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Patrick Zäuner

Macht euch die Erde untertan

Angesichts immer neuer Schreckensmeldungen über die Folgen menschlichen Verhaltens ist die Suche nach einer geistesgeschichtlichen Wurzel für alles Übel leicht gefunden: Als Verursacher wird die westliche Welt gesehen, deren Grundlage über zwei Jahrtausende das Christentum war und der biblische Satz, sich die Erde untertan zu machen, scheint wie ein Freifahrtsbrief zur Vernichtung. Wie also ein Feudalherr mit seinen Untergebenen verfährt, so solle auch der Christ mit der Erde verfahren, scheint die Botschaft zu sein - dabei wird ein solcher Fürst mit einem Ausbeuter gleichgesetzt, was die christliche Botschaft analog als Legitimation eines skrupellosen Umganges mit Gottes Schöpfung erscheinen lässt.
Die eigentliche Ursache für die Naturzerstörung liegt allerdings nicht im Christentum, sondern in einer Gegenbewegung, die auf diese Weise geschickt von eigener Verantwortung abzulenken weiss, denn gerade der heutige Schutzgedanke für die Natur erwächst aus der selben Idee wie deren Zerstörung. Seine Intention ist auch keine Wiedergutmachung des Schadens, den Menschen der Natur angefügt haben, sondern eine weitere Stufe des Zerstörungswerkes: nachdem der Mensch in unverantwortlicher Weise gegen seine Grundlagen vorgegangen ist, richtet sich die derzeitige Vernichtung direkt gegen ihn selbst.


Verhältnis Mensch und Natur
Zum besseren Verständnis des Angesprochenen ist eine Klärung des Bezugs zwischen dem Menschen und dessen Umwelt nötig, wobei es prinzipiell zwei Positionen gibt: der Mensch empfindet sich als Teil der Natur, oder er sieht sich als der Natur (im Wesentlichen) gegenüberstehend.
In modernen Argumentationen wird der Mensch häufig als Produkt einer evolutionären Entwicklung beschrieben. Qualitativ gibt es somit, abgesehen von der Komplexität, keinen Unterschied zu Tieren, Pflanzen oder gar Mineralien. Als genuin aus der materiellen Systematik der Natur hervorgegangen, unterliegt er in vollem Maße deren Beschränkungen, und ist ihr als Teilaspekt des Ganzen eingegliedert bzw. untergeordnet. Aus der evolutionären Bewegung könnten durchaus auch dem Menschen weit überlegene Spezies hervorgehen, so gibt es Tiere mit deutlich weitreichenderen Fähigkeiten, warum sollte es nicht auch welche geben, die es an kognitiver Hinsicht mit ihm aufnehmen können.
Nach einem derartigen Weltbild muss man auch die Technik als Zweig evolutionärer Entwicklung sehen, die eine auf der Gattung Mensch aufbauende Linie darstellt. Wenn man ein Streben nach immer komplexeren Strukturen annimmt, kann man in der Technik eine Möglichkeit sehen, wie sich komplexe Zweige aus der Abhängigkeit eines speziell auf sie zugeschnittenen Lebensraumes lösen um in weiteren Bereichen langfristig fuß zu fassen. Einer solchen Betrachtung gemäß ist die Technik eine dem Menschen übergeordnete Evolutionsstufe, sie kann eine Sackgasse sein und mitsamt oder ohne den Menschen absterben, aber sie kann auch eine Chance für neues Wachstum in bis dato noch nicht erreichten Feldern bergen.

Wenn auch eine Systematik wie die beschriebene durchaus überzeugend scheint, widerspricht sie dem menschlichen Selbstempfinden.
Ein derartiges Weltverständnis lässt keinen Raum für Freiheit, kein Individuum kann sich aus den kausalen Ketten lösen und „über sich hinaus wachsen“, doch gerade das ist ein wesentlicher Kern im Bemühen des Menschen. Er empfindet sich nicht als fest in die Natur eingebettet, sondern er versucht sich von ihr losgelöst, sogar als Gegenüber, zu verhalten. Allein das Bedürfnis die Umwelt zu schützen zeigt zweierlei, nämlich dass da jemand sein muss, der sie schützen kann und jemand, der ihr in einer Weise Schaden zufügt, dass externe Hilfe notwendig ist. Aus sich selber heraus würde ja das Absterben evolutionärer Zweige für die Natur als Mechanismus kein Verlust darstellen.
Die Verhältnisbestimmung des Menschen zur Natur zeigt sich am direktesten in der Namensgebung. Indem alle Strukturen, Arten und Unterarten bis hin zu Einzelnen benannt werden, stellt man sie sich im Bewußtsein gegenüber, klassifiziert und bewertet sie. Die überquellenden Eindrücke der Natur, teils heimatlich tief im Herzen des Menschen verbunden, teils für ihn aber auch feindlich und furchterregend, werden in eine Ordnung gebracht, durch die man sich einen Überblick verschaffen kann. Begriffe und Relationen lassen den Menschen über sie verfügen, ganz in der Art einer Beschwörung. Durch die Macht des Wortes wollen Menschen soweit man zurückforschen kann bedrohliche Aspekte ihrer Umwelt bändigen und sich aus der hervorbringenden aber auch wieder vernichtenden übergrossen Mutter Natur emanzipieren.
Diese Erkenntnis widerspricht einer Historizität von Evolution in keiner Weise, zeigt aber, dass sich im Menschen etwas Sonderbares vollzieht: er hat das Bestreben, sich auch als Individuum aus der Systematik der materiellen Welt zu lösen, aus ihr heraus zu treten.

Von der Natur zur Kultur
Die besondere Stellung des Menschen innerhalb seiner Umwelt zeigt sich aber nicht nur im Selbstverständnis, sondern auch in seinem konkreten Auftreten. So zeichnet sich alles rein evolutionär Entstandene durch seine spezielle ökologische Nische aus, innerhalb der es optimal angepasst ist, ausserhalb derer es allerdings schnell zugrunde geht. Allein der Mensch schafft sich seine Nische selber und ist sogar in der Lage, für Tiere und Pflanzen Räume zu gestalten, in denen sie trotz feindlicher Bedingungen existieren können.
Es zeichnet den Menschen aus, sich durch Werkzeug an beliebigen Orten ein Zuhause einrichten zu können, wobei nicht allein der funktionale Aspekt des Überlebens wichtig ist, sondern auch für ästhetische Ansprüche viel Geschick und Kraft eingesetzt wird, teilweise sogar zu Lasten der Funktionalität. Er will nicht einfach nur überleben, sondern seine Zeit in möglichst angenehmer Athmosphäre verbringen, wofür er teilweise auch große Nachteile in anderen Bereichen in Kauf nimmt. Das Schaffen eines solchen Lebensraumes entspricht dem Umgestalten einer bezaubernden doch oft auch feindlichen Natur- in eine Kulturlandschaft. Diese wird dann zu einem Garten, in dem das Schöne der Natur in veredelter Form vorhanden ist, die bedrohlichen Aspekte allerdings weit möglichst zurückgedrängt sind.

Die Umgestaltung der Natur durch den Menschen entspricht nicht einfach einem Trieb, wie auch der Bieber einen Damm baut, der dann andererorts vielleicht für Überschwemmungen sorgt, denn Tiere leben unvermittelt in ihrer Welt, während der Mensch über seine Welt verfügen kann. Für ihn ist „Welt“ ein interpretierbarer Raum, etwas, was er sich erschliessen und verstehen kann, indem er kombiniert und sie nach seinen Möglichkeiten gestaltet. Ein Tier weiss nicht, dass es eine Welt hat, es gestaltet auch nicht bewusst sondern reagiert auf die direkten Anforderungen, wie sie sich durch äußere Eindrücke oder gelerntes Verhalten ergeben. Auf diese Weise ist der Mensch viel weniger abhängig von den natürlichen Erfordernissen und kann nach eingenen Plänen konstruierend in den freien Lauf der Natur eingreifen.
Erst auf diesem Hintergrund werden Begriffe wie „Verantwortung“ verständlich, denn man kann ja nur für das zur Rechenschaft gezogen werden, was man in eigener Regie verursacht hat. Ein Tier kann demnach auch nicht ethisch bewertet werden, denn es handelt nach keinem solchen Masstab sondern reagiert auf die von der Natur vorgegebenen Mechanismen, so komplex diese auch sein mögen. „Gut“ und „Böse“, „Schön“ und „Häßlich“ gibt es in der reinen Natur nicht, nur „Funktional“ oder „Untauglich“. Erst in einer vom Menschen geschaffenen Kultur werden diese Grenzen gesprengt und auf sein Wesen hin erweitert. Hier wird über das rein Technische, mit dem sich der Mensch die Welt baut, auf Werte jenseits von Natur und Mechanik verwiesen, so dass auf einmal ethische und moralische Prinzipien eine dem „Funktionieren“ übergeordnete Relevanz erhalten.

Umweltschutz
Ein vernünftiges Sprechen über Umweltschutz kann folglich auch nur auf der Basis von Kultur stattfinden. Slogans wie „zurück zur Natur“ sind darum in sich widersprüchlich, weil sie ja eine bewusste Wendung fordern, eine Reflexion der eigenen Umstände um dann in ein kulturloses Stadium zurückzuverfallen. Ebenso widersinnig sind Begriffe wie „Renaturalisierung“ - es entbehrt sicher keiner besonderen Komik, wenn man sieht, wie eine solche durch Stahlbetonkonstruktionen in Flußbetten erreicht werden will. Wäre die Natur nicht einfach auch so in der Lage, die Erdoberfläche den Naturgesetzen ensprechend zu gestalten? Wäre nicht, wenn man diese Frage weiter verfolgt, auf der Venus ein Vorbild für vom Menschen unberührte Natur?
Sicher kann es im Naturschutz nicht darum gehen, Veränderungen zu unterdrücken, die nun einmal von Haus aus stattfinden. Auch kann es nicht sinnvoll sein, den menschlichen Einfluss aus den Naturvorgängen zurückzudrängen, sondern im Gegenteil, alles, was sich als lebensbedrohlich, oder auch ästhetisch nicht ansprechend herausstellt, sollte vom Menschen nach besten Kräften ausgebessert werden. Dabei kann es kein „Zurück“ geben, sondern immer nur ein „nach vorne“, hin zu einem wirklichen Garten Eden, wie er denn sein sollte.

Dies kann nicht geschehen, wenn man den Menschen als immanenten Teil der Natur auffasst. Es ist ja gerade die mechanistische Auffassung der Welt, die letztlich auch den Bau von Maschinen und somit eine ungenierte Ausbeutung der Natur forciert, denn wenn alles rein mechanisch ist, wenn es letztlich keine ethischen Masstäbe gibt und alles, was auf den ersten Blick funktioniert, auch erlaubt ist, wie soll dann wirkungsvoll gezeigt werden, dass der Mensch für sein Tun eine höhere Verantwortung trägt und ihm der Schutz der Schöpfung anvertraut ist? Wer heute aus rein funktionalen Erwägungen, z.B. weil er sieht, dass auf Dauer seine Maschinen nicht laufen, von Naturschutz spricht, begeht einen Etikettenschwindel. Es ist ja nicht die Natur, die er schützen will, sondern es sind seine Maschinen und sein Luxus und wer sich als fest in die Natur eingebettet sieht, kann ihr letztlich eh nicht helfen, er wäre ihr ja in allen Phasen seines Daseins unterworfen.
Ein wirklich verantwortungsvoller Umgang mit der Natur ist nur dann denkbar, wenn der Mensch sich als ihr übergeordnet versteht und seine Verantwortung wahrnimmt, sie mit allem Bemühen zu schützen und zu veredeln sucht. Erst auf diese Weise betrachtet wird verständlich, was gemeint ist, wenn es in der Genesis heisst: „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“