Leibnizsche Metaphysik PDF Drucken E-Mail
Thomas Fornet Ponse

Leibniz' Philosophie ist von zwei grossen Grundprinzipien getragen. Diese sind der Satz vom zureichenden Grund (nihil fit sine causa sufficiente), das Prinzip von der Identität oder vom Widerspruch. Damit gibt es für Leibniz keine grundlosen Wahrheiten. Ebenfalls sehr wichtig ist die Unterscheidung in absolute und hypothetische Wahrheiten. Die notwendigen Vernunftwahrheiten oder absoluten Notwendigkeiten (logisch, metaphysisch oder geometrisch) sind daran zu erkennen, dass man ihr Gegenteil nicht ohne Widerspruch denken kann, sie sind universal gültig. Im Bereich des Seienden ist ausser Gott aber nichts mehr absolut notwendig, da das Nicht-Sein der anderen Existenzen ohne Widerspruch denkbar ist. Sie bilden also die positiven/hypothetischen Wahrheiten oder Tatsachenwahrheiten.


Leibniz gilt wie Thomas v. Aquin als ein Vertreter des theologischen Intellektualismus, d.h. bei ihm ordnet Gott seinen Willen seinem Verstand unter, bzw. er bindet seinen Willen an die Gesetze der Vernunft und hält sich an seine Liebe. Die Gegenposition ist der theologische Voluntarismus, bei der dem Willen eine stärkere Position zukommt und der von Ockham oder Descartes vertreten wurde. Leibniz ging von der Vollkommenheit Gottes aus und folgerte daraus die Ansicht, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten sei. Wenn Gott die Welt geschaffen habe, müsse er auch das Beste getan haben, ansonsten hätte er nicht vollkommen gehandelt. Er schreibt: "Gott hat aber diejenige gewählt, welche die vollkommenste ist, d.h. diejenige, die zugleich die einfachste an Prinzipien und die reichhaltigste an Erscheinungen ist;" (DM, S. 15). Allerdings unterscheidet Leibniz zwischen der Welt der Geister oder Monaden und der phänomenalen Welt der Körper, die ihrerseits vollkommen sind. Die Welt der Körper ist vollkommen, weil Gott sie so gut geschaffen hat, sie ist allen anderen Welten der Körper aufgrund ihrer Naturgesetze überlegen. In ihr gelten Kausalursachen, in der Welt der Geister hingegen Finalursachen. Diese beiden Erklärungsweisen, kausal und final, ergänzen sich gegenseitig. Die Vollkommenheit der Welt der Geister bezieht sich nicht auf den Ist-Zustand, sondern auf die Vervollkommnungsmöglichkeit. Diese Ansicht wird oft als metaphysischer Optimismus bezeichnet, der vor allem auf die Schöpfung der Welt in Freiheit durch Gott gründet. Leibniz verteidigt ihn gegen den Suboptimalismus derer, die meinen, die Welt hätte besser geschaffen werden können und erst recht gegen den Pessismismus (Manichäismus und später Schopenhauer). Leibnizens bedeutendstes Werk hierzu sind die Essais de Theodicée (1710).

Eine weitere wichtige Annahme von Leibniz ist der Äther als Instrument der ständigen Mitwirkung und Allgegenwart Gottes in der Schöpfung. Diese Hypothese vertrat er in der Hypothesis physica nova (1671) und erklärt die Welt als einen Selbsterhaltungsmechanismus, der von Gott teleologisch

gefügt worden ist. Dabei verwendet er den Begriff "horologium mundi", ein System, das sich durch den Äther selbst reguliert.<ü> Zwar erscheinen Leibnizens Système nouveau und Monadologie nach dem Discours de Métaphysique, aber schon diesem liegen die Ansichten der Monaden und der prästabilierten Harmonie zugrunde. Dabei kann man die Monadologie als Substanztheorie bezeichnen und sagen, dass sie nicht ohne die prästabilierte Harmonie funktioniert. Diese nämlich erklärt, wie Monaden miteinander interagieren und bietet eine Lösung des Leib-Seele-Problems an.

Die Monadenlehre zeigt die fünf Prinzipien der Ontologie Leibnizens:
1. Die substantielle Form oder tätige ursprüngliche Kraft (vis activa primitiva),
2. Die Masse, Erstmaterie oder leidende ursprüngliche Kraft (moles, prima materia, vis passiva primitiva)
3. Die Monade oder einfache Substanz
4. Körper und Stoff oder Zweitmaterie
5. Das Lebewesen, das auch als zusammengesetzte Substanz gesehen wird.

Unter einer Monade versteht Leibniz also eine einfache Substanz, wobei einfach bedeutet, dass sie keine Teile hat. Dabei ist sie nicht schlechthin immateriell, sondern eine dynamisch-energetische Einheit aus Form und Materie, nur die monas monadum (Gott) "ist eine Substanz, die wahrhaft von der Materie abgetrennt ist, weil er reine Tätigkeit ist." Ausser den Monaden gibt es nichts Einfaches, sie werden von Gott geschaffen und können nur von ihm vernichtet werden. Die Monaden stellen auch den Zusammenhang zwischen phänomenaler und intelligibler Welt her, da sie einerseits in der Welt sind, da sie die phänomenale Welt überall durchdringen, andererseits ist die Welt in der Monade, da die Phänomene der sichtbaren Welt im seelischen Mittelpunkt gespiegelt werden. Die phänomenale Welt ist jedoch nicht aus Monaden zusammengesetzt, da Monaden zwar überall sind, aber nicht alles Monade ist.

Da es keine identischen Monaden geben kann, sind Monaden auch individuelle Substanzen. Diese zeichnen sich dadurch aus, einen vollständigen Begriff zu haben, der alle seine Prädikate enthält. Leibniz geht dabei von der analytischen Urteilstheorie aus, nach der alle wahren Urteile als analytisch zu verstehen sind, da dem Subjektsbegriff alle Prädikatsbegriffe zugeschrieben werden, die Gott schon als enthalten denkt. Über diesen vollständigen Begriff erklärt Leibniz im Discours z.B., wie Gott voraussieht, was den Menschen geschieht. Gott verfügt über die Kenntnis des Subjekts und damit über die Kenntnis eines jeden einzelnen Prädikates. Die Freiheit des Menschen wahrt Leibniz unter Rückgriff auf eine Unterscheidung zwischen kontingenten und notwendigen Wahrheiten. So

unterscheidet er zwischen dem Gewissen und dem Notwendigen und das Gewisse ist keinesfalls notwendig, sondern vielmehr kontingent. Nach Leibniz gibt es eine "absolut notwendige" und eine "kontingente" Art der Verknüpfung. Die den Geschöpfen zukommenden Prädikaten sind "zufällig-zukünftige Ereignisse", ihr Gegenteil führt nicht zu einem Widerspruch. Die menschliche Freiheit liegt in der logisch möglichen freien Entscheidung. Es ist grundsätzlich undenkbar, dass ein Geschöpft anders handelt als von Gott vorhergesehen, aber es handelt sich hier nicht um notwendige Wahrheiten. Allerdings sind alle Handlungen der Substanzen spontan, da eine individuelle Substanz nur aus sich selbst heraus tätig ist. Diese Spontaneität findet bei den Monaden ihren Ausdruck in ihrer Fensterlosigkeit. Damit können Monaden aber nicht real aufeinander einwirken, sie sind autark. Wichtig für die prästabilierte Harmonie ist die Ansicht, dass die Monaden das Universum repräsentieren. Im Discours beschreibt Leibniz die Monaden (ohne das Wort zu benutzen) so: "das Ergebnis einer jeden solchen Hinsicht [Gottes] auf das Universum, bei dem es gleichsam je von einem bestimmten Standort betrachtet wird, ist eine Substanz, die das Universum dieser Hinsicht entsprechend ausdrückt" (DM, S. 33). Dabei bilden die GeistMonaden die Welt so aus, dass man sagen kann, sie seien totale Teile der Welt (esse partes totales). Die Monaden sind hierarchisch gegliedert, an der Spitze steht Gott als die monas monadum, unten die schlafenden Monaden. Dabei werden die Perzeptionen von oben nach unten unklarer und undeutlicher.

Leibniz versucht, die mechanisch-wirkkausale Naturerklärung mit dem final-zweckkausalen Naturverstehen oder Mechanizismus mit Teleologie durch das System der prästabilierten Harmonie zu versöhnen. Diese beiden Modelle galten als unvereinbar und schienen sich gegenseitig auszuschliessen. Leibniz erkannte aber, dass manche Wirkungen der Natur sowohl durch die Betrachtung der Wirkursache, als auch durch die Betrachtung der Zweckursache bewiesen werden können. Diese Beweise ergänzen einander und ermöglichen so oft ein umfassendes Verstehen. Die mechanisch-wirkkausale Erklärung der Natur versteht die Natur als Maschine, der Körper und der Geist bilden auch keine Einheit, sondern existieren ohne Verbindung zueinander. Mit diesem Weltbild ist aber nicht nur ein in das Weltgeschehen eingreifender Gott nicht vereinbar, sondern auch ein Einwirken auf die Bewegungen der Individuen ist auszuschliessen. Durch die Betonung des Unterschieds zwischen Wirk- und Zweckursache kann Leibniz zwei verschiedene Sichten auf ein Phänomen beschreiben. Dabei sind die Zweckursachen nicht unabhängig von den Wirkursachen zu denken, da die Zweckursachen immer einer wirkkausalen Realisierung bedürfen.

Um beide Ansätze zu versöhnen, bestimmt Leibniz das Verhältnis zwischen Leib und Seele neu. Er kritisiert die physische Beeinflussung zwischen Leib

und Seele, da sie zum einen wegen der Heterogenität von Materiellem und Immateriellem unerklärbar ist, zum anderen das Prinzip der Energieerhaltung nicht eingehalten würde und die Seele keinerlei Spontaneität hätte. Daher müssen sie prinzipiell unabhängig sein, trotzdem aber die Leib-Seele-Einheit des Individuums erklärt werden, das einen Zweck durch Bewegung realisiert. Nach Leibniz ist die Realisation eines Zweckes in Bewegung abhängig von der "herrschenden Monade". Die "herrschenden Monaden" sind Ätherpunkte, die den Körper der Natur durchdringen, zugleich bewusste Zentren von Lebewesen sind und in "prästabilierter Harmonie" zu den Bewegungen des Leibes stehen. Somit wirkt das Bewusstsein nicht auf den Körper, und der Körper nicht auf das Bewusstsein, da sie sich wechselseitig ausdrücken. Dafür gibt es den Begriff des "psychophysischen Parallelismus" (oder "psychophysischer Expressionismus" (Busche, 502), der keinen Dualismus meint. Nach Leibniz drückt die Seele Gott und das Universum "ebensogut aus, wie alles Existierende." Zwischen Bewusstsein und Leib gibt es auch keine Kommunikation, da sie keine gemeinsame Natur haben. Auch eine intraindividuelle oder interindividuelle Wechselwirkung der Monaden schliesst Leibniz aus. Die Monade ist ein fensterloses, in sich abgeschlossenes Gebilde, die aber ihre eigene Spontaneität besitzt, also eine unbeeinflussbare, individuelle Substanz.

Im Système nouveau kritisiert Leibniz also die "physische Beeinflussung" zwischen Leib und Seele und schlägt als Alternative die "prästabilierte Harmonie" vor. Diese kann man als einen Parallelismus richtungsverschiedenen Übersetzens in "Expressionen" und "Repräsentationen" auffassen. Es gibt keine mechanische Wirkkausalität zwischen Leib und Seele, sondern eine Kausalität der Korrespondenz im Sinne der Übersetzung. Die Seele ist zwar spontan, drückt aber alles in Korrespondenz zum Leib aus. Die Seele drückt also den Körper aus, und umgekehrt repräsentieren die Taten die Seele. Darüber hinaus bedürfen beide einander für den "korrespondierenden Ausdruck des Inneren und Äusseren". Die Seele kann keine Perzeptionen qua Wahrnehmungen haben, ohne dass die Sensorien des ihr zugehörigen Leibes von aussen affiziert werden. Körperliche conditiones sine quibus non werden in seelische Perzeptionen übersetzt, die Seele ist bedingt, aber nicht bestimmt. Die eigentliche Bedeutung der "prästabilierten Harmonie" liegt darin, dass Gott nicht immer eingreifen muss, sondern eine Art metaphysischen Mechanismus gebildet hat, der von Beginn an funktioniert.

1. Textgrundlage: Gottfried Wilhelm Leibniz, Metaphysische Abhandlung, Hamburg 1985.
2. Literatur:
- Reinhard Finster/ Gerd van den Heuvel, Gottfried Wilhelm Leibniz. Reinbek 2000.
- Thomas Leinkauf, Gottfried Wilhelm Leibniz. Systematische Transformation der Substanz: Einheit, Kraft, Geist. In: Lothar Kreimendahl (Hrsg.), Philosophen des 17. Jahrhunderts. Darmstadt 1999, S.198-221.
- Hubertus Busche, Leibniz Weg zum perspektivischen Universum, Hamburg 1997, S. 501-559
- Christha Mercer/R.C. Sleigh, Jr., Metaphysics: The early period to the Discourse of Metaphysics, in: Nicholas Jolley (Ed.), The Cambridge Companion to Leibniz, ?, S.67-123
- Louis Couturat, †ber Leibniz' Metaphysik, in: A. Heinekamp/F. Schupp, Leibniz' Logik und Metaphysik, Darmstadt 1988, S. 57-80.