Kunst und Wahrheit PDF Drucken E-Mail
Patrick Zäuner
(1.11.2002)

Alles existierende kann man der Natur oder Kultur zuordnen. Dabei meinen wir mit Natur dasjenige, was vom Menschen unberührt ist und mit Kultur die Dinge, die der Mensch entweder geschaffen oder verändert hat. Kulturelle Leistungen unterscheiden wir weiter in Technik und Kunst, indem wir alles der Wissenschaft Entspringende, was wir als Werkzeug zum Erreichen unserer Ziele schaffen, der Technik zuordnen und alles Nichtfunktionale Kunst nennen. In der Kunst wird zudem auch von "Kitsch" gesprochen. Das Verhältnis dieser drei Ausdrucksformen menschlichen Schaffens ist Thema dieses Textes.

Das Schaffen von Technik, Kunst und somit auch von Kitsch, ist im Wesen des Menschen grundgelegt, so dass eine diesbezügliche Untersuchung immer von einem spezifischen Menschenbild ausgehen muss. Hierbei scheint mir  das "über-sich-selbst-Hinausstreben" ein wichtiger Ansatzpunkt - ganz im Gegensatz zum rein biologistischen Verständnis, das den Menschen vollständig eingebettet in die Natur, allein durch Evolution hervorgebracht, sieht. Wäre der Mensch, wie Pflanzen oder Tiere, völlig auf die Natur beschränkt, würde eine Entgegenstellung von Mensch und Natur, wie wir sie allerorts vornehmen, ins Leere greifen. Forderungen nach Rücksicht auf die Natur als Lebensgrundlage, Appelle an die Verantwortlichkeit menschlichen Handelns und ähnliches sind nur denkbar, wenn der Mensch über die Natur herausgehoben ist, wenn er ihr gegenüber handeln kann.

Rein äusserlich kann man am Verhalten des Menschen feststellen, dass er seit Urzeiten seine Umwelt aktiv gestaltet. Er ist weitaus flexibler in Bezug auf ökologische Nieschen als beispielsweise genetisch nah verwandte Tiere. Indem er durch Werkzeuge und planvolles Handeln versteht, die Natur in unvergleichbarer Weise zu bändigen und nutzbar zu machen, emanzipiert er sich von ihr. So erschafft er sich durch die Technik aus der Natur, die ihn zwar hervorgebracht hat, ihn aber auch bedroht, eine seinen Ansprüchen angepasste Kultur.

Dieses „sich aus dem Mutterschoss der Natur lösen“ durchzieht das gesamte Menschsein und beschränkt sich bei weitem nicht auf das Anwenden von Techniken zur Verbesserung der Lebensqualität. Vielmehr drückt es sich im Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit aus, sowie in der Entfaltung der Persönlichkeit, welche immer das Ziel hat, über sich hinaus zu wachsen.

Bei jedem Akt des Erlernens neuer Fähigkeiten erfährt man, dass man über etwas verfügt, was einem zuvor unzugänglich war. Der Schluss, dass es noch weiteres zu lernen gibt und man somit auch weiterhin wachsen und reifen kann, liegt nahe. Je mehr man aber lernt, um so mehr wird man sich auch der Komplexität von Strukturen bewusst, die kein Ende zu haben scheinen, die mit jeder Erfahnrung neue Fragen aufwerfen und immer größere Bereiche erschliessen. Ich nenne die schon gewonnenen Erfahrungen hier eine „subjektive Wahrheit“ und dasjenige, was man sich noch nicht erschlossen hat, zusammen mit ihr die „objektive Wahrheit“. Es ist leicht einzusehen, dass wir von der objektiven Wahrheit immer nur einen kleinen Ausschnitt sehen, nämlich das Subjektive und dass unser Streben dem immer weiteren Erschliessen der vollständigen, also der objektiven Wahrheit gilt.Um diesem Streben nachzukommen, nutzen wir die Fähigkeit zur Vernunft. Sie ordnet und strukturiert dasjenige, was wir subjektiv erfahren haben (direkt durch unsere Sinne, indirekt z.B. durch Hörensagen oder durch Schlüsse die wir getätigt haben) und baut dadurch ein System, das die einzelnen Erfahrungen miteinander verbindet und in Relation setzt. Auf diese Weise bilden wir unsere Welt, als Grundlage und Orientierung: sie ermöglicht es uns, auf schon Bekanntem aufbauend Neues zu integrieren und so zu wachsen.

Schöpferischer Ausdruck der Vernunft,  mit der wir uns die Wirklichkeit erschliessen, ist die Technik. Mit ihr schaffen wir uns einen Freiraum, der von den direkten Zwängen der Natur möglichst unabhängig macht. Im Hinblick auf das Streben nach objektiver Wahrheit hilft die Technik allerdings nur bedingt. Sie folgt ihrem Wesen gemäß einem strengen Regelwerk und ist darin der Logik und den Gesetzmäßigkeiten der Natur unterworfen. Im Streben nach personaler Entwicklung und Unabhängigkeit, sowie im Suchen nach absoluter Wahrheit sind wir mit einer Komplexität konfrontiert, die man durch Kausalketten nicht erschöpfend umreissen kann. Ein vielleicht gut eingängiges Beispiel ist der Verweis auf unsere Fähigkeit zu lieben. Hier erlangen wir ein Höchstmaß an Freiheit durch "Loslassen" und "Hingabe", nicht aber durch das geplante Verfolgen eines Konzeptes.

Das Streben über sich selbst hinaus scheint also nicht allein darin zu bestehen, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln und so seine Welt zu vervollständigen. Es scheint im Bereich der objektiven Wahrheit, da wo sich der Mensch aus den Fesseln der Natur zu lösen vermag, auch völlig neue Qualitäten zu geben. Diese transparent zu machen, auf sie zu verweisen, ist der Technik nicht mehr möglich, da sie durch ihre Methode eingeschränkt ist. Die Erfahrungen des Menschen enthalten ethische oder auch ästhetische Aspekte, die weder in der uns gegenüberstehenden Natur, noch durch unsere Vernunft erschöpfend einzuholen sind.

Als Methode, Wahrheit in diesen Bereichen aufzuzeigen, nutzen wir die Fähigkeit zum künstlerischen Gestaltung ein. Während die Technik als Ausdruck rationalen Schaffens vor allem Werkzeug ist, baut die Kunst als Ausdruck ganzheitlichen Erfahrens darauf auf und zeigt Aspekte der Wirklichkeit, die durch Technik allein nicht in den Blick genommen werden können. Dabei ist ein Kunstwerk selber kein Werkzeuge mehr, sondern findet Erfüllung darin, einen Teil der objektiven Wirklichkeit subjektiv erfahrbar zu machen.
Während die Technik in der Lage ist dem Menschen einen Freiraum zu schaffen, in dem er sich über die Zwänge seiner Herkunft erhebt und beginnt fragend ins Dasein zu blicken, drückt Kunst aus, was er dort als Antwort erhält.

Anders verhält es sich mit Kitsch. Wie die Technik, ist dieser funktional. Er sucht zu gefallen und nähert sich darin nur äußerlich der Kunst an. Indem er auf das subjektive Wohlwollen des Betrachters abzielt, verfehlt er den freien Blick, der Wirklichkeit transparent zu machen sucht.

Dabei fallen heute besonders zwei Intentionen auf: Kitsch als Werbung und als Unterhaltung. Bei beidem ist das Werk letztlich Mittel zum Zweck. Die Botschaft des Werbenden ist von vorn herein gegeben, so dass statt einer Suche nach Wahrheit vor allem die Betörung des Adressaten im Vordergrund steht. Auch Kitsch zur Unterhaltung ist nicht daran interessiert, etwas Wahres zu zeigen. Er will gefallen, meist um Geld zu verdienen. Indem der Kitsch wie ein Werkzeug einen konkreten Zweck verfolgt, den er unter Umständen sogar verschleiern will, liegt er vom Wesen nach der Technik näher als der Kunst. Dieser Werkzeugcharakter soll allerdings oft verschleiert werden, so dass Anleihen bei Elementen der Kunst genommen werden, nicht selten in auffällig übertriebener Weise.

Wenn Kunst Ausdruck des Strebens nach Wahrheit ist, so kann man von Kitsch sagen, dass er, soweit er einen Zweck verfolgt, den er nicht offen zugibt, eine Form der Lüge ist. Die Fähigkeit, vom konkreten Werk auf seine Art zu schliessen, ist dabei oft nicht ganz einfach. Sie hängt vor allem vom Fortschritt des Betrachters auf dem Weg seiner Wahrheitssuche ab.