Heliand (Passion) PDF Drucken E-Mail

Die Leidensgeschichte

54. Judas‘ Verrat. Die Fußwaschung

Das hört‘ ich, daß den Helden da    der hehre König
von der Wende dieser Welt    mit Worten erzählte,
wie sie weiter sich entwickelt,    solange sie bewohnen dürfen
die Erdensöhne,    und wie sie am Ende vergehen
und versinken soll.    Da sagte er den Jüngern
mit wahren Worten:    „Ihr wisset es alle,
daß nach zweien Nächten    nun die Zeit genaht ist,
der Juden Osterfest,    wo sie alle im Weihetum
ihrem Gott dienen.    Dann geht es in Erfüllung,
daß da der Menschensohn    dem mächtigen Volk,
der kraftreiche, verkauft wird    und ans Kreuz geschlagen,
Todesqual ertragen muß.“    Da waren viele trotzige Männer,
Südleute, versammelt,    feindlichen Sinnes,
der Degen der Juden    da sie sollten dienen ihrem Gott.
Die Gesetzessprecher waren    zur Versammlung alle,
die Klugen, gekommen,    die als die Kundigsten man
in der mächtigen Menge    der Männer achtete,
einkräftiges Geschlecht.    Kaiphas war damals
Bischof in der Burg.    Sie berieten wider des Gebieters Sohn,
sagten daß sie an dem Ostertage    ihn nicht anrühren dürften
vor der Menge der Menschen:    „damit die Masse nicht Aufruhr
erhebe, die Helden;    denn diese Heerschar will
streitend vor ihm stehen.    In der Stille müssen wir
seinem Leben nachstellen,    damit die Leute nicht
Gewalttat wirken    an den Weihetagen.“
Da kam zu ihnen Judas,    der Jünger Krists,
einer der zwölf,    wo die Edlen der Juden,
die Versammlung saß,    sprach, daß er sagen könne
einen guten Rat:    „Was wollt ihr mir geben dafür
zum Lohn an Schätzen,    wenn ich euch liefere den Mann
ohne Unruhe und Aufruhr?“    Da ward ihrer aller Sinn
freudig, der Volksschar.    „Willst du erfüllen das“, sagten sie,
„dein Wort bewahrheiten,    dann soll gewährt dir sein,
was du von diesen Leuten    erlangen willst
an Geld und Gut.“    Da verhieß die Gilde ihm,
wie er es selber verlangte,    der Silberlinge
dreißig im ganzen,    und zu den Degen sagte er
mit frechen Worten,    daß er seinen Führer dafür gebe.
Dann ging er von den Männern,    grimmiges Mutes.
Der Treulose bedachte,    wenn der Tag wohl komme,
daß er ihn den grimmigen Gegnern    übergeben könne,
dem Volk der Feinde.    Da wußte das Friedekind Gottes,
der wahre Waltende,    daß er von dieser Welt nun müsse
sich wenden, von diesen Wohnstätten,    zu des Weltenkönigs Reich,
fahren zu seinem Vaterhaus.    Nie erfuhr da ein Menschenkind
mehr an Minne,    als er da den Männern erwies,
seinen guten Jüngern.    Für ein Gastmahl sorgte er,
setze sie so freundlich    und sagte ihnen vieles
mit wahren Worten.    Gen Westen ging der Tag,
die Sonne, zur Rüste.    Selber gebot er da,
der Waltende, mit seinen Worten,    hieß sie Wasser tragen
klares holen,    und dann ging der heiligen Krist,
der gute, zu seinen Jüngern    und begann ihnen zu waschen
die Füße mit seinen Händen.    Und fürsorglich nachher
trocknete er sie mit seinem Tuch.    Bei solchem Tun sprach da
Simon Petrus:    „Nicht dünkt mich solches geziemend,
mein Führer und Herr,    daß du mir die Füße wäschst
mit deinen heiligen Händen.“    Da gab ihm der Herr zur Antwort,
der Waltende, mit seinen Worten:    „Wenn es dein Wille nicht ist,
freundlich zu empfangen,    daß ich dir die Füße wasche
in meiner Minne,    wie ich es diesen Männern hier
in Treuen tue,    dann hast du keinen Teil mit mir
am Himmelreiche.“    Das Herz ward da gewendet
dem Simon Petrus:    „Du hast selber Gewalt,
Herr, mein guter,    Hände und Füße,
mein König, zu waschen,    auf daß ich könne hinfort
deine Huld haben    und vom Himmelreiche
solchen Anteil,    wie du mir selber willst
geben in deiner Güte.“    Gerne empfingen sie
diese Dienste,    die Degen Krists,
nahmen willig an,    was ihnen der Waltende tat,
der Mächtige, in seiner Minne.    doch noch mehr gedachte er
zu fördern die Völker.

55. Das Abendmahl

Das Friedekind Gottes
setzte sich zu seinen Gesellen    und sagte der Schar
langwährende Lehre.    Da war das Licht gekommen,
der Morgen zu den Menschen.    Den mächtigen Krist
begrüßten seine Jünger    und fragten,    wo das Gastmahl er
bewirkt haben wolle    an dem Weihetage,
wo die heiligen Zeiten    er zubringen wolle
selbst mit seinen Gesellen.    Da sagte er und hieß sie
sich begeben in die Burg:    „Wenn ihr gegangen kommt
in das dichte Gedränge    dort in der Stadt,
in die Menschenmenge,    dann werdet ihr einen Mann sehen
einen Krug tragen    voll klaren Wassers,
ein Gefäß in seinen Händen.    Dem sollt ihr folgen dann,
zu welchem Hofe    er hingehen wird.
Dem der Hof gehört,    zu dem Herren gehet dann
und sagt ihm selber,    daß ich euch sandte dorthin,
zu bestellen mein Gastmahl.    Dann zeigt er euch ein stattliches Haus
eine hohe Halle,    die ist behangen ganz
mit reichen Teppichen.    Dort sollt bereiten ihr
sorglich mein Gastmahl.    Ich komme sicher dorthin
selbst mit meinen Gesellen.“    Ohne Säumen machten sich
nach Jerusalem    die Jünger Krists
sofort auf die Fahrt,    fanden was er gewiesen,
seine Worte bewahrheitet;    es ward, wie er gesprochen.
Dort besorgten sie ihm das Gastmahl.    Es war Gottes Sohn,
der heilige Herr,    in das Haus gekommen,
wo sie die Volkssitte    erfüllen sollten,
des Herren Geheiß,    wie es hielten die Juden
als alte Übung    von Urzeit her.
Es kam da an dem Abend    der allwaltende Krist,
in dem Saal zu sitzen,    hieß seine Gesellen zu ihm
treten, die zwölf,    die die getreusten ihm
in ihrem Gemüt    von den Männern waren
in Wort und Weise.    Er wußte selbst,
der heilige Herr,    ihres Herzens Gesinnung.
Dann begrüßte er sie beim Gastmahl:    „Ich begehrte innig,
daß ich sitzen sollte    zusammen mit euch
das Abendmahl einzunehmen,    am Opferfest der Juden
teilzunehmen mit euch Teuern.    Euch Getreuen sage ich
des Waltenden Willen:    in dieser Welt darf ich
nicht mehr mit Menschen    ein Mahl genießen
hinfort, mit Freunden,    ehe denn erfüllet ist
das himmlische Reich.    Mir steht hart bevor
Marter und Todespein,    die ich für das Menschenvolk
erdulden soll.“ Da er das den Degen sagte,
der heilige Herrscher,    da ward sein Herz betrübt,
voller Sorgen sein Sinn,    als er zu seinen Gesellen sprach,
der Gute, zu seinen Jüngern:    „Das Gottesreich“, sprach er
„verhieß ich euch, das Himmelslicht,    und in Hulden ihr mir
euren Dienst als Degen.    Dessen gedenkt ihr nun nicht,
weicht von eurem Wort.    Ich sage euch wahrlich hier,
daß Untreue üben will    einer von den Zwölfen,
mich verkaufen will    den Kindern der Juden
mich verraten um Silber,    und dafür Reichtum nehmen,
kostbare Kleinode,    und seinen König ausliefern,
seinen holden Herrn.    Doch zum Harm soll es ihm
werden, zum Weh,    wenn er gewahrt sein Geschick
und das Ende seiner Taten    alles erschaut;
dann erkennt er klar:    es wäre köstlicher für ihn,
ein weit besseres Los,    wenn er nicht geboren wäre
zum Leben in diesem Licht.    Denn seinen Lohn erhält er,
schlimmes Geschick,    für schändliche Tat.“
Zu sehen begann da jeder    der Jünger auf den andern,
zu schauen voller Schmerz;    es ward ihnen schwer der Sinn,
voll Harm ihr Herz:    sie hörten ihren Herrn da
Klageworte verkünden.    Bekümmert waren die Männer,
wen von den Zwölfen    er da bezeichnen werde
als schuldig der Schandtat,    daß er sich Schätze hätte
bedungen von dem Volke.    Nicht war es der Degen einem
leicht, von solcher tückischen    Tat zu sprechen.
Meingedanken wies ab    der Männer jeder.
Furcht erfaßte sie;    zu fragen nicht wagten sie,
bis einen Wink dann gab    der würdige Mann,
Simon Petrus -    nicht wagte er selbst zu fragen -
Johannes dem guten.    Der war dem Gottessohne
an diesen Tagen    der Degen liebster,
den er minnte am meisten;    und er durfte an des mächtigen Krists
Busen weilen,    und an seiner Brust lag er
hingeneigt mit seinem Haupt.    Da vernahm er manch heiligen Gedanken
tiefes Geheimnis.    Und zu seinem Herrn sprach er,
begann ihn zu fragen:    „Wer soll, Mein Fürst, es sein,
der dich verkaufen könnte,    der Könige reichsten,
an das Volk der Feinde?    Uns ist viel Begehr,
Waltender, es zu wissen.“    Da hatte sein Wort bereit
der Heiland Krist:    „Seht, wem ich in die Hand gebe
die Mundkost vor diesen Männern,    der hegt Meingedanken,
böse in der Brust.    Der bringt mich in der Mörder,
in der Feinde Gewalt.    Dort finde ich den Tod,
verliere ich mein Leben.“    Und er langte nach dem Brot,
der Mundkost, vor den Männern    und gab sie dem Meintäter,
Judas in die Hand;    und zu jenem sprach er
selbst vor seine Gesellen,    er solle alsbald
weichen aus ihrer Mitte:    „Was du willst, das vollbringe,
tu, was du tun mußt!    Nicht kannst du trügend verhehlen
hinfort dein Vorhaben.    Erfüllt ist dein Geschick,
dein Tag steht vor der Tür.“    Als der Treuebrecher
das Brot empfing    und es zerbiß in seinem Munde,
da glitt von ihm die Gotteskraft.    Grimme Unholde
fuhren in seinen Leib,    leidige Wichte.
Satan selber    nahm Besitz von ihm,
hart von seinem Herzen,    da ihn die Hilfe Gottes
verließ in dieser Welt.    Das bringt den Leuten Weh,
die unter diesem Himmel    ihren Herrn wechseln.

56. Fortsetzung des Abendmahls

Da eilte davon,    von Arglist erfüllt,
Judas seinen Weg    voll jäher Wut
wider seinen Dienstherrn, der Degen.    Da war dunkle Nacht,
völlige Finsternis.    Das Friedekind Gottes
saß da mit seinen Gesellen.    Und er segnete beides,
es weihte der Waltende    den Wein und das Brot,
der heilige Himmelskönig;    und mit seinen Händen brach er‘s,
verteilte es unter die Degen    und dankte Gott
innig, dem Ewigen,    der das All erschuf,
die Welt und ihre Wonnen.    Und er sprach der Worte viele:
„Glaubet es, ihr Lieben,    daß mein Leib dies ist
und mein Blut desgleichen!    Ich gebe euch beides
hier zu essen und zu trinken.    Auf Erden soll ich das
geben und vergießen    und euch zum Gottesreiche
erlösen durch meinen Leib    für das ewige Leben,
für das Himmelslicht.    Beherzigt es immer,
daß hinfort ihr befolget,    ws ich für dieses Volk nun tu‘,
meldet es der Menge!    Das ist ein mächtiges Ding:
dadurch sollt Ehre ihr erweisen    dem mächtigen Gott.
Haltet es zu meinem Gedächtnis    als heiliges Wahrzeichen,
damit die Kinder der Menschen    es künftig tun,
es bewahren in dieser Welt,    auf daß es wissen alle
Menschen hier in Mittelgart,    daß es zu meiner Minne geschieht,
dem Herren zur Huld!    Beherzigte immer,
was ich euch hier gebiete,    daß ihr eure Bruderschaft
festhaltet hinfort!    Habt frommen Sinn!
Minnt euch in eurem Gemüt,    damit die Menschenkinder
bei den Erdenvölkern    es alle erfahren,
jeder es sieht,    daß ihr meine Jünger seid!
Auch kann ich euch verkünden,    wie der kräftige Feind,
der heergrimme Hasser,    euer Herz versuchen will:
Satan kommt selber,    eure Seelen hier
dreist zu verderben.    Eure Gedanken richtet immer
fest auf den Himmelsvater.    Ich will erhören euer Flehen,
daß der Meintäter nicht vermag    euer Gemüt zu verführen.
Ich helfe euch wider den Feind.    Er kam zu verführen auch mich;
doch ward ihm sein Wunsch    gar wenig erfüllt,
sein Verlangen nach meinem Leibe.    Nun will ich nicht länger verhehlen,
was so sehr euch soll    Sorge bereiten:
ihr sollt versagen,    Gesellen mein
in eurer Degenschaft,    ehe denn die düstre Nacht
die Leute verläßt    und das Licht danach kommt,
der Morgen zu den Menschen.“    Da ward das Gemüt den Jüngern
gar tief betrübt    und traurig ihr Sinn,
voll Harmes ihr Herz,    um ihres Herren Wort,
voll versehrender Sorge.    Simon Petrus,
der biedre Degen,    sprach zu seinem Dienstherren alsbald,
hold zu seinem Heiland:    „Mag auch diese Heldenschar
versagen, deine Gesellen,    so will ich doch zusammen mit dir,
deine Bedrängnis    alle erdulden hinfort.
Wenn Gott es mir gönnt,    bin ich gerne bereit,
standhaft dich zu stützen    und zu stehen bei dir.
Mögen sie dann auch in Kerkers    Klause dich hart
einschließen, diese Recken,    mir ist nicht der geringste Zweifel,
daß ich dann in Haft und Banden    will harren bei dir,
liegen mit dir Liebem.    Wenn sie dir das Leben dann
mit neidvoller Waffe    nehmen wollen,
mein teurer Herr,    dann erleide ich den Tod für dich
im Waffenspiel.    Nicht zu weichen gedenke ich,
Mühsal zu meiden,    solange der Mut mir währt,
Herz und Handkraft.“    Da gab ihm sein Herr darauf zur Antwort:
„Treue sonder Wanken    traust du dir wohl zu,
dreiste Dinge,    hast eines Degens Gesinnung,
wackern Willen.    Doch kann ich dir sagen, daß es werden soll,
daß du weichmütig wirst,    wähnst du dich auch stark,
daß du deinen Dienstherrn    dreimal verleugnest
nächtlich, eh‘ der Hahn kräht,    und sagst, dein Herr sei er nicht,
sagst dich los von deinem Leiter.“    Zum Landeswart sprach Petrus:
„Wenn fürwahr in dieser Welt    es werden sollte,
daß mein Leben mit dir Liebem    ich lassen müßte,
standhaft sterben,    so wird doch eine Stunde nie kommen,
daß ich dich verleugnete,    mein lieber König,
je vor den Juden.“    Da sagten die Jünger alle,
daß sie dort auf der Dingstätte    mit ihm dulden wollten.

57. Jesus auf dem Ölberge

Darauf gebot ihnen mit seinen Worten    der Waltende selber,
der hehre Himmelskönig,    in ihrem Herzen nicht zu zweifeln;
verscheuchen hieß er sie    schwermütige Gedanken:
„Nicht härmt euch in eurem Herzen    um euers Herren Wort!
Nicht fürchtet euch soviel!    Unsern Vater soll ich
selbst nun sehen,    und senden will ich euch
vom Himmelreiche    den Heiligen Geist.
Der soll euch dann trösten    und euer Vertrauen stärken,
euch mahnen an die Lehren,    die ich so manchen Tag
mit Worten euch gewiesen.    Er gibt euch Weisheit in die Brust,
die Worte und Werke,    die ich euch in dieser Welt gebot.“
Dann erhob sich der Hehre    in der Halle innen,
der liebe Heiland,    und verließ sie nächtlich
selbst mit seinen Gesellen.    In Sorgen gingen
mit Kummer und Klagen    Kristes Jünger,
Wehe im Herzen,    als er weiter sich begab
auf den hohen Ölberg,    wohin er immer pflegte
zu gehen mit seinen Jüngern.    Das wußte Judas wohl,
der bösgesinnte Verbrecher:    er war auf dem Berg mit ihm oft.
„Ihr seid nun so betrübt“, sprach er,    „weil ihr meinen Tod wisset,
ihr weint und wehklagt;    doch voll Wonne sind die Juden.
Es freut sich das Volk,    ist frohen Mutes;
diese Welt ist in Wonnen.    doch wird die Wende kommen
schnell und gründlich.    Dann wird voll Gram ihr Sinn,
dann härmt sich ihr Herz;    doch sollt ihr herrlich euch freuen
nach dem Tag der Ewigkeit,    deren Ende nicht kommt,
euers Wohlseins Wende.    Drum dürft ihr nicht weiter trauern,
euch härmen um mein Hinscheiden;    denn es soll Hilfe kommen
dem volk der Menschen.“    Dann befahl er seinen Jüngern,
zu bleiben auf dem Berg.    Denn zum Gebet wollte
auf die Holmklippe    er höher steigen.
Er hieß nur drei    von den den Degen ihn geleiten:
Jakob und Johannes    und seinen Jünger Petrus,
den dreistmütigen Degen.    Mit ihrem Dienstherrn zusammen
gingen sie gerne    Da hieß sie der Gottessohn
auf dem Berge oben    zum Gebet sich neigen,
anrufen den Allwaltenden,    und innig bitten,
daß er mindern möge    die Macht der Versucher,
der Leidigen Willen,    daß es den Widersachern nicht gelinge,
Und er neigte sich selber,    der Sohn Gottes,
der kraftreiche, auf die Knie,    der Könige mächtigster,
vor dem Vater der Völker    und fiel zur Erde,
rief den Allwalter,    und Angstworte sprach er,
Trauer im Herzen.    Es war betrübt sein Sinn
in seinem Menschentum,    sein Gemüt voller Zagen;
sein Fleisch war in Furcht.    Es fielen ihm die Tränen;
es rann sein heiliger Schweiß,    wie heiß das Blut
strömt aus Wunden.    Da stritten miteinander
in dem Gotteskinde    der Geist und der Leib:
den Weg zu wandern,    war gewillt der eine,
der Geist, zum Gottesreich;    es grauste dem andern:
dieses Licht verlassen    wollte der Leib noch nicht,
sondern er fürchtete den Tod.    Er flehte den König
immer inständiger an,    den allmächtigen Herrscher,
den hohen Himmelsvater,    den heiligen Gott,
den Waltenden, mit seinen Worten:    „Kann gewinnen nicht“, sprach er,
„die Menschheit das Heil    ohne daß ich hingeben muß
das liebe Leben    für der Leute Kinder,
von Schmerzen gequält,    so geschehe dein Wille!
Dann koste ich es aus;    ich nehme den Kelch zur Hand
und trinke ihn dir zu Ehren,    mein allwaltender Herr,
mächtiger Muntwalt.    Meines Leibes
nicht achte ich hinfort!    Erfüllen will ich
deinen Willen.    Du hast Gewalt über alles.“
Dann ging er dorthin,    wo er seine Begleiter ließ
harren auf der Höhe;    der heilige Krist
fand sie schlafend in Sorgen.    Ihr Sinn war bekümmert,
weil sie ihren Leiter    verlieren sollten.
So wird betrübt das Gemüt    der Männer jedem,
wenn er verlassen soll    seinen lieben Herrn,
von dem Gütigen scheiden.    Dann begann er zu sprechen;
der Waltende weckte sie    und richtete das Wort an sie:
„Wie mögt ihr schlafen?    Könnt ihr mit mir denn nicht
eine Weile wachen?    Mich erwartet das Schicksal,
daß es gehen soll,    wie es Gottvater,
der Waltende, wirkte.    Nicht wankt mir mein Mut,
mein Geist ist ergeben    in Gottes Willen,
fertig zur Fahrt.    Mein fleisch ist in Sorgen,
mein Leib ist lässig.    Leid ist es ihm sehr,
daß ihn Weh erwartet.    Doch den Willen muß ich
meines Vaters erfüllen.    Habt festen Mut!“
Dann machte er sich auf,    zum anderen Male
auf des Berges Gipfel    zum Gebet zu steigen,
der hehre König.    Und zum Höchsten sprach er
viele gute Worte.    Da kam Gottes Engel,
heilig vom Himmel    und gab seinem Herzen Kraft,
Festigkeit für die Fesseln.    Er setzte fort sein Gebet
in eifrigem Flehen    und rief seinen Vater an,
den Waltenden, mit seinen Worten:    „Kann es nicht werden anders,
mächtiger König,    als daß ich für das Menschenvolk
Todesqual ertrage,    dann will ich tun fürwahr
nach deinem Willen.“    Dann wandte er sich fort,
seinen Gesellen zu suchen.    Er sah sie schlafen,
sprach sie eilig an    und ging abermals zu beten,
zum drittenmal von dannen.    Und es sprach der Degen Gebieter
ganz dieselben Worte,    der Sohn des Herrn,
zu dem allwaltenden Vater,    wie er zuvor getan.
Es gemahnte den Mächtigen    der Menschen Wohl
gar heftig in seinem Herzen.    Der Heilande Krist
ging zu seinen Jüngern    und sprach sogleich sie an:
„Schlaft und schlummert ihr?    Nun wird schleunig hierher
kommen mit Kraft,    der verkauft mich hat,
den Sündenlosen verraten.“    Die Gesellen Krists
erwachten bei diesen Worten    und sahen da Bewehrte kommen
den Berg hinauf    mit Gebraus und Gedränge,
wuterfüllte Waffenträger.

58. Die Gefangennahme

Es wies sie Judas,
der neiderfüllte Jünger.    Die Juden strömten nach,
das Volk der Feinde.    Sie trugen Feuer inmitten,
führten Fackeln    und flammende Lichter,
brennende, von der Burg,    da sie den Berg hinan
stiegen zum Streit.    Die Stätte kannte Judas,
der die Leute da    leiten sollte.
Er nannte ihnen da Zeichen,    als sie nahten dem Ort,
dem Volke zuvor,    damit sie nicht gefangen nähmen
einen anderen Mann:    „Ich gehe zuerst auf ihn zu,
küsse und begrüße ihn.    Das ist Krist selber,
den mit des Volkes Fäusten    ihr festnehmen sollt,
ihn binden auf dem Berge    und in die Burg hinein
leiten zu den Leuten.    Sein Leben hat er
verwirkt durch seine Worte.“    Weiter zog die Schar,
bis sie zum waltenden Krist    gekommen war,
die grimmen Juden,    wo er mit seinen Jüngern stand,
der hehre Heiland.    Er harrte des Schicksalsspruchs,
des Tages der Erfüllung.    Der treulose Mann
ging ihm da entgegen;    und vor dem Gotteskinde
neigte er sein Haupt    und nannte ihn seinen Herrn,
küßte den Kraftreichen;    wie er es verkündet, tat er,
wies ihn der Wehrschar,    wie er es mit seinen Worten verheißen.
Das ertrug in Geduld    der getreue Herrscher,
der Waltende dieser Welt,    und sprach ihn mit Worten an,
fragte ihn furchtlos:    „Warum kommst du mit diesem Volk zu mir?
Warum leitest du hier diese Leute,    um mich dem leidigen Volk
zu verkaufen mit deinem Kusse,    den Kriegern der Juden,
meldest mich dieser Menge?“    Sodann trat er, mit einem Mann zu sprechen,
zu dem Volk der andern    und fragte sie mit Worten,
wen zu suchen sie kämen    mit den Kriegsgesellen
so neidlich zur Nacht.    „Wem wollt ihr Not bringen,
welchem Manne?“    Da erwiderte ihm die Menge,
sagte, daß der Heiland dort    auf dem Hügel oben
ihnen gewiesen wäre.    „Er wirket Aufruhr
bei den Sippen der Juden,    und den Sohn Gottes
heißt er sich selber.    Ihn zu suchen kamen wir her,
ihn begehren wir zu ergreifen.    Er ist von Galiläaland,
von der Burg zu Nazareth.“    Der Gebieter Krist
sagte ihnen da offen,    daß er es selber wäre.
Da erfaßte solche Furcht    das Volk der Juden,
solches Entsetzen,    daß zusammen sie stürzten,
alle auf einmal;    zu Erde fielen
rücklings die Recken.    Nicht reichte ihre Kraft,
der Stimme standzuhalten.    Doch waren sie streitbare Männer;
sie stiegen wieder aufwärts,    stärkten ihr Herz,
zwangen ihren Mut.    Die Zornigen gingen
neidvoll näher,    bis sie den Nothelfer Krist,
mit Bewaffneten umwallten.    Die weisen Männer
standen da jammernd,    die Jünger Krists,
ob der furchtbaren Freveltat;    und sie fragten den Heiland:
„Wäre es nun dein Wille,    waltender Herr mein,
daß an Speeres Spitzen    sie spießen sollten
uns Waffenwunde,    nichts wäre uns wahrlich so lieb,
als daß für unseren Gefolgsherrn    wir fallen könnten,
bleich von Wunden.“    Da brauste auf
der schnelle Schwertdegen    Simon Petrus;
ihm wallte der Mut.    Kein einzig Wort konnt‘ er sprechen;
so ward ihm Harm im Herzen,    daß man seinen Herren
dort binden wollte.    Erbittert ging er da,
der hochgemute Held,    vor seinem Herrn zu stehen,
hart vor den Heiland.    Nicht war im Herzen ihm Furcht,
nicht Zweifel noch Zagen.    sondern er zog die Klinge,
das Schwert aus der Scheide    und schlug auf ihn ein,
auf den vordersten Feind,    mit seiner Faust Gewalt,
daß da Malchus gezeichnet ward    von des Mutigen Stahl
an der rechten Seite,    versehrt von der Schneide:
zerhauen ward ihm das Ohr;    er ward am Haupte wund,
daß ihm waffenblutig    Wange und Ohr
in Todeswunde barst.    Das Blut sprang hervor;
es wallte aus der Wunde.    Die Wange war zerklafft
dem vordersten Feinde;    da wich das Volk zurück;
sie scheuten den Schwertbiß.    Da beschied ihn das Gotteskind,
sprach selber zu Simon,    er solle senken sein Schwert,
das scharfe,    ein die Scheide.
"Wenn wider diese Schar    ich wollte,
wider dieses Volkes Feindschaft,    Fehde erheben,
dann mahnte ich den Herren,    den mächtigen Gott,
den heiligen Vater    im Himmelreiche,
daß er mir der Engel Schar    von oben schicke,
des Kampfes so kundig,    daß ihre Kraft zu bestehen
kein Mensch vermöchte.    Nicht stünde einen solche Menge der Krieger
ein Heer bereit,    daß die die Helden ihr Leben
da zu wahren vermöchten.    Doch hat der waltende Gott,
der allmächtige Vater,    es anders beschlossen,
daß wir erdulden sollen,    daß uns diese Degen hier
Bitteres bringen.    Uns ist verboten, zu streiten,
zu wehren ihrer Gewalt.    Denn wer der Waffen Streit,
grimmen Gerkampf,    gerne erheben will,
der endet gar oft durch    des Eisens Schneide,
todesblutig getroffen.    Mit unseren Taten können
nichts wenden wir."    Dann ging er zu dem wunden Manne,
fügte sorglich    das Fleisch zusammen,
des Hauptes Wunde,    so daß geheilt sie war,
des Beiles Biß.    Und es sprach der Geborene Gottes
zu der wütenden Wehrschar:    "Das dünkt mich Wunders gar sehr,
wenn ihr irgendein Weh    mir antun wolltet,
warum ihr mich nicht fingt,    als ich unter eurem Volke stand
in dem Weihtum innen    und da der Worte viele,
sinnreiche, sagte.    Da war Sonnenschein,
teueres Tageslicht;    da tatet ihr mir nichts
Leides in diesem Licht.    Und nun führt ihr eure Leute her
in düstrer Nacht,    wie einem Dieb man naht,
den man fangen will,    weil der Frevler sein Leben
schändlich verscherzt hat".    Die Schar der Juden
ergriff da den Gottessohn,    das grimmige Volk,
der 'Haufe der Hasser'.    Den Heiland umdrängte
das feindliche Volk,    des Frevels nicht achtend.
Sie hefteten mit Heerbanden    ihm die Hände zusammen,
mit Fesseln die Fäuste.    Solche furchtbare Pein
brauchte er nicht zu erdulden,    solche bitteren Qualen,
solche Martern ertragen;    sondern er tat es für die Menschen,
weil der der Leute Kinder    erlösen wollte,
aus der Hölle sie holen    in das Himmelreich,
in das weite Wonneland.    Darum wehrte er dem nicht,
was sie in argem Ingrimm    ihm antun wollten.

59. Die Verleugnung des Petrus

So übermütig ward da    das arge Judenvolk,
so prahlend die Heerschar,    als sie den heiligen Krist,
den Gebieter in Banden    bringen konnten,
in Fesseln ihn führend.    Die Feinde zogen
von dem Berge zur Burg.    Es ging der Geborene Gottes
in dem Heerhaufen,    die Hände gebunden,
traurig zu Tal.    Es waren die Trefflichen da,
wie er selber es gesagt,    seine Gesellen entwichen,
Doch nicht flohen sie aus Feigheit,    als sie ihren Gefolgsherrn dort,
den lieben, verließen;    sondern es war gar lange vorher
der Wahrsager Wort,    daß es so werden sollte.
Drum vermochten sie's nicht zu vermeiden.    Doch hinter der Menge gingen
die beiden Jünger    Johannes und Petrus;
Sie folgten von ferne:    sie wollen erfahren gern,
was die grimmen Juden    mit dem Gotteskind wollten
tun, mit ihrem König.    Als sie zu Tale kamen,
von dem Berge zur Burg,    wo der Bischof war,
ihres Weihtums Wart,    da führten ihn verwegene Krieger,
die Männer, durch das Tor.    Da war ein mächtiger Brandstoß,
ein Feuer, auf dem Vorhof,    dem Volk gegenüber,
von der Schar geschürt.    Dorthin schritten, sich zu wärmen,
des Heerhaufens Leute.    Sie ließen den Heiland
in Banden warten.    Dort war brausendes Toben,
der übermütigen Lärmen.    Schon lange war Johannes
dem Hausherrn bekannt.    Drum durfte er in den Hof hinein
in der Menge mitgehen.    Doch stand aller Männer bester,
Petrus, draußen.    Nicht ließ der Pförtner ihn
folgen seinem Gebieter,    bis von seinem Freunde erbat
Johannes, von dem Juden,    daß jener ihn ließe
in den Vorhof ihm folgen.    Da kam ein falsches Weib
auf dem Hof ihm entgegen,    die war im Haus eines Juden
als Dienstmagd dort;    und zu dem Degen sprach
die mißgestaltete Magd:    "Du scheinst ein Mann zu sein
von jenes Jesus Jüngern,    der dort steht
an den Fäusten gefesselt."    In Furcht geriet
plötzlich Petrus;    ihn packte der Schrecken.
Er erwiderte,    daß er des Weibes Wort nicht verstehe
und dieses Dienstherrn Degen    nicht sei.
Er verleugnete ihn vor der Menge,    sagte, daß er diesen Mann nicht kenne:
"Ich weiß nicht, was du willst."    Nicht war des Waltenden Kraft,
die harte, in seinem Herzen.    Von hinnen ging er,
fort durch das Volk,    bis er an das Feuer kam:
er wollte sich dort wärmen.    Ein Weib begann da,
ihn schmähend zu schelten:    "Hier könnt ihr schauen euern Feind,
den ich klar erkenne    als Kristes Jünger,
dieses Dienstherrn Degen."    Da drängten sich um ihn
näher die Haßerfüllten;    und heftig alsbald
fragten ihn die Feinde,    aus welchem Volk er wäre:
"Nicht bist du von diesen Burgleuten.    Das kann man an deinem Gebaren sehen,
an deinen Worten und an deinem Wesen,    daß du zu diesen Bewohnern nicht gehörst,
aus Galiläa bist du."    Doch er gab es nicht zu.
Er stand und bestritt es;    und einen starken Eid,
einen schweren, schwor er,    daß er zu jener Schar nicht gehöre.
Nicht hatte er seiner Worte Gewalt;    sondern es sollte werden so,
wie es der Mächtige bemessen,    der des Menschengeschlechts
wartet in dieser Welt.    Da trat aus dem Gewühl auf ihn zu
ein Verwandter des Mannes,    den er mit seiner Waffe hieb,
mit dem scharfen Schwerte,    sagte, daß er geschaut ihn dort
auf dem Berge oben,    "als wir in dem Baumgarten
deinen Herrn    die Hände banden,
die Fäuste fesselten."    Er aber furchtsamen Sinnes
verleugnete seine Lieben,    sagte, er wolle mit dem Leben büßen,
vermöchte es dort einer    von allen Männern
sicher zu sagen,    daß er zu seinen Gesellen gehörte,
diesen Gefährten folgte.    Da ward in der Frühe der erste
Hahnenschrei erhoben.    Da sah der heilige Krist,
der Geborenen bester,    der dort gebunden stand,
selbst auf Simon,    der Sohn Gottes,
über die Achsel.    Da ward im Innern alsbald
dem Simon Petrus    der Sinn betrübt,
Harm in seinem Herzen    und herber Schmerz.
Sehr ward ihm zur Sorge,    was er selber gesprochen.
Er gedachte da der Worte,    die ihm der waltende Krist
selber sagte,    daß er vor der Sonne Aufgang,
ehe der Hahn krähe,    seinen Herrn und König
werde dreimal verleugnen.    Da bedrückte ihn Leid,
bitteres, in der Brust;    und er ging gebrochen von dannen,
der Mann aus der Menge,    im Gemüt bekümmert,
voll scharfes Schmerzes;    und seine schmählichen Worte,
seine Rede, bereute er,    bis ihm zu rinnen begannen
im herben Herzeleid    heiße Tränen
blutig aus der Brust.    Er glaubte, keine Buße genüge,
die Sünde zu sühnen,    damit er nicht entsagen müsse
seines Herrn Huld.    Nicht ist ein Held so alt,
daß eines Mannes Sohn    er mehr gesehen,
aufrichtiger,    bereuen seine eigene Rede,
beweinen und beklagen.    "Wehe, waltender Gott", sprach er,
"daß ich so vergangen mich habe,    daß mir vergällt nun ist
immer mein Dasein,    wenn ich in Ewigkeit muß
meines Herrn Hulden    und des Himmelreichs
dauernd darben,    dann kann ich keinen Dank dafür wissen,
lieber König,    daß ich dieses Licht erblickt.
Nicht bin ich dessen würdig,    mein waltender Gebieter,
daß ich unter deine Jünger    jemals wieder gehe,
so sündig unter deine Gesellen.    Ich selber will sie
meiden in meinem Gemüt,    da ich solche Meinworte sprach."
Es härmte ihn so hart,    daß er seinen Herrn da,
den lieben verleugnet.    Doch nicht dürfen der Leute Kinder
sich wundern fürwahr.    Sondern so wollte es Gott,
daß dem so lieben Manne    Leid widerführe,
daß so höhnisch    der Held den Herren sein
auf der Dienstmagd Wort,    der Degen wackerster
verleugnete, den ihm so lieben.    Es war um der Leute willen geschehen,
den Volkssöhnen zum Frommen.    Er wollte ihn zum Fürsten machen,
zum Hehrsten über die Heimat,    der heilige König.
Er ließ ihn erkennen,    wie wenig Kraft doch hat
der Menschen Gemüt    ohne die Macht Gottes.
Er ließ ihn sündigen,    damit er selber leichter
den Leuten glaube,    wie lieb es ist
gar manchem Manne,    der eine Meintat verübt,
daß man ihm erlasse    die leidige Schuld,
Sünde und Vergeltung,    wie ihm selber vergab
des Himmelreichs Herrscher    die harmvolle Tat.

60. Jesus vor dem Rat

Drum ist Mannes Prahlen    mehr als eitel,
eines Helden Hochmut,    wenn ihm die Hilfe Gottes
versagt wird für die Sünden.    Dann versiegt ihm alsbald
im Herzen der Heldenmut,    ob er auch hitzig drohte,
mit seiner Streitbarkeit prahlte    und mit der Stärke seiner Hand,
der Krieger mit seiner Kraft.    Das ward kund an dem hehren,
dem wackersten Degen,    als ihm entwich seines Dienstherrn
heilige Hilfe.    Drum soll kein Held rühmen
zu sehr sich selber;    denn ihm versagt gar leichtleicht
Wille und Verwegenheit,    wenn ihm der waltende Gott,
der hehre Himmelskönig,    das Herz nicht stärkt.
Da harrte der Geborenen bester;    die Bande trug er
um der Menschen willen.    Ihn umwogte die Menge,
die Leute der Juden.    Sie sprachen lästernd vieles,
überhäuften ihn mit Hohn,    als er in Haftbanden stand.
Er ertrug in Geduld,    was ihm tat das Volk,
die Leute an Leid.    Inzwischen war das Licht gekommen,
der Morgen zu den Menschen,    Eine Menge von Juden,
Haß im Herzen,    kamen in dem Hause zusammen
in wölfischer Gesinnung.    Die Gesetzessprecher waren
zur Zeit des Morgens    da zahlreich versammelt,
grimm und grollend,    begierig ihn zu vernichten,
von Feindschaft erfüllt.    Sie fanden sich zusammen,
die Recken im Rat;    und zu bereden begannen sie,
was sie überführten    mit falschen Zeugen,
mit meineidigen Männern,    den mächtigen Krist,
daß er Sündhaftes gesagt    selbst mit seinen Worten,
so daß sie mit furchtbaren Qualen    ihn foltern könnten,
ihn zum Tode verurteilen.    Doch konnten sie an diesem Tage nicht finden
ein so schlimmes Zeugnis,    daß so schwere Strafe
ihn treffen konnte    und das Todesurteil,
des Lebens Verlust.    Da kamen zuletzt herbei
in dieser Leute Versammlung    verlogene Gesellen
zwei gegangen und begannen    zu erzählen,
sie hätten selber    ihn sagen hören,
daß er zertrümmern könnte    diesen Tempel Gottes,
aller Häuser höchstes,    und durch seiner Hände Stärke,
einzig mit seiner Kraft,    ihn aufbauen wieder
am dritten Tage,    wie es sonst kein Degen vermöchte.
Er schwieg und duldete.    Mochten ihn auch die Degen beschuldigen,
die Leute mit Lügen,    widerlegen wollt' er's nicht,
durch seine Rede es zurückweisen.    Im Rat erhob sich da
ein bösgesinnter Mann,    der Bischof dieser Leute,
der Führer des Volkes,    und fragte Krist
und beschwor ihn scharf    mit schweren Eiden,
im Namen Gottes,    und begehrte von ihm,
daß er selbst ihm sagte,    ob er der Sohn wäre
des lebendigen Gottes,    der dieses Licht erschuf,
Krist, der König.    "Wir können es erkennen nicht
an deinen Worten und Werken."    Und wahrhaft sprach da
der gute Gottessohn:    "Du gibst es hier nun kund,
sagst die Wahrheit,    daß ich es selber bin,
was die Leute mir nicht glauben.    Drum wollen sie mich loslassen nicht;
nicht ist mein Wort ihnen wert.    Doch wahrlich sage ich euch,
ihr sollt mich sitzen sehen    zur Seite Gottes,
den hehren Menschensohn    in des Mächtigen Kraft,
des allwaltenden Vaters,    und von oben dann kommen
durch des Himmels Wolken    und über alle Heldensöhne
urteilen durch sein Wort,    wie sie es für ihre Werke verdient."

61. Jesus vor Pilatus gebracht. Selbstmord Judas

Da entbrannte der Bischof    in erbittertem Zorn,
voller Wut, bei diesen Worten;    und sein Gewand zerriß er,
schlug sich an die Brust:    "Was brauchen wir noch zu warten,
diese Versammlung, auf ein Zeugnis,    da ihm solches entfuhr,
Meinrede aus seinem Munde!    Das hörten hier der Männer viele,
die Recken in diesem Rat,    daß er von sich berühmend spricht,
bejaht, daß er Gott sei.    Was wollt ihr Juden dafür
als Strafe bestimmen?    Ist er zu sterben nun
würdig durch solche Worte?"    Da erwiderten ihm alle,
die Schar der Juden,    er sei schuldig des Todes,
würdig dieser Strafe.    Doch war es um seine Werke nicht,
als in Jerusalem    da die Judenleute
den Sohn Gottes,    den sündenlosen,
zum Tode verurteilten.    Ihren Tatenruhm suchte
die Volksschar darin,    wie den Gefesselten sie
kränken könnte,    das Kind Gottes.
Sie umdrängten ihn wütend;    und auf die Wangen schlugen sie,
auf sein Haupt mit ihren Händen.    Das taten sie zum Hohn ihm an.
Mit Schimpfworten    schalt ihn die Schar der Feinde,
mit harter Hohnrede.    Es stand der heilige Krist
fest unter den Feinden.    Ihm waren gefesselt die Arme.
Er ertrug es in Geduld,    was da die tobende Schar
ihm Bitteres brachte.    Die Bosheit der Menge
erregte ihn nimmer.    Dann nahmen ihn die Recken,
gebunden, wie er war,    den Geborenen Gottes,
und geleiteten ihn hin,    wo diese Leute hatten,
die Männer, ihr Dinghaus,    wo so manche Degen
bei ihrem Herzog saßen.    Da war der Gesandte ihres Herrn
von Romaburg,    der da über dieses Reich gebot.
Gekommen war er von dem Kaiser,    gesandt zu dem König der Juden,
zu richten im Reiche;    er war dort Ratgeber.
Pilatus war er geheißen.    Vom Pontuslande her
stammte der Stolze.    Es hatte sich eine starke Schar
von Degen versammelt    in dem Dinghause,
gewaltiges Volk,    gewissenlose Männer.
Da übergaben den Gottessohn    die grimmen Juden
der Schar der Feinde,    sagten, er sei schuldig des Todes,
dass man ihn hinrichte    mit harter Waffe,
mit scharfen Schneiden.    Nicht wollte die Schar der Juden
in das Dinghaus dringen;    sondern draußen blieb das Volk
sie sprachen von dort mit den Männern.    Sie wollten sich mengen nicht
unter ausländische Leute,    damit sie da kein unrechtes Wort,
an dem Festtag,    kein feindliches fallen hörten.
Sie sagten, sie wollten halten    die heiligen Zeiten
so rein, ihr Pascha.    Pilatus empfing
von den verworfenen Schädigern    des Waltenden Kind,
den sündlosen Sohn.    - Voll Sorgen ward da
das Herz dem Judas,    da er hingegeben sah
seinen Herrn zum Tode;    um seine Tat begann er
sich im Herzen zu härmen,    daß er seinen Herrn verraten,
den sündlosen, hatte.    Da nahm er das Silber zur Hand,
die dreißig Schillinge,    die man ihm für seinen Dienstherrn gegeben,
ging damit zu den Juden;    und seine grause Tat,
seine Sünden, sagte er,    und das Silber wolle er
ihnen reumütig zurückgeben:    "So ruchlos habe ich
mit meines Gebieters    Blut es erkauft,
daß ich weiß, es gedeiht mir nicht."    Die Degen der Juden
wollten es nicht haben,    sondern hießen ihn nunmehr
solche Sünde    mit sich selber abmachen,
was er wider seinen Führer    gefrevelt hätte:
"Da sieh du selber zu!    Was geht die Sache uns an?
Nicht belästige uns damit länger"!    Da verließ sie Judas
ging und begab sich    in den Gottestempel,
sehr in Sorgen;    und die Silberlinge
warf er in das Weihtum:    nicht wagte er, sie zu behalten.
Dann floh er in Furcht,    da ihn die feindlichen Geister
drohend bedrängten:    sie hatten des Degens Herz,
die grimmen, ergriffen.    Ihm war Gott erzürnt.
Da besorgte er sich    selbst einen Strick,
legte den Hals in das Seil    und erhängte sich,
der Schächer, in der Schlinge;    und Schlimmes erkor er,
harten Höllenzwang,    heiß und dunkel,
tiefe Todestäler,    da er betrogen seinen Herrn.

62. Jesus vor Pilatus

Da harrte das Gotteskind,    an den Händen gefesselt,
vor dem dinghause dort,    bis die Degen miteinander
alle da innen    einig würden,
welche Todesqual    ihm zuteil werden solle.
Da erhob sich von der Bank    der Bote des Kaisers
von Romaburg und ging    mit den Reihen der Juden
herrisch zu reden,    wo die Recken harrten
in Haufen auf dem Hof:    nicht wollten sie in das Haus kommen
an dem Paschatage.    Pilatus begann
streng zu fragen    das Volk der Juden,
was dieser denn getan,    um den Tod zu verdienen,
zu verwirken sein Leben:    "Warum seid ihr in Wut auf ihn,
voll Haß in eurem Herzen?"    Sie sagten, daß Unerhörtes er so viel;
Böses gesprochen:    "Nicht brächte man ihn her
hätte zuvor nicht festgestellt    das Volk seine Schuld,
die er mit worten gewirkt.    Er hat eine gewaltige Menge
verleitet mit seiner Lehre.    Er hat die Leute verwirrt,
verhetzt ihr Herz:    wir hätten an den hof des Kaisers
keinen Zins zu zahlen.    Dessen können wir bezichtigen ihn
wahr und gewißlich.    Er spricht auch der Worte viele,
verkündet, daß er Krist sei,    König dieses Reiches.
So grob vergeht er sich."    Darauf entgegnete ihnen
der Gesandte des Kaisers:    "Wenn er so sichtlich hier
in dieser Menge    Meintaten begeht,
dann mögen diese Leute ihn übernehmen,    hat er sein Leben verwirkt,
und ihn zum Tode verurteilen,    hat er's durch seine Taten verdient
wie es anordnet    euer altes Gesetz."
Da erklärten sie,    sie könnten an an keinem Manne
in den heiligen Zeiten    zum Handtöter werden,
mit Waffen an den Weihetagen,    so wäre es ihr Brauch.
Da wandte sich ab von der Menge    voll ärgers der Mann,
des Kaisers Degen,    der gekommen zu dem Volk
als Gesandter von Romaburg,    und hieß den Sohn Gottes,
daß er genau ihn vernehme,    näher treten.
Er forschte und fragte,    ob er dieses Volkes König
in Wahrheit wäre.    Da hatte sein Wort bereit
der Sohn Gottes:    "Stellst du von dir selbst diese Frage,
oder haben andere Männer    es dir mitgeteilt,
von meinem Königtum geredet?"    Da sprach des Kaisers Bote
unwillig und voll ärgers,    da er mit dem ewigen Krist
in dem Gerichtssaal redete:    "Nicht bin ich in diese Reiche daheim,
bei den Leuten der Juden,    kein Landsmann von dir,
kein Mage dieser Männer.    Sondern diese Menge übergab dich;
es lieferten dich deine Landsmänner,    die Leute der Juden
als Verhafteten in meine Hand.    Was hast du ihnen zum Harm getan,
mit Qualen in diesem volk?"    Da gab ihm Krist zur Antwort,
der Heilande bester,    der in harten Banden
im Richtsaal stand.    "Mein Reich ist nicht von hier", sprach er,
"von dieser Welt und Zeit.    Denn wäre es so,
so wären so starkmütig    wider die streitbaren Feinde,
wieder die bösgesinnten Juden   die Jünger mein,
daß man mich nicht gäbe    den grimmen Feinden,
den Hassern in die Hand,    in harten Banden,
zu Weh und Qualen.    Dazu kam ich in diese Welt,
daß in Gewißheit    ich euch wahre Lehre
durch mein Kommen künde,    daß es mögen erkennen wohl,
die aus der Wahrheit erwachsen sind;    die können mein Wort verstehen,
meiner Lehre glauben."    Nichts Lästerliches konnte
an dem Kinde Gottes    des Kaisers Gesandter,
kein Frevelwort finden,    so daß überführt er wäre
und schuldig des Todes.    Da ging er zu der Schar der Juden,
herrisch zu reden,    und den Recken sprach er,
zu den lauschenden Leuten,    daß er solche Lästerworte
an dem gefesselten Manne    nicht zu finden vermöge,
daß des Lebens verlustig    vor diesen Leuten hier,
des Todes er schuldig sei.    Da stand die betörte Schar,
die grimmen Juden,    und den Gottessohn
klagten an die Argen,    er habe Aufruhr zuerst
in Galiläa begonnen.    "Und in die Gaue der Juden
fuhr er von dort.    Und das Volk verdarb er,
der Männer Gemüt.    Gleich einem Mörder ist er schuldig,
daß man ihn hinrichte    mit harter Waffe,
wenn für solche Taten    einer je den Tod verdiente."

63. Jesus vor Herodes und wieder vor Pilatus

So verleumdeten ihn mit ihren Reden    die Leute der Juden,
Haß im Herzen.    Der Herzog aber,
der hartgesinnte,    hörte sie da sagen,
aus welchem Hause    der Heiland stamme,
der beste der Männer.    Er war aus dem mächtigen Volk,
der gute, von Galiläa;    in den Gauen dort wohnten
viele edle Helden.    Herodes übte
dort kräftig das Königtum,    wie es ihm der Kaiser verlieh,
der reiche, von Rom,    damit er das Recht hinfort
fördere im Volke    und den Frieden wahrte,
Urteil aussprach.    Er war auch mit seinen Mannen
in Jerusalem    an jenem Tage,
zum Fest mit seinem Gefolge.    So forderte es ihr Brauch,
daß sie da das heilige Fest    zu feiern hatten,
das Pascha der Juden.    Pilatus gebot da,
daß den verhafteten Mann    die Helden nähmen,
gebunden, wie er war,    des Gebieters Sohn,
und hieß zu Herodes    die Helden ihn bringen,
den Verhafteten ihm zu Handeln,    weil er aus dieser Herrschaft war,
aus diesem Königtums Gebiet.    Die Krieger befolgten
ihres Herren Geheiß.    Den heiligen Krist
führten sie in Fesseln    vor den Volksherrscher,
aller Geborenen besten,    der erblickt hat jemals
das licht der Leute.    Sie geleiteten ihn in Banden,
bis sie ihn brachten,    wo auf seiner bank er saß,
König Herodes,    im Kreise der Helden,
der kühnen Krieger.    Nicht klein war ihr Wunsch,
daß sie Krist selber    sehen könnten.
Sie wähnten, daß er ein Zeichen    ihnen zeigen würde,
wie er es so manches Mal,    der Mächtige Hehre,
durch seine göttliche Kraft    in den Gauen getan.
Da fragte ihn der Volkskönig,    erfüllt von Wißbegier,
mit vielen Worten.    Er wollte seinen Sinn
alsbald erkennen,    was er gebieten könne
zum Vorteil für das Volk.    Da stand das Friedenskind Gottes,
stumm und duldend.    Nicht wollte er dem starken Herrscher,
nicht dem Fürsten noch seinem Gefolge    auf die Fragen antworten,
mit keinem Worte.    Da standen die Juden,
die grimmen Gesellen.    Und den Gottessohn
beschuldigten und schmähten sie,    bis schwer auf ihn erzürnt war
der Herrscher in seinem Herzen    und all sein Heervolk auch.
Sie mißachteten ihn vermessen,    erkannten nicht die Macht Gottes,
des himmlischen Herrn;    ihr Herz war umnachtet,
von Bosheit verblendet.    Der Geborene Gottes
ertrug geduldig    in demütigen Sinn
ihre verwerflichen Werke,    Worte und Taten,
was sie übles immer ihm    antun mochten.
Ein weiß Gewand    ward ihm da zum Hohne
um den Leib gelegt,    damit er den Leuten diente,
den jungen, zur Ergötzung.    Die Juden freuten sich,
als sie zum Hohn und Spott    ihn hingegeben sahen,
den übermütigen Gesellen.    Da sandte in wieder
Herodes, der Herrscher,    hin zu den andern
mit einer starken Schar.    Schimpfworte riefen sie,
überschütteten ihn mit Schmähungen,    als er schritt in Fesseln,
mit Schande und Hohn.    Nicht schwankte sein Herz;
sondern demütiges    Sinnes erduldete er solches,
begehrte nicht zu vergelten    ihre grimmen Worte,
Haß und Hohnreden.    Da brachten sie ihn in das Haus hinein,
zur Pfalz hinauf,    wo Pilatus war
an der Dingstätte.    Die Degen übergaben
der Männer besten    in der Mörder Hände,
den sündlosen,    wie er es selbst gewollt.
Er wollte erlösen die Menschen    von der Macht des Todes,
die Not ihnen nehmen.    Die Neiderfüllten standen
vor dem Gastsaal, die Juden.    Es hatte sie der Geister Schar,
die höllische, verhetzt.    Drum schreckte ihr Herz nicht zurück
von tückischen Taten.    Da trat nun hinaus
des Kaisers Mann,    mit der Menge zu sprechen,
der harte Herzog:    "Ihr habt mir diesen verhafteten Mann
in diesen Saal gesendet    und selbst überliefert
weil er aus eurem Volk    so viele verführt habe,
verleitet durch seine Lehre.    Mit meinen Leuten kann ich
nicht finden, mit diesem volk,    daß er verfallen dem Tode,
daß er schuldig vor dieser Schar.    Das entschied sich heute:
Herodes konnte,    der euer Herkommen kennt,
dieser Leute Landrecht,    er konnte ihm das Leben nicht absprechen,
daß er zur Strafe für seine Frevel    heute sterben müsse,
das Leben lassen.    Nun will ich ihn vor diesen Leuten hier
mit Strafe bedrohen,    mit strengen Worten
seine Gesinnung bessern.    Doch nach solchem mag er
leben in seinem Land."    Die Leute der Juden
begannen mit starker Stimme    stürmisch zu rufen,
verlangten laut,    das Leben zu nehmen
qualvoll dem Krist    und ihn ans Kreuz zu schlagen,
ihn hart zu peinigen.    "Für solche Prahlreden hat er
klärlich den Tod verdient.    Er sagt, daß er König sei,
der wahre Gottessohn.    Das muß er entgelten fürwahr
die sündhafte Rede.    Das ist in unserem Gesetz geschrieben,
daß man solche Lästerung    mit dem Leben bezahle."

64. Die zweite Verhandlung vor Pilatus

Da erfaßte ihn Furcht,    der dem Volke gebot,
mächtig in seinem Gemüt,    als die Männer erklärten,
sie hätten selber    ihn sagen hören,
vor den Gaueinwohnern verkünden,    er sei Gottes Kind.
Dann begab sich der Herzog    in das Haus hinein,
zu der Dingstätte.    Mit derben Worten
sprach er an den Gottessohn    und fragte, welcher Art er sei.
"Was für ein Mensch bist du",    sprach er, "da du mir so deine Meinung verhehlst,
verschließt deine Gesinnung?    Weißt du, daß in meiner Entscheidung liegt
deines Lebens Los?    Mir hat es überlassen diese Schar,
dieses Volk der Juden,    daß ich darüber befinden soll,
ob an Speeres Spitze    ich dich spießen lasse
oder auf Kreuzestod erkenne    oder dich entkommen lasse,
was von diesen Dingen    mich dünkt das beste
zu befehlen mit meinem Gefolge."    Da sprach das Friedekind Gottes:
"Weißt du es fürwahr,    daß Gewalt über mich
deine Hand nicht hätte,    hätte nicht der heilige Gott
sie dir selbst verliehen?    Auch haben die gesündigt mehr,
die aus Feindschaft    mich führten in Fesseln hierher,
gebunden mich brachten."    Der barsche Herzog
wollte gern da freilassen    das Friedekind Gottes,
der Gefolgsmann des Kaisers;    denn er hatte dazu in diesem Volke das Recht.
Doch es wehrte seinem Willen    durch Widerspruch von neuem
das Volk der Feinde:    "Nicht bist du ein Freund des Kaisers,
deinem Herold hold,    wenn du ihn von hinnen läßt
unverletzt gelangen.    Zum Leidwesen wird dir
das werden fürwahr    wenn einer solche Worte spricht,
so hoch sich überhebt,    sagt, daß er haben müsse
den Königsnamen,    ohne daß ihm den der Kaiser verliehen.
Er bringt Unruhe in das Weltreich    und verachtet das Kaiserwort,
haßt ihn in seinem Herzen,    drum mußt du solch heilloses Tun,
solch Verbrechen bestrafen,    wenn du zu deinem Gebieter stehst;
aus Liebe zu deinem Herrn    mußt du ihm das Leben nehmen."
Als der Herzog da hörte    den Haufen der Juden,
mit seinem Herrscher drohen,    da ging er zu der Dingstätte hin,
selber zu sitzen,    wo versammelt war
eine Menge Menschen.    Er ließ den mächtigen Krist
leiten vor die Leute.    Da verlangten die Juden,
den heiligen Sohn    hangen zu sehen,
enden am Kreuz. Sie sagten,    keinen anderen König
hätten sie im Heimatland    als den hehren Kaiser
von Romaburg.    "Zu diesem Reich gehören wir.
Drum darfst du ihn nicht freilassen.    Er hat so freventlich gesprochen;
verdient hat er es für die Taten:    er muß den Tod erdulden,
Marter und Strafe."    Die Menge der Juden
brachte vieles vor    wider das Friedekind Gottes,
verschiedene Beschuldigungen.    Schweigend stand er,
der Waltende, in Demut,    erwiderte nichts
auf ihre grimmigen Worte:    er wollte die ganze Welt
mit seinem Leben erlösen.    Drum durfte das leidige Volk,
wie ihr Wunsch es war,    ihn willig martern.
Nicht wollte er öffentlich    es allen verkünden,
den grimmen Gesellen,   daß er selber Gott war:
hätten fürwahr sie gewußt,    daß er solche Gewalt hatte
über Mittelgart hier,    dann wäre ihnen ihr Mut gesunken,
der böse, in der Brust;    dann hätten vollbracht sie es nicht,
Hand an ihn zu legen;    dann wäre daß Himmelreich
nicht verliehen, das lichte,    der Leute Kindern.
Drum mied er es in seinem Gemüt:    er ließ die Menschen nicht
schauen, was sie schufen.    Das Schicksal nahte da,
die mächtige Gottesmacht;    und der Mittag kam,
wo des Lebens Verlust    er erleiden sollte.
Da lag dort auch in Banden    in der Burg im Innerm
ein berüchtigter Räuber:    er hatte im Reich soviel
Taten des Mordes    und Totschlag verübt.
Er war ein arger Erzdieb;    nicht kam ein anderer ihm gleich.
Um seine Sünden    saß er gefangen.
Barrabas war er geheißen.    Er war über die Burgen hin
wegen seiner Meintaten    männiglich bekannt.
Das war Landesbrauch,    daß aus Liebe zu gott
in jedem Jahre    die Judenleute
an dem heiligen Tage    für einen verhafteten Täter
um Gnade baten,    daß ihr Burgwart ihm gäbe,
der Leiter ihres Landes,    das Leben geschenkt.
Da erhob der Herzog    vor dem Haufen der Juden
die Frage vor dem Volk,    das da vor ihm stand,
für welchen von beiden    sie bitten wollten,
Freilassung vorzuschlagen,    "die hier in Fesseln sind,
in Haft unter diesem Volke."    Die Häuptlinge der Juden
hatten da eingeredet allen    den armen Leuten,
daß sie Landschädigers    Leben erbäten,
des verderblichen Diebes,    der oft in dunkler Nacht
Verbrechen vollbracht,    und den Geborenen Gottes
am Kreuze umbrächten.    Da ward es kund überall,
wie die Degen dort    auf der Dingstätte
den Volksspruch gefällt:    da sollten sie den Frevel begehen,
zu hängen den Heiligen.    Das ward dem Herzoge
später sehr zur Sorge,    da er die Sache durchschaute,
daß neidvolles Herz    den Heiland Krist
das Heervolk haßte    und daß er gehört darauf,
ihnen den Willen gewährt:    dafür ward ihm Strafe,
sein Lohn in diesem Lichte;    und lange nachher
gewann er Weh,    als er diese Welt verließ.

65. Die Verurteilung

Der Schädiger schlimmster    war schnell gewahr,
Satan selber,    als die Seele des Judas
hinkam auf den Grund    der grausen Hölle,
da wußte er wohl,    daß es der waltende Krist,
der geborene Gottes war,    der da gebunden stand.
Da wußte er es wohl,    daß diese Welt er ganz,
hangend am Kreuz,    vom Höllenzwange
erlösen wollte    zum Licht Gottes.
Dem Satan war solches    sehr zum Verdruß,
zum Harm im Herzen.    Er wollte helfen dazu,
daß ihm der Leute Kinder    das Leben nicht nähmen,
ihn am Holzkreuz nicht hinrichteten,    sondern daß er behielt sein Leben,
damit die Heldensöhne    vor der Hölle nicht würden
gesichert, vor Sünden.    Satan begab sich da
dorthin, wo des Herzogs    Heimstätte war,
zur Wohnung der Burg.    Seinem Weibe begann er,
der ungeheure Feind,    der Frau vor Augen
ein Wunder zu weisen,    damit sie durch ihr Wort brächte
Hilfe dem Heiland,    damit er behielte sein Leben,
der Sterblichen König,    dem schon bestimmt war der Tod.
Er wußte wohl,    daß der seine Gewalt bedrohte,
so daß er in Mittelgart    hier seine Macht nicht behielte,
in der weiten Welt.    Das Weib geriet in Furcht,
sehr in Sorgen,    als ihr die Geschichte erschienen
durch des Teufels Tat    am Tageslicht,
den Hehlhelm verhüllte.    Ihrem Herren sandte sie Botschaft,
das Weib, mit ihren Worten,    daß fürwahr man ihm
selber sage,    was für ein Gesicht ihr erschienen
durch den heiligen Mann,    und bat zu helfen ihm,
zu schützen sein Leben:    "Ich habe geschaut durch ihn
viele wunderbare Gesichte.    Ich weiß, daß die Sünde
den Erdensöhnen    allen übel gedeihen wird,
die frechen Sinnes    fordern sein Leben."
Der Bote machte sich auf,    bis seinen Gebieter er antraf,
seinen Herzog,    in des Haufens Mitte,
an dem Steinwege,    wo die Straße war
aus Felsplatten gefügt.    Er ging vor seinen Herrn,
sagte ihm des Weibes Wort.    Da ward bewegt der Sinn,
das Herz dem Herzog;    er hegte im Innern
Bangen in der Brust.    Ihm war beides leid,
daß sie schlügen ans Kreuz    den Schuldlosen
und daß vor dem volk    er ihn dort nicht freilassen durfte
gegen ihr Begehren.    Da ward größer seine Neigung
zu folgen ihrer Forderung,    des Volkes Verlangen,
ihren Willen zu wirken.    Nichts warnte ihn da
vor der schweren Sünde,    die er selbst beging.
Da gebot er,    ihm zu reichen aus einem reinen Brunnen
Wasser in einem Gefäß,    wo er vor dem Volke saß.
Dann wusch er sich vor der Menge,    der Mannen des Kaisers,
der harte Herzog.    Und zu den Harrenden sprach er,
daß er sich aller Sünden    unschuldig erkläre,
aller übeltat:    "Nicht will ich einstehen dafür", sprach er,
"sondern ihr verantwortet alles    wider diesen unschuldigen Heiligen
an Worten und Werken,    was ihr ihm Wehes zufügt."
Da rief aus einem Munde    die Masse der Juden,
die mächtige Menge,    sie wolle bei diesem Mann dafür einstehen,
was man Böses ihm brächte:    "Sein Blut komme über uns,
Kreuzestod und Mordklage,    und über unsere Kinder dergleichen,
unsere Abkömmlinge alle!    Wir stehen ein für jegliches,
wir selbst für seinen Tod,    wenn wir damit etwas Sündhaftes tun."
Ausgeliefert ward da    der Menge aller Männer bester
inn die Hand der Hasser,    mit harten Banden
fest gefesselt;    so empfingen ihn
die frevelgierigen Feinde.    Das Volk umdrängte ihn,
der Meintäter Menge.    Der mächtige König
ertrug geduldig,    was ihm tat das Volk.
Sie hießen ihn da geißeln,    bevor die grimme Horde
das Alter ihm endete.    Unter die Augen spien sie ihm,
behandelten ihn schmachvoll    und schlugen ihn mit den Händen,
die Wütenden, auf die Wangen    und nahmen sein Gewand ihm fort.
Die Ruchlosen    beraubten ihn des roten Mantels,
taten noch anderes ihm an,    unholder Gesinnung:
sie hießen Hauptreif    aus harten Dornen,
einen schmerzhaften winden;    und auf des Waltenden Scheitel
setzten sie ihn selber.    Dann trafen die Gesellen vor ihn
und begrüßten ihn als König.    Auf die Knie fielen sie
und neigten das Haupt vor ihm;    zum Hohn geschah das alles.
Doch alles erduldete    der Erdenkinder König,
der mächtige, aus Minne    zum Menschengeschlecht.
Dann hießen sie schlagen    mit der Hiebwaffe Schneide,
die Helden mit ihrer Hand,    einen harten Stamm,
ein kräftiges Kreuz.    Und dem Krist befahlen sie,
dem seligen Gotteskind,    es selbst zu tragen,
unserm Gebieter, es zu bringen,    wo er verbluten sollte,
sündlos sterben.    Die Gesellen strömten
frohgemut weiter.    Sie führten den waltenden,
den teuren zum Tode.    Da konnte man traurige Dinge
harmvolle, hören:    dahinter gingen jammernd
Weiber mit Wehklagen.    Es weinten die Männer,
die aus Galiläa    mit ihm gegangen waren,
fernhin gefahren.    Sie waren um ihres Gefolgsherrn Tod
sehr in Sorgen.    Da nahm er selber das Wort,
der Geborenen bester,    und blickte um sich,
hieß sie nicht klagen.    "Euch darf bekümmern nicht",
"mein Hinscheiden.    Aber mit herbem Wehruf
könnt ihr eure eigenen    Untaten beklagen,
mit zagenden Zähren.    Einst wird die Zeit kommen,
daß die Frauen der Juden    sich freuen werden,
die Weiber im Lande,    denen im Leben nie ward
geboren ein Kind.    Dann sollt eure Bosheit ihr
grimm entgelten.    Begehren werdet ihr dann,
daß hohe Berge    hier euch begraben,
euch tief verschütten.    Der Tod wäre euch allen
dann lieber in diesem Lande,    als länger solche Pein,
solche Qual zu erleiden,    wie sie über die Leute dann kommt."

66. Die Kreuzigung

Nun richteten sie auf dem Grieß    einen Galgen dort auf,
auf dem Felde oben,    das Volk der Juden,
einen Baum auf dem Berge;    und den Geborenen Gottes
quälten sie an dem Kreuz.    Sie schlugen kaltes Eisen,
neue Nägel,    genau gespitzt,
hart mit Hämmern    ihm durch die Hände und Füße,
bittere Bande.    Sein Blut rann zur Erde,
troff von unserem Herrn.    Doch wollte er die Tat nicht strafen,
die grimme, an den Juden;    sondern Gottvater
den mächtigen bat er,    daß er dieser Männer Schar
um ihr Werk nicht zürne:    "denn sie wissen nicht, was sie tun."
Dann wollte verteilen    das tapfere Wehrvolk,
die Kriegsknechte,    Krists Gewande,
des Mächtigen Kleidung.    Doch konnten die Männer
untereinander    nicht einig werden,
bis sie zuletzt in ihrem Kreise    das Los warfen,
wer haben sollte    den heiligen Rock,
aller Gewänder wonnigstes.    Der Gewalthaber der Schar
hieß da, der Herzog,    über dem Haupt schreiben
Krists auf das Kreuz,    er sei der König der Juden,
Jesus von Nazarethburg,    der da genagelt hing
an dem neuen Galgen    um ihres Neides willen,
an dem hölzernen Baum.    Da baten die Leute,
die Aufschrift zu ändern,    da sie so seinen Anspruch bejahte,
selber sagte,    daß er besäße Gewalt,
König sei über die Juden.    Da sprach des Kaisers Gesandter,
der harte Herzog:    "Wie es über seinem Haupt geschrieben steht,
ist es weislich ausgedrückt,    so daß ich es nicht ändern will."
Dann schlug zur Strafe    die Schar der Juden
zwei verurteilte Verbrecher    zu beiden Seiten
Krists an das Kreuz,    ließ sie Qualen erdulden
an dem Wolfsbaume,    ihrem Wirken zum Lohne,
ihrer leidigen Taten.    Die Leute riefen
viel Hohnworte    zu dem heiligen Krist,
entboten ihm Spott,    da sie den besten aller Männer
in Qualen am Kreuz sahen:    "Bist du König über alles,
wie du selber gesagt,    der Sohn Gottes,
so nimm von dir die Not!    Mach zunichte deine Strafe!
Steig herab!    Dann werden an dich die Heldensöhne
diese Leute glauben."    Ihn lästerte auch
ein keckmütiger Jude,    der vor dem Kreuze stand:
"Weh geschähe der Welt,    hättest du Gewalt über sie!
Du sagtest, du wolltest an einem Tage    alles zertrümmern,
das hohe Haus    des Himmelskönigs,
der Steinbauten größten,    und ihn wieder erstehen lassen
am dritten Tage,    wie es sonst kein Degen vermöchte
fürderhin im Volk.    Wo du nun festgenagelt stehst,
versehrt und in Not,    da kannst du selber nicht
bessern dein Los."    Da sprach in seinen Banden auch