Ethik des Thomas von Aquin PDF Drucken E-Mail
Thomas Fornet Ponse

Thomas von Aquin hat sich sehr intensiv mit Sittlichkeit bzw. Ethik auseinandergesetzt. Dabei hat er viel Materiel verwendet, darunter hat er kaum einen Gedanken der Nikomachischen Ethik unbeachtet gelassen. Da er aber auch Gedanken der Stoa, der patristischen und christlichen Philosophen, der Scholastik, dabei natürlich auch von Albertus Magnus benutzte, ist seine Ethik recht neu. Für diese ist der Begriff des bonum, also des Guten sehr wichtig.


Mit dem Gutsein und Schlechtsein der menschlichen Handlungen befasst er sich in der Summa theologiae I-II in den Quaestiones 18-21, wobei er von der Frage ausgeht, in welcher Weise eine menschliche Handlung gut bzw. schlecht ist (Quaestiones 18-20) und zur Frage übergeht, was aus dem Gut- bzw. Schlechtsein der menschlichen Handlungen folgt, z.B. Verdienst und Strafwürdigkeit, Sünde und Schuld (Quaestio 21). Dabei beantwortet er die erste Frage in drei Schritten: zuerst fragt er nach dem Gut- bzw. Schlechtsein der menschlichen Handlung im Allgemeinen (Quaestio 18), dann nach dem der inneren Akte bzw. des inneren Willens (Quaestio 19) und schließlich nach dem der äusseren Handlungen (Quaestio 20).

Bei der Quaestio 18 beweist Thomas zunächst, dass es überhaupt gute und schlechte menschliche Handlungen gibt. Dabei kommt er durch seine Erärterungen des Gut- bzw. Schlechtseins der menschlichen Handlungen im Allgemeinen zu dem Ergebnis, dass das Gut- bzw. Schlechtsein einer menschlichen Handlung aus ihrem Objekt, ihrer Umstände, ihres Zieles, ihrer Art und ihres Zweckes resultiert. Die Handlung ist nur dann gut, wenn alle diese Faktoren gut sind. Sollte auch nur einem Faktoren an Gutsein fehlen, so ist auch die Handlung schlecht. Gute Handlungen können demnach durch die Absicht des Handelnden oder schlechte Umstände zu schlechten Handlungen werden, was umgekehrt jedoch nicht möglich ist. Wesentlich gute Handlungen können durch Akzidentien zu schlechten Handlungen verdorben werden, wesentlich schlechte Handlungen jedoch nicht zu guten. Darüber hinaus stellt Thomas fest, dass es indifferente, also weder gute noch schlechte Handlungen geben kann, diese sind aber nur aufgrund ihrer Art und nicht als einzelne, individuelle Handlung indifferent. Somit ist die sittliche Gutheit einer Handlung eine Eigenschaft der handelnden Person, da sie aus deren Lebenspraxis und daher mit vielen Vorentscheidungen getan wird. Des weiteren muß man zwischen einem Umstand unterscheiden, der sich auf "eine besondere Ordnung der Vernunft" (18,10) bezieht und daher der entweder sittlich guten oder schlechten Handlung die Artbestimmung verleiht, und einem Umstand, der der Handlung bloss zukommt, bei dem dies nicht der Fall ist.

Davon ausgehend, fragt der Aquinate nach dem Gut- bzw. Schlechtsein des inneren Willensaktes. Dabei hängt das Gutsein des Willens ausschließlich vom Objekt ab, aber auch von der Vernunft, da das Objekt dem Willen

"durch die Vernunft vorgestellt" (19,3) wird. Da die menschliche Vernunft im ewigen Gesetz, d.h. im göttlichen Willen gründet, hängt das Gutsein des Willens auch von diesem ab. Nun geht Thomas auf die irrende Vernunft, bzw. das irrende Gewissen ein, wobei ein von dieser abweichender Wille schlecht ist, ein mit diesem übereinstimmender Wille allerdings nur dann gut ist, wenn er nicht willentlich irrt. Das Gewissen urteilt entsprechend der praktischen Vernunft, seine Urteile können schuldlos irrig sein, wenn bestimmte sittlich relevante Tatsachen vorliegen oder nicht vorliegen. Obwohl eine Handlung nach einem schuldlos irrenden Gewissen objektiv falsch ist, ist die Handlung sittlich gut. Das ist nicht der Fall, wenn das Gewissen in Bezug auf die sittliche Ordnung selbst irrt, da ein solcher Irrtum qualitativ von einem Tatsachenirrtum zu unterscheiden ist und immer mehr oder weniger schuldhaft ist. Wenn man seinem irrenden Gewissen zuwiderhandelt, also das tut, was man selbst für unsittlich hält, sündigt man. Man sündigt aber auch, wenn man dem irrenden Gewissen folgt, sofern der Irrtum wissentlich geschieht, sonst stünden sich Gewissen und Sittengesetz gegenüber. Nach Thomas ist das normativ irrende Gewissen ein Ausdruck einer sittlichen Unordnung, dem Menschen bleibt nur die Beseitigung dieser Unordnung. Die Kenntnis der Pflichten oder bestimmter sittlicher Einzelnormen gehört auch zur Vernunft. Ferner beeinflusst die Art des Zieles das Gutsein des Willens, aber das Mass der Intention nicht das Mass des Gutseins des Willens. Das Gutsein des Willens hängt auch vom göttlichen Willen ab, da der menschliche Wille mit dem göttlichen hinsichtlich des Gewollten übereinstimmen muss, um gut zu sein. Dabei richtet sich Gottes Willen auf das gemeinsame Gute, der menschliche Wille auf ein eingeschränktes. Dieser ist dann recht, wenn er das eingeschränkte auf das gemeinsame als Ziel richtet. Der menschlcihe Wille wird dem göttlichen angeglichen, wenn er das will, "von dem Gott will, daß er es will" (19,10). Was Gott will, wissen wir im einzelnen noch nicht, sondern erst im "Stand der Glorie" (19,10).

Demnach trifft Thomas eine Unterscheidung zwischen Gutsein und Rechtsein des Willens. Das moralische Gute versteht er wie Aristoteles vom ontologisch Guten her: "in den Dingen hat ein jedes soviel Gutheit, wie es Sein hat" (18,1). Dabei hängt das Gutsein des Willens von seiner Ausrichtung auf das Gute ab, von dem er durch sein Gewissen erfährt. An sein Gewissen ist er aber immer gebunden, so daß seine Handlung auch dann sittlich gut ist, wenn das Gewissen sich bezüglich sittlicher Tatsachen irrt. Insofern stimmt der gute Wille nicht immer mit dem aus rechter Vernunft bestimmten überein, aber um diese Übereinstimmung soll sich der Wille bemühen. Mit dem Beispiel der unterschiedlichen Willen der Familie eines Räubers und des Richters zeigt Thomas Wertungskonflikte auf, in denen die Vernunft die gleiche Handlung auf verschiedene Weise betrachtet.

In der nächsten Frage untersucht Thomas das Gut- und Schlechtsein der

äusseren Akte des Menschen. Er verneint die Aussage, daß das Gut- und Schlechtsein ursprünglicher in der äußeren Handlung als im Akt des Willens liegt, da der Zweck das Objekt des Willens ist. Darüber hinaus hängt das Gutsein der äußeren Handlung als ganzes vom Gutsein des Willens ab, sowie das Gutsein des äußeren Aktes dasselbe ist wie das des inneren. Aber wenn das Gutsein des äußeren Aktes in der Angemessenheit der Materie oder der Umstände liegt, wird dem Willen etwas an Gutsein hinzugefügt. Demzufolge ist der Wille nur dann vollkommen, wenn er auch handelt, "wenn die Gelegenheit gegeben ist" (20,4). Liegt die Gelegenheit unverschuldet nicht vor, der Wille aber vollendet, bleibt die Handlung unverändert gut. Nur die vorhersehbaren Folgen einer Handlung beeinflussen ihr Gutsein. Zum Abschluß der Quaestio 20 stellt Thomas fest, dass dieselbe äussere Handlung nicht sittlich gut und schlecht ist.

In Quaestio 21 behandelt der Aquinate das, was aus den menschlichen Handlungen aufgrund ihres Gut- oder Schlechtseins folgt. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass eine menschliche Handlung, insofern sie gut oder schlecht ist, den Charakter von Rechtheit oder Sünde, des Rühmenswerten oder Tadelnswerten, des Verdienstlichen oder des Strafwürdigen hat. Dieser Charakter kommt der menschlichen Handlung vor Gott zu, und zwar in bezug auf Gott selbst und in bezug auf die Gemeinschaft des ganzen Universums, und damit auf dessen Schöpfer.

Thomas vertritt die Willensfreiheit und meint, daß die Fähigkeit zur Schuld nur soweit wie die Willensfreiheit selber reicht. Denn alle willentlichen Handlungen stehen in der Macht des Handelnden und werden ihm zugerechnet. Verantwortlich ist er nur für die vorhersehbaren Folgen seiner Handlung und ein Wille ist nicht über das ihm Mögliche hinaus verpflichtet.

Für die Ethik des Aquinaten ist die Existenz Gottes konstitutiv, da Sittlichkeit aus Vernunft und in Gehorsam gegen den Willen Gottes geschieht. Gott verpflichtet zwar unbedingt, ermöglicht aber durch Vergebung von Schuld immer einen Neubeginn. Thomas versteht Sittlichkeit als das der spezifisch menschlichen Natur Entsprechende, und daher nicht von der Vernunftautonomie her.