Kantsche Ethik PDF Drucken E-Mail
Thomas Fornet Ponse

Exposé:

Kant setzt das Programm der "Kritik der reinen Vernunft" auch hinsichtlich der Ethik fort. So lasse sich eine Allgemeinverbindlichkeit moralischer Normen nur dadurch erweisen, dass geklärt wird, ob es Allgemeinverbindliches gibt und von wo sich dieser Anspruch begründen lässt. Bejaht man dies, muss man sowohl den ethischen Skeptizismus als auch den ethischen Empirismus kritisieren. Kant bemüht sich in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten um eine apriorische Begründung der Ethik.


Ähnlich wie die Objektivität der Erkenntnis liegt auch die Objektivität moralischer Forderungen im Subjekt begründet, daher muss eine philosophisch gesicherte Moral vom autonomen Subjekt her erstellt werden. Dabei ergeben sich zwei grundlegende Fragen, ob es Freiheit wirklich gibt und wie sich das unbedingte Gesetz darstellt, "auf das Freiheit sich selbst verpflichtet" (Müller, 134). An einem Beispiel ("Galgen-Beispiel") erläutert Kant, dass es eine Erfahrung unbedingten Sollens gibt, an dem Freiheit erfahrbar wird. Der Mensch "urteilet also, dass er etwas kann, darum, weil er sich bewusst ist, dass er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre" (KpV, Anmerkung zu §6). Dieses unbedingte Sollen ist allein vernunftbestimmt, daher gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Freiheit und Vernunft.

Kant sieht den Menschen als Bürger zweier Welten an, nämlich einerseits gehört er als empirisches Wesen (homo phaenomenon) der Sinneswelt an, andererseits als intelligibles Wesen (homo noumenon) der Vernunftwelt an. Er unterliegt einerseits den Naturgesetzen (Heteronomie), andererseits den bloss in der Vernunft begründeten Gesetzen.

Das einzig an sich Gute in der Welt ist allein der gute Wille, da alles andere durch einen schlechten Willen schädlich werden kann. Dabei "ist das, was ohne Einschränkung gut ist, in keiner Weise relativ, sondern schlechthin oder absolut gut" (Höffe, 176). Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Wollen und Begehren, da ersteres der auf Motiven beruhenden Antrieb zum Hervorbringen gemäss Begriffen ist, wohingegen letzteres ein Antrieb zum Hervorbringen mittels Vorstellungen ist. Da man dank der Vernunft unabhängig von sinnlicher Erfahrung erkennen und schlussfolgern kann, ist "der Wille nichts anderes als praktische Vernunft". Rein ist aber nur ein autonomer Wille, der sich "ohne alle empirische Bewegungsgründe völlig aus Prinzipien a priori bestimmt." Zur näheren Bestimmung des guten Willens gebraucht Kant den Begriff der Pflicht: "Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz." Der gute Wille liegt erst bei der Handeln aus Pflicht, nicht schon bei Pflichtgemässheit vor.

Ob eine Handlung aus Pflicht oder Neigung stammt, entscheidet über ihren moralischen Wert. Kant vertritt hier einen motivationalen Rigorismus im Interesse an Freiheit. Ob sein Freiheitsgedanke dabei kein Handeln aus Pflicht zulässt, das nicht ohne Neigung ist, ist umstritten. Wirkliche Pflichterfüllung liegt nur dann vor, wenn man nur wegen der Anerkennung der Pflicht handelt, und nicht aus Mitgefühl o.ä. Er gibt einige Beispiele an, bei denen die Personen zwar pflichtgemäss handeln, aber jeder noch ein gewisses Eigeninteresse hat, insofern nur aus mittelbarer Neigung handelt. Wie der Kaufmann, der keine überteuerten Waren verkauft, dies möglicherweise nur tut, damit der Kunde wiederkommt, vielleicht aber auch nur "aus Pflicht und Gründen der Ehrlichkeit". Oder jemand, der wo möglich wohltätig ist, kann auch aus Pflicht handeln, aber auch aus Eitelkeit oder Eigennutz, wenn er nämlich aus "innerem Vergnügen" wohltätig ist. Dann hätte sein Handeln "keinen wahren sittlichen Wert". Damit gibt es also entweder Handlungen aus Pflicht oder Handlungen aus Neigung, bzw. Handlungen aus Vernunft und Handlungen oder Vernunft. Dabei ist Neigung ein Zeichen heteronomer Willensbestimmung, die Achtung vor dem Sittengesetz gilt als einziges "moralisches Gefühl", da es durch das Sittengesetz hervorgerufen wird, dagegen ist alles andere Gefühl sinnlich und zeigt damit eine heteronome Willensbestimmung. Ob ein Handeln aus Pflicht überhaupt erkennbar ist, bezweifelt Kant, da es "schlechterdings unmöglich [ist], durch Erfahrung einen einzigen Fall mit völliger Gewissheit auszumachen", da niemals ausgeschlossen werden könne, "dass wirklich gar kein geheimer Antrieb der Selbstliebe unter der blossen Vorspiegelung jener Idee die eigentliche bestimmende Ursache des Willens gewesen sei". Ebenfalls skeptisch sieht er die Wahrscheinlichkeit eines Handelns aus Pflicht, denn "Man braucht [...] nur ein kaltblütiger Beobachter zu sein, [...], um [...] in gewissen Augenblicken zweifelhaft zu werden, ob auch wirklich in der Welt irgend wahre Tugend angetroffen werde."

Kant führt nun den kategorischen Imperativ als "ein Kriterium für objektives Gutsein des guten Willens" (Müller, 136), "ein höchstes Beurteilungskriterium für die Moralität und, bei entsprechender Umformulierung, für die gesamte Sittlichkeit" (Höffe, 181) ein. In seiner Grundform lautet er: "handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Eine Maxime ist ein subjektiv geltender Grundsatz des Handelns, der mehrere praktische Regeln unter sich hat, aber eine persönliche "Willensmeinung des Individuums" ist. Dagegen sind objektiv gültige praktische Grundsätze "für den Willen jedes vernünftigen Wesens" Gesetze. Wenn echte Freiheit nur in der Selbstgesetzgebung des Willens aus reiner Vernunft besteht, kann das Prinzip von Freiheit und Moral nur ein Sittengesetz sein. In der Kritik der praktischen Vernunft ist das Sittengesetz ein unableitbares "Faktum der reinen Vernunft." Das als Imperativ formulierte Sittengesetz formuliert

In der nächsten Frage untersucht Thomas das Gut- und Schlechtsein der keinen wirklichen, interindividuellen Befehl, sondern ist ein intraindividueller. Ebenso ist das Sollen nicht absolut oder vorgegeben, sondern kann ebenfalls aus einer intraindividuellen Willenskonstellation abgeleitet werden, da der Mensch keinen heiligen Willen wie Gott hat. Er weiss sich durch sinnliche Triebfedern bedingt und daher erscheint ihm sein eigentliches, höheres Wollen als Sollen. Es gibt aber neben den kategorischen auch noch hypothetische Imperative. Wie die kategorischen das Wollen des homo noumenon regulieren, also Vernunftvorschriften bei rein-formaler Willensbestimmung sind, regulieren die hypothetischen das Begehren des homo phaenomenon, sind also Vernunftvorschriften bei sinnlich-materialer Willensbestimmung. Die kategorischen sind apodiktisch und unbedingt, die hypothetischen kann man unterteilen in pragmatische Imperative und technische Imperative. Der kategorische Imperativ kann als Kompass für die inhaltlich-konkrete Pflichtbestimmung angesehen werden. Das Sittengesetz gebietet eine Überprüfung der Maximen auf ihre moralische Tauglichkeit, um zu erkennen, was pflichtgemäss und was pflichtwidrig ist. Wenn die Maximen widerspruchsfrei verallgemeinert werden können, sind sie moralisch qualifiziert. Dazu schreibt Kant: "Es wäre hier leicht zu zeigen, wie sie [die Menschenvernunft] mit diesem Kompasse in der Hand in allen vorkommenden Fällen sehr gut Bescheid wisse zu unterscheiden, was gut, was böse, pflichtmässig oder pflichtwidrig sei". Der kategorische Imperativ muss rein formal sein, sein Inhalt kann nur die formale, an strenger Allgemeinheit und Notwendigkeit orientierte Willensbestimmung sein. "Man muss wollen können, dass eine Maxime unserer Handlung ein allgemeines Gesetz werde: dies ist der Kanon der moralischen Beurteilung derselben überhaupt." In der Kritik der praktischen Vernunft nennt Kant die logische Urform des kategorischen Imperativs: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als ein Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne". In der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten beschreibt Kant drei Formeln des kategorischen Imperativs, die auf die drei Kategorien der Quantität gründen. Diese Formeln sind die Naturgesetz-Formel: "handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte", die Menschheits-Zweck-Formel: "Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest" und die Autonomie-Formel: "Demnach muss ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre". Der kategorische Imperativ drückt eine streng universelle Allgemeinheit aus, die nicht mit der bloss generellen allgemein klassischer Klugheitsregeln zu verwechseln ist. Ebenfalls ist der kategorische Imperativ nicht mit der goldenen Regel einzuschränken. Ein kategorischer Imperativ ist möglich,

wenn die Vernunft autonom ist. Sie ist dies, wenn es so etwas wie Freiheit gibt, was sich aber nicht beweisen lässt, obwohl das Bewusstsein des Sittengesetzes ein Indiz für sie ist, und es sie geben muss, "wenn Moral und Moralität keine Illusion sein sollen" (Müller, 137). Dabei ist Autonomie "die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst (unabhängig von aller Beschaffenheit der Gegenstände des Wollens) ein Gesetz ist."

Die Verallgemeinerungsfähigkeit von Maximen bedeutet keine Verallgemeinerungsfähigkeiten der Handlungen. Auch richtet sich der kategorische Imperativ nicht auf die tatsächlichen Folgen einer Handlung. Die Beispiele Kants zur Verallgemeinerung sind Selbstmord, Veruntreuung eines Depositums und Lüge, die durch keine Maxime moralisch legitimiert werden können.

1. Textgrundlage: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Hamburg 1965.
2. Literatur:
- W. Oelmüller u.a.: Philosophische Arbeitsbücher 2. Diskurs: Sittliche Lebensformen. Paderborn 1995, S. 63-71.
- W. Schulz, Grundprobleme der Ethik, Stuttgart 21993, S. 128-136
- K. Müller, Philosophische Grundfragen der Theologie, Münster 2000, S. 133-139
- K. Vorländer, Zum Inhalt der Schrift, s.o., S. XV-XXIV
- P. Baumanns, Kants Ethik. Die Grundlehre, Würzburg 2000
- F. Kaulbach, Immanuel Kants 'Grundlegung zur Metaphysik der Sitten', Darmstadt 1988 - O. Höffe, Immanuel Kant, München 2000, S. 173-207.