Lewis & Tolkien PDF Drucken E-Mail
M. Hageböck

Zerwürfnis einer Freundschaft zweier christlicher Schriftsteller


„Ich suche immer nach etwas, das ich nicht finde“, hatte J. R. R. Tolkien mit Blick auf die zeitgenössische Belletristik gesagt. Was der Autor des „Herrn der Ringe“ schließlich entdeckte, war kein Buch, sondern einen Kollegen von der Hochschule: C. S. Lewis, der mit ihm neben der Liebe zur Phantastik auch die Freude an Bier teilte; für das Diktat des Aktuellen aber ebenso wenig übrig hatte wie er - am allerwenigsten für modische Kleidung. Kaum etwas schien Lewis langweiliger, als „Gespräche über Politik, Todesfälle und Verdauung“. Er mahnte an das Wesentliche zu denken: „Es ist eine ernste Sache, in einer Gesellschaft möglicher Götter und Göttinnen zu leben, sich zu vergegenwärtigen, daß die höchst uninteressante Person, mit der man gerade spricht, ein Geschöpf sein kann, das man, sähe man es jetzt, einfach anbeten möchte, oder aber etwas so Grausiges, wie man es höchstens in einem Alptraum antrifft.“


In ihren Romanen skizzieren Tolkien (1892 - 1973) und Lewis (1898 - 1963) Personen, in denen sich das Licht des Himmels widerspiegelt, erzählen aber auch von der Versuchung durch das Böse. Die zwei Freunde beschenkten sich gegenseitig mit ihren Geschichten, lasen sie einander jahrelang vor, ungeachtet dessen, dass zunächst kein Verlag etwas davon wissen wollte und auch sie selbst nicht ahnten, dass in ihrem „Club praktizierender Literaten“, Millionenseller entstanden. Als Gegenbewegung zum Neuheidentum könnte man die „Inklings“ als Areopag der Gegenwart begreifen.

Als sich die beiden 1926 in einer Versammlung der Englischen-Fakultät zum ersten Mal trafen, sah sich Lewis mit zwei Vorurteilen konfrontiert: Tolkien gehörte dem feindlichen Lager der Philologen an (er selber war Literaturwissenschaftler); viel schlimmer schien jedoch, dass sein Kollege ein frommer Katholik war, während er sich vom nordirischen Puritaner zum Atheisten entwickelt hatte. Jovial notierte Lewis in seinem Tagebuch: „Ist nicht schlimm: [Tolkien] braucht nur ab und zu einen kleinen Klaps.“ Die Herkunft der beiden könnte kaum unterschiedlicher sein: J. R. R. Tolkien hatte sehr früh seinen Vater verloren, musste unter recht einfachen Bedingungen aufwachsen und als in seinem zwölften Lebensjahr die Mutter an Diabetes starb, hielt er sie für eine Märtyrerin, weil sie das Geld für eine ärztliche Behandlung verweigert hatte, welches mit der Forderung verbunden war, sie müsse zur Church of England konvertieren. John Ronald Reuel stand sein Leben lang treu zu Rom und wußte sich im Gehorsam seinem Vormund Pater Francis Morgans verpflichtet, der ihm eine Romanze mit Edith Bratt verbot. Tolkien brach drei Jahre lang jeden Kontakt zu ihr ab, schrieb aber für sie Tagebuch und verfaßte in der Nacht, als er die Volljährigkeit erlangte, seinen Heiratsantrag. Ein Jahr später wurde Edith in die katholische Kirche aufgenommen, die beiden verlobten sich und heirateten 1916. Aus ihrer Ehe gingen vier Kinder hervor, darunter ein Priester.

C. S. Lewis hingegen war lange Zeit Junggeselle und blieb kinderlos. Seine Mutter starb, als er zehn Jahre alt war; vergeblich hatte der Junge Gott um ein Heilungswunder angefleht. Sein Vater, ein Rechtsanwalt mit überdurchschnittlichem Einkommen, unterhielt ein großes Haus samt Angestellten und wollte den beiden Söhnen eine standesgemäße Bildung ermöglichen. Dies bedeutete für Clive Stapleton einen häufigen Wechsel zwischen verschiedenen Privatlehrern und Internaten, wobei er den letzteren in seiner Autobiographie („Überrascht von Freude“) so schmeichelhafte Kapitel widmet wie: „Konzentrationslager“ oder „Bloodery“. Ganz anders die Zeit Tolkiens an einer mittelalterlich geprägten Grammar School: „Meine Erfahrungen hatten nicht das mindeste mit denen von Mr. Lewis gemein.“ Als Lewis auf seine Schullaufbahn zurückschaut, ist er ein vom Positivismus beeinflusster Hegelianer, ein Pessimist, der mit dem Okkultismus in Berührung gekommen war, der Sport und Gruppenzwänge verabscheute, sich eine zeitlang als Dandy in Szene gesetzt hatte und schließlich resümierte, daß Homosexualität und Glückspiel die einzigen Sünden waren, zu denen er nie versucht wurde. Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade. Später bekannte Lewis: „Der Schlüssel zu meinen Büchern ist vielleicht Donnes Maxime: Die Häresien, die Menschen hinter sich lassen, sind ihnen am meisten verhasst.“

Während all der dunklen Jahre hatte jedoch ein Licht geleuchtet: die Verheißung einer unfaßbaren Freude, welche Lewis seit seiner frühsten Kindheit erahnte, wenn er die fernen Hügel betrachtete oder sich mit seinem Bruder im Spiel verlor. „Die Sehnsucht, die kein irdisches Glück zu stillen vermochte“, stellt Gisbert Kranz fest, „ist das Hauptthema seiner autobiographischen Bücher, seiner Romane und seiner Kindergeschichten.“ Über griechische, keltische und nordische Epen führt sein Weg zum König der Dornen. Der Bücherwurm verschlingt alles, was mit den Nibelungen zu tun hat, liest mal Milton („Das verlorene Paradies“), mal Yeats oder Spencer, ist mit den Romantikern vertraut und gerät schließlich an Arthur Greeves, einen Mitschüler, welcher ihm den Zugang zu weiteren Autoren der schönen Literatur eröffnet. Im gleichen Jahr da Tolkien heiratet, begegnet Lewis in Georges Mac Donalds „Phantastes“ etwas völlig Neuem: „Es war die Heiligkeit.“ Das Buch des schottischen Geistlichen rührte ihn abgründig, so dass seine damit beginnende Veränderung auch äußerlich sichtbar wurde: „Ich glaube, dass sich mein Gesicht verändert hatte.“ Als er zwei Jahre später in der Schlacht von Arras verwundet wird, erschüttert im Lazarett die Lektüre von G. K. Chestertons „Der unsterbliche Mensch“ seinen „hartgesottenen“ Atheismus. Lewis ist irritiert: „George Mac Donalds hatte in mir mehr bewegt als jeder andere Schriftsteller; freilich war es ein Jammer, dass er diese Marotte mit dem Christentum hatte. Chesterton war vernünftiger als alle Modernen zusammen; abgesehen natürlich von seinem Christentum… Selbst bei den antiken Autoren stieß ich auf das gleiche Paradox. Die religiösesten (Plato, Aischylos, Vergil) waren eindeutig diejenigen, in denen ich wirklich schwelgen konnte.“

Bald nachdem er Tolkien begegnet war, musste Lewis seine zwei Feindbilder über Bord schmeißen: Der Philologe und Katholik war der Wendepunkt in seinem Leben. Die Freundschaft wird so tief, daß Lewis ihr ein Kapitel in seinem Buch „Was man Liebe nennt“ widmet. Freundschaft sei „die am wenigsten natürliche Liebe, sie hat am wenigsten mit unserer biologischen Struktur zu tun; sie ist nicht notwendig.“ Aber: „Das natürliche Leben hat nichts besseres zu bieten“. Euphorisch preist Lewis die auf ein Ziel (Religion, Studium, das Erleben der Natur) hin gerichtet Männerfreundschaft, „weil sie uns beinahe über das Menschliche hinaushebt“. Der Autor meint seine eigene Bekehrung, wenn er den Traktat mit den Worten beendet: „Gott braucht die Freundschaft als Werkzeug des Schaffens und Offenbarens.“ Vier Jahre, nachdem er Tolkien kennen gelernt hatte, wurde Lewis zum Theisten: „Im Trinitatis 1929 räumte ich das Feld und gab zu, dass Gott Gott war und kniete nieder und betete.“

Am 19. September 1931 folgt nach einem nächtlichen Spaziergang die eigentliche Konversion. Was Tolkien damals seinem Freund klarmachte, hat er in dem Gedicht „Mythopoeia“ festgehalten. Er trifft Lewis an dessen schwächstem Punkt, wenn er ihn als „Mythenhasser“ bezeichnet (weil Mythen für ihn nur „durch Silber geblasene Lügen“ seien) und ihm obendrein eine Verweigerung des Denkens vorwirft (weil Bäume und Sterne weder durch unsere sprachliche Benennung konstituiert würden, noch durch deren wissenschaftliche Erforschung). Der Legendenweber hingegen verehre in der Natur staunend den Schöpfer; die Hervorbringung von Mythen geschehe „gemäß jenem Gesetz, nachdem wir geschaffen worden“ und im Himmel werde diese Abbildlichkeit als unsere Würde offenbar: „Be sure they still will make, not being dead, / and poets shall have flames upon their head, / and harps whereon their faultless fingers fall: / there each shall choose for ever from the All.“ Lewis berichtet von seinem Dialog mit Tolkien in einem Brief an seinen oben genannten Schulfreund Arthur Greeves: „Die Vorstellung, dass ein Gott sich opferte, berührte mich sehr; auch die Idee von einem sterbenden und auferstehenden Gott (Balder, Adonis, Bacchus) gefiel mir, wo immer ich davon las - außer in den Evangelien… Nun ist aber die Geschichte von Christus nichts anderes als ein wahrer Mythos: Ein Mythos, mit dem ungeheuren Unterschied jedoch, daß er sich wirklich zugetragen hat.“ Nicht nur das Alte Testament hatte Christus angekündigt - ER wurde auch im Heidentum erwartet (was die Kirche etwa durch die Heiligen Drei Könige oder die Sibylle von Cumae bezeugt) und auch Lewis glaubte nun: Verbum caro factum est. Bereits seit 1930 arbeitete Tolkien an „Der kleine Hobbit“, jenem Abenteuer von Bilbo Beutlin, welches später das Präludium zum Ringkrieg werden sollte. Eines Tages hatte Jack (alias Lewis) ihn ermutigt: „Tollers, Geschichten, wie wir sie wirklich mögen, gibt es zu wenige. Ich fürchte, wir müssen es selber versuchen und ein paar schreiben - aber das ist sehr mühsam.“ Während Tolkien 18 Jahre am „Herrn der Ringe“ feilte und sein Lebenswerk „Das Silmarillion“ erst posthum erschien, ging Lewis die Arbeit leichter von der Hand, da er nicht gleichermaßen die Liebe zum Detail besaß und keine Kinder hatte. Nachdem Tolkien aus seiner Atlantis-Interpretation, der Geschichte der Insel Númenor vorgelesen hatte, einigten sich die beiden, dass Lewis es mit einer „Weltraumreise“ versuchen sollte, Tolkien aber mit einer „Zeitreise“. Während letztere nie vollendet wurde (The Lost Road), lag „Jenseits des schweigenden Sterns“ recht bald vor. Trotz dem gewaltigen Erfolg des „Hobbit“ versuchte Tolkien vergebens, seinen Verleger Unwin zur Edierung des Lewis-Buches zu bewegen. Dieses wurde schließlich 1938 von John Lane veröffentlicht und bildet den ersten Band einer Trilogie, in welcher der Philologe Ransom (man wird an Tolkien erinnert), unfreiwillig zwei Planeten besucht auf denen kein Sündenfall stattgefunden hat. Vom Fortschrittswahn getrieben, wollen Naturwissenschaftler im dritten Band (einer prosaischen Umsetzung von: „Die Abschaffung des Menschen“) den Himmel auf Erden verwirklichen. Auf Seiten der Rechtschaffenden greifen nun Mächte ein, von denen es heißt, sie entstammten einer Zeit, die in die prägalaktische Periode nach Numinor, dem „wahren Westen“ zurückführe. Diese Anspielung auf sein Fragment verärgerte Tolkien, er fühlte sich bestohlen, zumal Lewis die unveröffentlichte Geschichte vom verlorenen Paradies samt Sintflut in eine Kritik am real existierenden, technophilen Westen verkürzt. Zudem war „Die Macht des Bösen“, jener dritte Band der Weltraumreise, unter Einfluß Charles Willams entstanden, einem ins Okkulte tendierenden Mystiker, der seit 1939 den Inklings angehörte, mit dessen Erzählungen Tolkien nie etwas hatte anfangen können. Die Freundschaft gerät in eine erste Krise - vielleicht auch, weil Lewis rasch an Popularität gewinnend den Meister hinter sich läßt. Er gilt nun als der meistgelesene christliche Apologet seiner Tage.

Tragischerweise widmet er Tolkien ausgerechnet jenes Buch, welches sich besser als alle anderen verkaufen soll: „Dienstanweisungen an einen Unterteufel“ (1943). Darin gibt der höllische Srewtape seinem unerfahrenen Neffen Wormwood Direktiven, wie er die Schwächen der Menschen nutzen kann, um sie vom Glauben abzubringen. Der ungewohnte Blickwinkel erlaubt es dem Leser, seine eigenen Fehler mit neuen Augen zu betrachten. Noch genialer gelingt Lewis ein solcher Kunstgriff in „Die große Scheidung“ (1945), wo Menschen vor dem Richterstuhl Gottes mit allen möglichen Anhänglichkeiten überraschen, welche ihnen den Zutritt zur visio beatifica verwehren. Wir treffen George Mac Donald als Wegbegleiter zur Erlösung wieder, dem der Erzähler nervös bekundet, daß für ihn „Phantastes“ das gewesen war, „was der erste Anblick Beatrices für Dante gewesen sein muß: Hier beginnt das neue Leben.“ Als Homage an den Lehrer gibt Lewis 1946 „Die Weisheit meines Meisters“ heraus, wobei er retrospektiv weniger den Schriftsteller, als vielmehr dessen Heiligkeit schätzt. Weit mehr sinkt Mac Donald in der Gunst Tolkiens, der ein Vorwort zu „The Golden Key“ ablehnt, weil er merkt, daß sich seine Begeisterungsfähigkeit für diesen Autoren mit den Jahren auf die Curdie-Bücher reduziert hat. Freilich konnte Tolkien, der einen schlichten und kraftvollen Stil bevorzugte, noch nie soviel mit dem süßlichen Schotten anfangen wie Lewis mit seiner Affinität zum Barock. Die Kluft zwischen den beiden wird größer, bis es 1948 wegen einer Lappalie zum Streit kommt: Tolkien hatte „English Literature in the Sixteenth Century” in einer Art und Weise kritisiert, die Lewis nicht verschmerzte. Im Oktober 1949 fand das letzte Treffen der Inklings statt. Sicher mag es Tolkien über Jahre hinweg gewurmt haben, dass Lewis nie katholisch geworden war - sondern Anglikaner blieb. Zum Auseinanderleben der Freunde trugen schließlich auch die sieben Narnia Bände (1950 - 1956) bei, in denen Tolkien zu sehr den belehrenden Zeigefinger sieht und ihm die eins zu eins Allegorie (Löwe Aslan = Christus) missfällt. Der endgültige Bruch ereignet sich 1954/55: Während Tolkien ganz mit der Fertigstellung seines „Herrn der Ringe“ beschäftigt ist, erhält Lewis einen Lehrstuhl in Cambridge und heiratet Joy Davidman an deren Sterbebett, eine geschiedene Kommunistin, die er per Briefkontakt seit 1950 kennt. Es war die Unauflöslichkeit der Ehe, welche den Anglikaner und den Katholiken entzweien sollte. Bereits 1943 hatte Tolkien ein Manuskript zu „Pardon, ich bin Christ“ sehr deutlich kommentiert. In der veröffentlichten Fassung lesen wir bei Lewis: „Viele Menschen sind offenbar der Meinung, wenn man Christ sei, müsse man auch anderen die Scheidung erschweren. Ich finde das nicht richtig. Zumindest wäre ich sehr ärgerlich, wenn die Mohammedaner uns am Weintrinken hindern wollten.“ Dem mußte Tolkien widersprechen: „Kein Gebot der christlichen Moral gilt nur für Christen… Toleranz für die Scheidung ist Toleranz für einen Menschenmissbrauch.“

Nach der Trauung wird die Gesundheit von Joy auf wundersame Weise wieder hergestellt. Es ist nur ein kurzer Aufschub; bei ihrem Tod 1960 ist Lewis untröstlich und verfasst mit „Über die Trauer“ ein Werk, welches sich über weite Passagen wie eine Anklageschrift gegen Gott liest. Zunächst erscheint es unter Pseudonym, erst posthum unter dem richtigen Namen. Seine Zweifel und Melancholie überwindet Lewis mit „Du fragst mich, wie ich bete“, dem letzten Buch, welches er veröffentlicht. Am 22. November 1963 segnet auch ihn das Zeitliche: einem denkwürdigen Tag, an dem John F. Kennedy, der bislang einzige katholische Präsident der Vereinigten Staaten, erschossen wurde und Aldous Huxley, Autor des kongenialen „Brave new World“, verschied. Auf das plötzliche Ende seines früheren Freundes regiert Tolkien betroffen: „Heute morgen habe ich eine Messe lesen lassen, bin auch dort gewesen und habe ministriert.“ 32 Jahre zuvor war Lewis durch den Autoren des „Herrn der Ringe“ bekehrt worden. Jetzt gestand Tolkien seiner Tochter: „Bisher hatte ich die für einen Mann meines Alters normalen Gefühle - wie ein alter Baum, der eins nach dem anderen alle seine Blätter verliert; dies nun fühlt sich an wie ein Axthieb dicht an den Wurzeln. Sehr traurig, daß wir in den letzten Jahren so weit auseinander waren.“ In einem Brief an seinen Sohn Michael ergänzt er: „Aber wir verdankten jeder dem anderen viel, und diese Bindung, mit der tiefen Zuneigung, die daraus er wuchs, bleibt erhalten.“