Die Art der richtigen Fragestellung PDF Drucken E-Mail
Patrick Zäuner

Dumme Fragen...
Weit verbreitet ist die Ansicht, dumme Fragen gäbe es nicht, nur dumme Antworten. Gewiss ist dabei freilich nur, dass es sich hierbei um eine dumme Aussage handelt.
Auch wenn es in einer Zeit, in der Quizsendungen als Beitrag zur Allgemeinbildung zählen nicht wundern darf, wenn Menschen auf alle Fragen des Daseins möglichst einsilbige und dennoch umfassende Antworten erwarten, ist die Naivität vieler Fragen erstaunlich. Sicher trägt auch eine "Powerpointisierung" der Gesellschaft zu der Ansicht bei, jeder noch so komplexe Sachverhalt ließe sich in simplen Schlagworten darstellen. Ein mühsames Durchdenken von Sachverhalten scheint immer weniger relevant, es geht um schnelle Meinungsbildung und nicht um fundierte Kenntnisse. Wie und vor allem bei wem sollte man sich also durch oberflächliche Fragen diskreditieren? Wer fragt kann doch als interessiert und wissensdurstig gelten!
Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch häufig das Gegenteil heraus. Nicht nur, dass viele Fragen als dumm gelten können, bewusst oder unbewusst sind sie oftmals auch einfach unverschämt. Dieser Text soll darum einen Weg skizzieren, sinnvoll Fragen zu stellen. Dabei wird zuerst auf Probleme hingewiesen und anschliessend eine Lösung vorgestellt. Dem Umfang wegen ist das Thema dabei auf Sachfragen beschränkt, auf persönliche Fragen nach Vorlieben und Geschmack, etc. wird nicht eingegangen.


Rollenverständnis
Das Stellen einer Frage, so könnte man vermuten, drückt in erster Linie eine Wertschätzung des Wissens aus, denn wer kein zusätzliches Wissen erwerben will, fragt nicht. Zugleich offenbart der Fragesteller aber auch einen Defizit, wenn er sich an jemanden wendet, der ihm hinsichtlich der begehrten Informationen überlegen ist und das führt nicht selten zu dem Wunsch sich gesondert abzusichern.
Frei nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" scheint es darum oft üblich zu sein, den Antwortenden rhetorisch in die Defensive zu drängen. Möglich macht das vor allem die aktive Rolle des Fragenden. Dieser kann seinen Gegenüber durch kurze, mühelose Einwürfe leicht reagieren lassen und auf diese Weise aufwändige Argumentationen aus dem Konzept bringen. Wenn bei komplexen Sachverhalten nur nach prägnanten Schlagworten gefragt wird, wenn jedes Stichwort zu themenfremden Fragen führt oder wenn Beispiele auf der Bildebene hinterfragt werden ohne auf ihre Sachaussage einzugehen, ist jedes Thema schnell zerredet.
Die eigentliche Motivation, einen Sachverhalt zu klären, gerät dabei in den Hintergrund. Viel wichtiger scheint es zu sein, die völlige Subjektivität von Aussagen als letzte Gewissheit herauszustellen, denn damit nimmt man jeder fachlichen Autorität ihren Status und kann mühelos in allen Wissensgebieten mitreden. So steigt die Reputation eines geschickt Fragenden durch rhetorische Tricks deutlich schneller, als dies durch mühsames Einarbeiten in ein Fachgebiet je möglich wäre.

Rhetorische Fallen
Oftmals ist bei Fragen der Wunsch nach Antworten von vorn herein nicht gegeben, man nutzt sie eher als elegantes Mittel, Positionen anzugreifen ohne selber die Deckung durch eine eigene Argumentation zu verlassen.
Tests nach dem Muster von Quizfragen sind hierbei einfach und effektiv. Wenn jemand beispielsweise behauptet, er sei in Geographie begabt, kann man ihn getrost nach der Hauptstadt von Honduras fragen und selbst wenn er diese zufällig kennt wird man schnell ein nicht bekanntes Detail finden. Natürlich muss der Fragende selbst die Antwort nicht kennen, da er sich ja nicht als Fachmann ausgegeben hat. Unfair sind derartige Tests jedoch in zweierlei Hinsicht. Zum einen stellt ein allgemeines Wissen in einem Themenbereich etwas völlig anderes dar, als die Summe vieler Einzelfragen und zum anderen muß der Fragestellende nicht aufweisen, dass seine Fragen tatsächlich zum genannten Fachbebiet gehören - es reicht oftmals wenn der Laie einen Zusammenhang vermutet. So auch im genannten Beispiel, denn in der Geographie ist das Auswendiglernen von Städtenamen sicher kein zentrales Forschungsgebiet. Schwer kann man sich wehren, wenn durch Verzerrung von Begriffen oder durch unzulässige Abstaktionen nicht direkt zusammenhängende Fragen derart kombiniert werden, dass scheinbare Widersprüche entstehen. An der Theodizee lässt sich das verdeutlichen: Die Erfahrung von Leid in der Welt stellt einen scheinbaren Widerspruch zur Güte und Allmacht Gottes dar. Wenn innerhalb einer Diskussion verschiedene Aspekte unter jeweils eigenen Gesichtspunkten besprochen werden, heisst das nicht, dass auch ihr Verhältnis zueinander ausreichend bestimmt ist. Schafft der Fragende die Begriffe "Allmacht", "Güte" und "Leid" in einen Zusammenhang und stellt die Frage, wie ein guter Gott Leid zulassen kann, muss der Antwortende, weiter ausholen und die Relationen der Begriffe untereinander klären, was vom ursprünglichen Thema möglicherweise weg führt.
Ein Jonglieren mit Begriffen, indem man vermeintlich allgemeingültige Definitionen voraussetzt, die im speziellen Fall in die Irre führen, findet man auch bei Fragen nach dem Muster "kann Gott einen Stein schaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht mehr tragen kann". Gemeinsam ist all diesen Fragen, dass kein Verständnis angestrebt wird, sondern Fehler in der Gegenposition aufgezeigt werden sollen. Dabei liegt der Fokus nicht auf der inhaltlichen Ebene, sondern auf der Suche nach rhetorischen Mängeln und Möglichkeiten Begriffe zu missdeuten.

Denkfaulheit
Die meisten Fragen haben natürlich nicht den Ausgleich von Differenzen zwischen Fragendem und Antwortendem zum Ziel sondern beschränken ihren Fokus einzig auf die Bedürfnisse des Fragestellers. Dabei reicht das Spektrum von Langeweile über Selbstdarstellung und mitreden-wollen, bis hin zum tatsächlichen Wunsch nach Informationen.
Gerade wenn Aufgaben zu erledigen sind, an denen man wenig Interesse hat, ist eine kurze Frage oft naheliegender als aufwändiges Wälzen von Handbüchern. Da man auf diese Weise sein Wissen nicht vertieft, können Anfragen leicht zur Gewohnheit werden und man benutzt seinen Gegenüber immer selbstverständlicher als besseres Lexikon. Durch die Vermutung, andere hätten das gewünschte Wissen eher parat, fällt oft nicht auf wenn man sie aus ihrer Tätigkeit reisst oder ihnen eigene Recherchen aufbürdet. Ein solches im Grunde überflüssiges Fragen kann im Laufe der Zeit zu Spannungen führen, denn einerseits kann es leicht zu Verständnisproblemen kommen, so dass die Antworten vielleicht nicht immer der gewünschten Qualität entsprechen, und zudem kann sich jemand, der ständig alles Mögliche gefragt wird, ausgenutzt fühlen.
Fragen, die man durch eigenes Nachdenken selber beantworten könnte, sei es durch Kombination von vorhandenem Wissen, oder Transfer aus Erkenntnissen analoger Fachgebiete, sowie sich regelmässig wiederholende Fragen führen zu ähnlichen Problemen. Eine Weigerung auf derartige Fragen einzugehen wird schnell als Arroganz oder fehlende Hilfsbereitschaft ausgelegt, selbst wenn Hilfe ja im Grunde gar nicht nötig ist. Geradezu rücksichtslos zeigt sich ein derartiges Versorgungsdenken, wenn man auf die Angabe eines Literaturhinweises als Antwort bemerkt, dass einem das Lesen der genannten Quelle zu mühsam ist, und die Frage dafür nicht wichtig genug sei. Wichtig genug, dem anderen eine Recherche oder didaktische Aufbereitung des Themas zuzumuten wäre sie aber doch gewesen...

Fragen richtig stellen
Nach den angeführten Beispielen, könnte man zu der Ansicht gelangen, es sei besser, überhaupt keine Fragen mehr zu stellen, doch das wäre sicher voreilig. Vielmehr soll selber die Frage aufgeworfen werden, wie man auf der Suche nach neuen Erkenntnissen am geschicktesten vorgeht. Dass die Ursache für unzureichende Antworten oft an einer falschen Frageweise liegt, dürfte spätestens seit Douglas Adams "Per Anhalter ins All" bekannt sein, wo die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und Allem "42" lautet. Ohne eine durchdachte Frage hilft eine derartige Antwort nicht weiter. Wie geht man aber vor, wenn man eine präzise Frage stellen will?
Auch wenn es banal klingen mag: zuerst muss man sich einer Frage bewusst werden. Dies geschieht vor allem dort, wo man schon über grundsätzliche Erfahrung verfügt, denn in Bereichen, die man nicht kennt, eröffnen keine sich Fragen. Selbst wenn man meint von einem Themenbereich nie etwas gehört zu haben, muss man doch über Begriffe zur Fragestellung verfügen. Konkret werden diese aber erst druch den Wunsch, Lücken im eigenen Wissen zu schliessen und sie begrifflich auszuformulieren.
Der Adressat einer neu gestellten Frage ist man zuerst einmal selbst. Dennoch ist es wichtig, Begriffe so exakt wie möglich zu fassen damit man sie im eigenen gedanklichen Horizont aus allen möglichen Perspektiven beleuchten kann. Führt eine derartige Reflexion nicht weiter, ist der nächste Schritt nach aussen gewandt, um je nach Möglichkeit durch Lektüre oder Gespräche fremde Impulse zur Beantwortung einzuholen. Hier kommt die Sorgfalt der gewählten Begriffe noch mehr zum tragen, denn diese variieren zwischen verschiedenen Personen oft beträchtlich. Missverständnisse sind hier eher die Regel als die Ausnahme, so dass kaum genug Mühe darauf verwendet werden kann, eine gemeinsame sprachliche Basis zu finden in der nicht der Wortlaut, sondern der mit ihnen gemeinte Inhalt der jeweiligen Intention gemäß verstanden wird. Erst dann ist es möglich, durch Antworten das eigene Wissen sachgemäß zu ergänzen so dass man zu weiterführenden und vertiefenden Fragen gelangen kann.

Persönliche Dogmen
Was aber, wenn verschiedene Quellen unterschiedliche Auskünfte geben? Man könnte einfach mehrere Seiten befragen und die Mehrzahl an Übereinstimmungen gelten lassen, doch wer sagt einem, dass man repräsentativ ausgewählt hat, oder die Mehrheit wirklich richtig liegt?
Plausibilität von Antworten lässt sich am besten im Vergleich mit schon gewonnenen Erkenntnissen festmachen. Dabei gibt es zwei Ansatzpunkte: ist die Argumentation zu einer Antwort logisch stringent von ihren Prämissen her abgeleitet und passen deren Prämissen zu denen des eigenen Weltverständnisses. Um fremde Aussagen am eigenen Wissen zu messen, noch dazu in Bereichen die sich noch selber in fraglichem Zustand befinden, ist ein ansonsten stabiles Grundgerüst Voraussetzung - ein aus festen Bausteinen errichtetes Gebäude, welches sich durch jede neue Erkenntnis verfestigt.
Die Bausteine, auf die sich eine Welt gründet, kann man als persönliche Dogmen bezeichnen. Indem man Hypothesen nur dann auswechselt, wenn ein neues Argument überlegen ist, verfestigt man die Stützpfeiler seines Denkgebäudes. Mit der Zeit werden tragende Elemente immer seltener revidiert und die darauf errichteten Systematiken können sich immer weiter entfalten und ihrerseits zu festen Erkenntnissen werden, die nicht jedem fremden Impuls oder jeder interessanten Mode unterworfen sind. Die Vielzahl an Antworten, die man auf seine Fragen erhalten kann, lassen sich so sinnvoll einschätzen, denn wenn sie selber, ihre Prämissen oder die von ihnen abgeleiteten Folgen nicht zum eigenen Weltbild passen, hat man einen guten Leitfaden zur Hand, den Grund dafür auszuloten, indem man eigene und fremde Prämissen vergleicht, sieht ob Argumentationen logisch aufgebaut sind, und schliesslich feststellt, ob die Antworten als Basis für weitere Fragen geeignet sind und nicht als abschliessende Behauptung ein weiteres, lebendiges Wachstum der eigenen Welt verhindern. Ist man ehrlich an weiterem Wissen interessiert, kann man auf diese Weise vernünftig entscheiden, ob eine erhaltenen Antwort weiter hilft, wenn dies auch vielleicht mühsames Anpassen der eigenen Welt zur Folge hat, oder ob die Antwort besser zu verwerfen ist.