berkeley (1685-1753) war ein irischer Philosoph und Theologe, später auch Bischof. Seine philosophischen Ansichten sind geprägt durch seinen radikalen Empirismus und die Ablehnung einer materiellen Außenwelt. Er prägte das Schlagwort Esse est percepi – „Sein ist wahrgenommen werden.“.
Wir wollen hier Berkeleys Schrift „An Essay Towards A New Theory of Vision“ untersuchen, die seinen Ruhm begründete und die Grundlage war für seine später noch radikaleren Thesen, die hier aber auch schon durchschimmern. Ausgehend von einer Untersuchung des Sehens will Berkeley in dieser Schrift zeigen, dass das Sichtbare eine Sprache Gottes ist und nur dazu dient, auf das Tastbare, d.h. Wirkliche, zu verweisen (§147, 64). Insbesondere sind das Tasten und das Sehen nach ihm ihren eigentlichen Gegenständen nach völlig verschieden (§111, 127) und eine Verbindung zwischen ihnen kann nur durch die Erfahrung gezogen werden (§45, 62, 103,105).

 

Zusammenfassung des Inhalts

Entfernung [distance], Größe [magnitude] und Lage [situation] (die drei Hauptgegenstände der Untersuchung) beschreiben eine Eigenschaft eines tastbaren Objektes oder eine Relation zwischen uns und einem solchen; denn wir meinen die Strecke, die wir gehen müssen, um ein Objekt zu berühren (§44-45), die Ausdehnung, die wir tasten (§55, 74), und mit ‚oben’ die Richtung, der die Schwerkraft entgegenwirkt (§93-94). Die sichtbare Größe z. B. ist hingegen nicht konstant bei ein und demselben Objekt (§55), und auf sie beziehen sich auch nicht unsere Maßeinheiten (§61). Entfernung können wir gar nicht sehen, denn wir sehen nur zweidimensional (§2).
Der Schluss vom Sichtbaren auf Entfernung, Größe und Lage kann nicht durch mathematisch-geometrische Methoden erfolgen, da wir die optischen Achsen und Winkel, nach denen wir dann urteilen müssten, gar nicht wirklich wahrnehmen (sonst müssten wir uns dessen bewusst werden können) (§9-13, 52, 90), und anderenfalls auch Kinder und Tiere keine Entfernungseinschätzung hätten (§24).
Die Schlüsse geschehen vielmehr durch Erfahrung. Wir nehmen unter sonst gleichen Umständen ein Objekt mit nur schwachem und undeutlichem [faint] Bild als größer wahr (§56), sehen ein Objekt, das bei einer Augenbewegung nach oben in unser Blickfeld rückt, oben (§97) und verbinden ein unklares [confused] Bild mit sehr nahen Objekten (§21); dass dies aber keine zwingenden Schlüsse sind, wird gezeigt dadurch, dass bei einem stark Kurzsichtigen im Gegenteil ein unklares Bild für weit entfernte Objekte steht (§37). Wir haben bloß die Erfahrung gemacht, dass die genannten sichtbaren Phänomene bisher immer oder zumindest meistens mit entsprechender tastbarer Größe (§57-59, 64), Lage (§97-100) und Entfernung (§17, 20, 23, 25, 26) in Verbindung standen.
Dass man bloß nach Erfahrung und nicht nach Geraden und Winkeln urteilt, zeigen auch verschiedene empirische Tatsachen, wie beispielsweise, dass der Mond nahe dem Horizont oder bei Nebel größer erscheint, obgleich der Mond stets unter demselben Winkeln

gesehen wird (§67, 71). Dies kann dadurch erklärt werden, dass das Bild in diesen Fällen undeutlicher und schwächer ist (§68-69); weiterhin auch dadurch, dass wir kaum gewohnt sind, auf Objekte in der Höhe zu schauen, und so tatsächliche Größe ähnlicher der sichtbaren Größe, also kleiner einschätzen (§73).

Das, was wir sehen, ist bloß in unserem Geist (§41, 117). Die Eindrücke (ideas) von Raum oder Äußerlichkeit (outness) sind nicht in größerem Grade Gegenstände des Sehens als des Hörens (§46). Und niemand wird bestreiten, dass wir nicht die Dinge selbst hören, sondern bloß Geräusche, die uns Dinge suggerieren (§47). Auch ist man sich einig, dass Farben nur im Geist existieren, und diese nehmen wir nicht weniger direkt wahr als Ausdehnung (§43).
Einem Blindgeborener, der sehend gemacht wurde, wird dies deutlich werden, denn zunächst wird ihm jeglicher Entfernungsbegriff für Sichtbares fehlen, und so würde ihm alles so nah wie seine Gedanken erscheinen (§41). Auch könnte er alles, was er durch Tasten zu unterscheiden gelernt hat, ohne lange Erfahrung nicht durch Sehen unterscheiden, er würde die Objekte des Sehens und Tastens nicht einmal beim gleichen Namen nennen (§132-135).

Tastbares und Sichtbares sind also verschieden; die sichtbare Tafel ist etwas anderes als die tastbare (§47, 55, 102). Es gibt auch keine Gegenstände, die beiden Sinnen zugleich eigen sind (§127): Wir sehen bloß Licht und Farben, was wir nicht tasten können, und wir tasten bloß Dinge, die wir nicht sehen können (§103, 129); sichtbare Größe, die stets wandelbar ist, ist etwas andere als tastbare Größe (§55); die Form kann getastet sehr anders sein als gesehen, wie z. B. bei einem Gemälde oder auch bei Dingen, die wir als glatt ertasten, die aber unter dem Mikroskop rau erscheinen (§105); Ausdehnung und auch die schon genannte Form wären nur als abstrakter Begriff beiden Sinnen gemein, aber wir können uns keine sichtbare Ausdehnung oder auch die sichtbare Form eines Dreiecks abstrahiert ohne Größe, Farben oder Helligkeit vorstellen (§122-126, 130)1; Anzahl beruht nur auf willkürlicher Einteilung: man spricht zum Beispiel von einem Haus, obwohl es viele Fenster haben kann (§108-110).

Das Tastbare ist hierbei das Wirkliche (§64, 82, 99, 117), da es auch nur dieses ist, was uns verletzen oder wohl tun kann (§59). Auch kann es nicht dasselbe Objekt sein, das sowohl auf Tastsinn als auch Gesichtssinn wirkt [affects], da sichtbare und tastbare Objekte ja keine Ähnlichkeit haben (§117, 136). Es ist vielmehr so, dass das Sichtbare bloß wie eine Sprache auf das Tastbare verweist (§51, 66, 140, 147) (ein Wort ist ja auch von dem, worauf es verweist, völlig verschieden (§64, 143)), um uns zu leiten und uns Tastbares in Entfernung zu zeigen (§59, 87, 147-148). Diese Sprache kann nur von Gott sein und ist allen Menschen verständlich (§147, 152).

Die Weisheit, mit der diese entwickelt wurde, zeigt sich auch darin, dass man den Gesichtssinn nicht leicht verbessern könnte (§87). Die Hauptschwächen unseres Sehens sind, dass wir die Bilder in eine nur begrenzte Anzahl von Punkten auflösen können und dass unsere Sicht oft unklar ist (§83). Durch ein Mikroskop oder Augen, die einem Mikroskop gleich arbeiteten, würden sich diese beiden Probleme beispielsweise jedoch auch nicht lösen lassen, denn die Anzahl der sichtbaren Punkte ist stets gleich, egal, ob wir Nahes sehen oder Entferntes oder ob etwas verdeckt ist, denn das Verdeckende müsste gerade die Anzahl von Punkte überdecken, die das Verdeckte hat; und auch die Sicht würde nicht klarer (§82, 85-86).

Detailliertere Untersuchung und Beurteilung eines Arguments

In diesem Abschnitt soll ein Argument aus Berkeleys Schrift einer genaueren Untersuchung und einer Bewertung unterzogen werden. Als dieses wählen wir die Argumentation für Berkeleys These „It is a mistake to think the same thing affects both sight and touch.“ (§136).
Diese Stelle ist von großer Wichtigkeit für die letztliche Konklusion der Schrift, dass das Sichtbare eine Sprache Gottes ist; denn diese Behauptung gründet ja gerade auf der Negation der These, dass unser Gesichtssinn mittelbar oder unmittelbar von Objekten der physikalischen Realität, d.h. den tastbaren Objekten, affiziert wird.

Berkeleys läuft über das Beispiel eines Blindgeborenen, der sehend gemacht wurde2. In §132 zitiert er Locke und Molyneux, dass ein solcher, wenn vor ihm eine Kugel und ein Würfel liegen, zunächst nicht bloß mittels seines Gesichtssinnes feststellen könnte, was der Würfel und was die Kugel ist, selbst wenn er einer solchen Unterscheidung mittels seines Tastsinnes fähig wäre. Nach Berkeley wäre sogar die Frage, welches der Würfel und welches die Kugel ist, für den Blindgeborenen unverständlich.
Nun ist die Frage, woher Berkeley oder auch Locke und Molyneux dies wissen wollen. Beide haben aller Wahrscheinlichkeit nach weder jemals einen Blindgeborenen, der sehend gemacht wurde, getroffen noch zu der Zeit, wo sie die fraglichen Schriften geschrieben haben, von einem solchen Kenntnis gehabt. Was hier wie ein empirischer Beleg dargestellt wird, ist also ein bloßes Gedankenexperiment. Diesem Argument fehlt also die Beweiskraft, da zur Beantwortung der Frage, ob der Blindgeborene Würfel und Kugel mittels des Gesichtsinnes unterscheiden kann, man die Theorie, für die das Beispiel Beleg sein soll, schon benötigt. Somit liegt eine Art von Zirkelschluss vor.
Auf der Basis des Beispiels argumentiert Berkeley dann in §133, dass sichtbare Form wesentlich von tastbarer Form verschieden sein muss, da sonst der Blindgeborene nur wenig Schwierigkeiten hätte, seine Fähigkeit, Würfel und Kugel durch Tasten zu unterscheiden, zu

übertragen, so dass er sie auch durch seinen Gesichtssinn unterscheiden könnte. Im fraglichen §136 geht Berkeley allerdings noch weiter, indem er behauptet, dass hieraus folgt, dass Gesichtssinn und Tastsinn nicht vom selben Objekt affiziert3 werden können. Dies begründet er damit, dass, wenn beide vom selben Objekt affiziert würden, die Form, obgleich auf andere Art wahrgenommen, bei sichtbarem und tastbarem Objekt die gleiche wäre und so der Blindgeborene auch ohne weitere Erfahrung die Kugel vom Würfel unterscheiden könnte.

Diese Begründung halte ich nicht für einsichtig. Grund hierfür ist gerade die herkömmliche physikalische Theorie des Sehens und Tastens. Es ist durchaus denkbar, dass der Blindgeborene zunächst die sichtbare Form nicht der schon bekannten tastbaren Form zuordnen kann, obwohl beide Eindrücke vom selben Objekt herrühren. Dies gilt gerade angesichts der vielen Argumente, die Berkeley in seiner Schrift für die Verschiedenheit der sichtbaren und tastbaren Objekte anbringt, ohne sie darauf zu gründen, dass Tast- und Gesichtssinn nicht vom selben Objekt affiziert werden. Dass zwei Eindrücke vom selben Objekt ausgehen, heißt nicht, dass sie eine offenbare Ähnlichkeit haben. Auch geht nach der physikalischen Theorie der Gesichtseindruck nicht unmittelbar vom Objekt aus, sondern bedarf des Lichts zur Vermittlung, und es ist der Lichtstrahl, der unmittelbar auf das Auge wirkt. Somit hätte Berkeley nach dieser Theorie insofern recht, als auf Tast- und Gesichtssinn nicht unmittelbar dasselbe Objekt wirkt. Dennoch ist es nach der physikalischen Theorie das gleiche Objekt, das den Tastsinn affiziert und durch seine Oberflächenbeschaffenheit die Farbe und Helligkeit des reflektierten Lichts und somit auch wesentlich den Gesichtseindruck bestimmt.

Dies soll jedoch keineswegs sagen, dass Berkeleys Behauptung, dass Gesichtssinn und Tastsinn nicht vom selben Objekt affiziert werden, falsch ist; ebenso wenig, dass seine Ausführungen den Ergebnissen der Physik widersprechen (sie stellen eine mögliche Interpretation dieser Ergebnisse dar). Es soll nur gesagt werden, dass es für das Ergebnis des angeführten Gedankenexperiments durchaus andere plausible Erklärungen gibt und somit Berkeleys Schluss alles andere als zwingend ist; genauso wie seine Schrift die herkömmliche Interpretation der Physik nicht widerlegt, sondern ihr nur eine andere anheim stellt.

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1 Man mag einwenden, dass in der Geometrie solche abstrakten Begriffe vorhanden sind. Die Geometrie bezieht ihre Begriffe aber in Wirklichkeit auch nur auf tastbare Objekte (§124, 151-152), da nur solche eine festgelegte Größe und Form haben (§124, 151))

2Im Folgenden der Kürze halber einfach als „Blindgeborener“ bezeichnet.

3Dies hier und im Folgenden nicht im Sinne der üblichen Fachterminologie, sondern schlicht als Übersetzung des englischen „affects“.