Olifant PDF Drucken E-Mail
Ernst Penzoldt
Olifant"Aus den nachgelassenen Papieren" oder "Aufzeichnungen eines Verstorbenen", solche und ähnliche Einleitungen, mittels deren die Dichter ihre arglosen Leser glauben machen wollen, die folgende Erzählung beruhe auf reiner Wahrheit, haben mich von je her verdrossen. Geheimnistuerisch bezeichnen die Verfasser die Gestalten und Orte des Geschehens nur mit den Anfangsbuchstaben, wie etwa Graf N. oder: das Herzogtum W. Auch die Unsitte des Ich-Romans rechne ich dazu, wobei der Schreiber sich natürlich einen fremden Beruf beilegt, den er in Wirklichkeit nie ausgeübt hat, zum Exempel: Ich war damals erster Steuermann auf dem Westindienfahrer Barbara Smith, und was derlei Alfanzereien mehr sind. Sie reden von einer "Mütze voll Wind", von Elmsfeuer und dergleichen, aber ich glaube ihnen keinen Wort. Durch solche bewußte, doch im Grunde recht billige Irreführungen bleibt der Leser im ungewissen, ob es sich nicht doch um eine wahre Begebenheit handelt. Durch den Reiz der Neugierde und das prickelnde Gefühl, Mitwisser eines Geheimnisses zu sein, soll der Genuß erhöht werden, ein nicht ganz redliches Verfahren, das dem Zauberkünstler ähnelt. Ich bin für mein Teil für die unmittelbare Form des Erzählens.
Unter solchem Vorbehalt mag der Leser selbst ermessen, wie mir zumute war, als ich in meiner zwiefachen Eigenschaft als Arzt und Schriftsteller, zwei Berufe übrigens, die eine wesentliche innere Verwandtschaft haben, mit einer abenteuerlichen Geschichte bekannt wurde, die jener eingangs gerügten Veranstaltung bedarf, da die handelnden Personen noch unter den Lebenden weilen.
Ich übe meine ärztliche Praxis noch aus, obwohl sie recht bescheiden geworden ist. Nach meiner Erfahrung nahm das Vertrauen der Mitmenschen in meine ärztliche Kunst in dem Grade ab, in welchem das für meine Fabulierkunst wuchs, wofür ich volles Verständnis habe. Auch kam es immer häufiger vor, daß ich einen Patienten ahnungslos fragte, was ihm fehle, und er ein Manuskript aus dem Busen zog, um es mir vorzulesen. Es

handelte sich vorwiegend um hoffnungslose Fälle chronischer Sonettitis und Dramatorrhöe jambica.
Gestern nun saß in meinem Wartezimmer ein junger Mensch, der mir schon beim flüchtigen Hinsehen dank meiner vieljährigen Erfahrung an Varietäten der Spezis Mensch durch jene auserlesene Schönheit auffiel, darin sich der Schöpfer selbst in seinem Werke preist.
Der geduldige Wartende ließ den anderen Patienten höflich den Vortritt, offenbar in der Absicht, als letzter dranzukommen, so daß mir schon nichts Gutes ahnte. Vielleicht war er ein Lebensversicherungsagent oder am Ende ein Poet, obwohl er des Dichtens nach seinem Äußeren nicht bedurft hätte. Er sah, man bekommt allmählich einen Blick, jedenfalls nicht krank aus, will man nicht solche gefährliche Schönheit als Krankheit bezeichnen. Ich kenne derlei Fälle.
Er kam mir übrigens gleich bekannt vor. ›Wo‹, dachte ich mir, während ich eine langjährige, etwas schwierige Patientin begrüßte, ›wo in aller Welt hast du dieses Gesicht schon gesehen?‹ "Ich komme, Herr Doktor, nicht meinetwegen", sagte der junge Mensch, als er schließlich an die Reihe kam, "ich suche Ihren Rat wegen Charis."
Charis - ich habe unter Verschweigen des wahren Namens mich nach Durchkosten sämtlicher Vornamen für diesen entschieden - Charis, ein ungewöhnlich liebreizendes Geschöpf, ist eine Patientin von mir. Es handelt sich bei ihr um einen jener gottlob seltenen sehr merkwürdigen Zustände eines schmerzlosen, unaufhaltsamen Hinschwindens ohne irgendeinen nachweisbaren krankhaften Befund, also um einen der Fälle, angesichts deren die ärztliche Wissenschaft vor einem Rätsel steht.
Vor einigen Wochen war ich an das Krankenbett eines jungen Mädchens in der Mühlenstraße gerufen worden, wo mich eine komische ältere Dame empfing, die ich Tante Afra nennen will, was sie mir verzeihen möge, falls ihr dieser Bericht je vor die Augen kommen sollte.
Ihre unglückliche Nichte, so erzählte sie, sei in der herzoglichen Gemäldegalerie gewesen und gewiß infolge der in solchen Museen üblichen schlechten Luft ohnmächtig geworden und noch nicht zu sich gekommen.
Ich fand sie wie schlafend mit einem zufriedenen Gesicht. Der Puls war schwach. Als sie dann in meiner Gegenwart erwachte, schien sie erst angestrengt nachzudenken, dann errötete sie und entschuldigte sich, daß sie solche Dummheiten mache.
Nach den Regeln der Wissenschaft mußte sie in wenigen Tagen wieder gesund sein. Aber sie richtete sich nicht danach, sondern begann klaglos dahinzuschwinden, wie Schnee schmilzt. Ihr Herzschlag wurde immer zarter. Kein Mittel half.
"Sagen Sie mir die Wahrheit", bat mein Besucher.
Ich verwies auf die Wahrung meines Berufsgeheimnisses. Aber er schien dies erwartet zu haben. Er tat, während ich ihn argwöhnisch betrachtete, jenen verdächtigen Poetengriff nach der Brusttasche und übergab mir einen Brief. Er war von Charis. Mich als "lieber Herr und Freund" anredend, bat sie mich, den Überbringer gütigst anzuhören. Sie kenne nun den geheimen Grund ihres Leidens. Durch das Lesen meiner Bücher sei sie auf den vielleicht wunderlichen Gedanken verfallen, dem "zauberkundigen Genius" (so schrieb sie) die beiliegenden Papiere und die darin enthaltende Geschichte zu überantworten.
Es sprach ein so kindliches Zutrauen aus den Zeilen, das fast schon im Verlöschen war, in meine Hand, und nicht nur das ihre, sondern auch das des einnehmenden Jünglings, der vor mir saß.
Nicht an den Arzt so sehr wende sie sich, sondern an den, der einmal geschrieben habe, als es darum ging, in einer Erzählung ein drohenden Unheil zu wenden: "Ich will es tun, dir zuliebe. Das kann ich nämlich."
Sie nähme mich jetzt beim Wort.
Charis also schien allen Ernstes zu glauben, daß Poesie die Macht habe: "ein schauriges Verhängnis", so schloß sie, "das über dem Leben ihres Freundes walte, zu bannen und den unseligen Fluch von ihm (und ihr) zu nehmen".
Schöne Unglückliche, mich deucht, du verlangst etwas viel von mir! so ist es ja schließlich nicht, daß ich es nur zu schreiben brauche und es ist. Und wenn schon wirkliches Leben in die Dichtung eingehen mag, muß dann auch die Umkehrung zu Recht bestehen?
Freilich, der Künstler besitzt, zum guten Glück nur auf dem Papier, eine verführerische Macht über Leben und Tod seiner Gestalten, aber, so wie du dir das vorstellst, möchten dann nicht von ihm geschaffene Gestalten, schöne Charis, über des Dichters Leben und Tod Macht gewinnen? Und über sein Herz?
Sei's drum.
Mein Besucher hatte, das fühlte ich, versucht, aus meiner Miene über dem Lesen des Briefes meine Gedanken zu lesen.
"Kennen wir uns nicht?" frage ich ihn geradezu, "wenn mich mein Gesichtnis nicht trügt, habe ich Sie schon gesehen." Meine gewiß harmlose, freundlich vorgebrachte Frage schien ihn zu beunruhigen.
"O, bitte, nein", entgegnete er fast schroff, aber sich der Unziemlichkeit seines Betragens schnell bewußt werdend, fügte er, indem er einen größeren Umschlag, der wohl die vorerwähnten "Papiere" enthielt, betrachtet, artiger hinzu: "Ob Sie mich schon gesehen haben? Ganz so unwahrscheinlich ist es allerdings nicht. Meinen Sie dies?"
Nach solchen Worten setzte er sich ein wenig im Sessel zurecht, als ob er mir zu einem Bilde sitzen solle, neigte sein Antlitz ein wenig nach der linken Schulter, hob die linke Hand zur Brust, so daß die Fingerspitzen ungefähr die Gegend seines Herzens berührten, mit der anmutigen Gebärde der Unschuld also, und blickte mich in dieser Haltung eine Weile regungslos verharrend aus den Augenwinkeln traurig-hold und unbeteiligt an. Doch hätte es dieser Erinnerung gar nicht bedurft.
Sein Haarschnitt, seine Kleidung waren freilich verändert, doch das Gesicht war es, unverwechselbar. Es war freilich wunderbar genug, daß er nun endlich vor mir saß, den ich länger kannte, als es bei seinen jungen Jahren

möglich schien, dem leibhaftig zu begegnen ich mir immer gewünscht hatte. Doch es ist noch nicht an der Zeit, dem Leser das Geheimnis dieses Wiedererkennens zu entdecken.
"Vortrefflich", sagte ich, beinahe versucht, ihn du zu nennen, "aber demnach müßten Sie mich eigentlich auch gesehen haben."
Er gab es mit einem verstehenden Lächeln zu. "Eigentlich ja, sozusagen."
Dann zum Anlaß seines Besuches zurückkehrend fragte er mit einem so leidenschaftlichen Ausdruck, daß ich besorgte, er werde im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen. "Glauben Sie, daß Sie das Unheil wenden können?"
"Kranke, dem Tod Geweihte", versetzte ich, "haben zuweilen eine tiefere Einsicht in die den Lebenden oft so dunkel und verworren erscheinenden Zusammenhänge der Welt. Charis wird wissen, warum sie Sie zu mir geschickt hat."
"Sie haben Hoffnung?" fragte er, meine Hand ergreifend, Fast bereute ich meine Worte. Er möge mir die Freude machen, am morgenden Tag wiederzukommen.

Offenbar bin ich, unversehens, in den Strudel fremder Schicksale geraten, spät, an der Schwelle des Alters fast. Ich kann mir ausrechnen, daß mein Leben nach menschlichem Ermessen günstigen Falles noch seine zehn Jahre höchstens dauern werde. Darüber hinaus mußte sich die Wahrscheinlichkeit notwendigerweise von Monat zu Monat, von Woche zu Woche und schließlich von Tag zu Tag vermindern.
Ich zähle bedächtig die Zeichen des Alters. Fange ich nicht schon an, ein bißchen schrullig zu werden?
Auf meinem Schreibtisch steht seit kurzem ein Miniaturskelett, aus Elfenbein geschnitzt, mit beweglichen Gelenken nach Art jener Gliederpuppen, wie sie Maler verwenden, anatomisch getreu, eine überaus zierliche französische Arbeit, vermutlich durch Vesal beeinflußt. Ich spiele fast täglich mit dem elfenbeinernen Männlein und gebe ihm allerlei tänzerische Stellungen.
Auch der Magnetbaukasten gehört zu meinen Unterhaltungen, womit man gegen alle Gesetze der Statik aus stählernen Kügelchen, Klötzchen, Stäbchen und Nadeln allerliebste und geistreiche, der abstrakten Kunst nahestehende Gebilde ersinnen und bauen kann. Dieses Spiel besitzt eine große Anziehungskraft für mich und hat eine geheime Verwandtschaft mit einem anderen Spiel, das ich sehr liebe und das den Vorzug hat, in der Anschaffung sehr billig zu sein. Feder, Tinte und Papier ist alles, was man dazu braucht.
Jeder Mensch, ich nehme mich keineswegs dabei aus, wird mit den Jahren unweigerlich zur Romanfigur. Der Schriftsteller in Sonderheit wird durch seinen fleißigen Umgang mit Büchern gar selbst zum Buche, und ich habe zuweilen das vertrackte Gefühl, etwa von meinen Kindern nicht als Mensch, sondern als zweibeiniges Buch genommen zu werden. Sie lesen in mir, und

an komischen Stellen lachen sie sogar.
Zu meinen Alterseigenheiten zähle ich auch, daß ich fest davon überzeugt bin, die Beziehung zwischen Mensch und Kunstwerk sei gegenseitig. Ich glaube, daß bilder, die wir gern haben, uns wieder zu lieben vermögen oder uns ablehnen.
Ich bin gern alt. Ich finde, man hat mehr vom Leben. Aber ach, wenn man endlich gelernt hat, mit den Herrlichkeiten der Welt etwas Rechtes anzufangen, ist es gewöhnlich zu Ende. Das Leben ist doch gar zu kurz.
Täglich erfahre ich mehr eine der großen Gnaden des Alters, nämlich die Gabe weisen Entzückens an den Einfällen des Schöpfers, so etwa an den Reizen der Jugend, wie sie die liebliche Charis verkörpert (und ihr Freund) und wie man sie so beglückend nicht zu empfinden vermag, solange man selber noch jung ist.
Ich fange an, nachts lang wach zu liegen. Aber ich bin darüber nicht ungehalten. Dann beginnen meine Gedanken durcheinander zu zwitschern wie eine Vogelschar in der Krone eines alten Apfelbaums, und so entstehen meine Geschichten.
Ich kann sogar meine Träume beeinflussen, mir wünschen, von was und von wem ich träumen möchte, und es geschieht. Ich nenne es "Anträumen". Übrigens habe ich noch nie geträumt, daß ich ein alter Herr bin. Mein Traumalter liegt bei zwanzig Jahren. Doch kommt es leider vor, daß ich Traum und Wirklichkeit durcheinanderbringe. Das Leben erscheint mir von Tag zu Tag märchenhafter.
Eines fällt mir auf, je mehr ich mich dem Augenblick nähere, da: "... lautlos sich auftut das dunkle Tor zur Nacht", um so schwerer fällt es mir, die Gestalten in meinen Geschichten sterben zu lassen. Ich lasse lieber ein Wunder geschehen, um sie zu retten.

Solches erwägend nahm ich den versiegelten Umschlag zur Hand, der meinen vollen Namen trug. Er hatte von außen ein fast amtliches Aussehen, als enthalte er mindestens die Ernennung zum Staatsminister. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, vor einer lebenswichtigen Entscheidung zu stehen. In solchen Augenblicken tue ich es nicht anders, ohne erst das reinigende Brandopfer einer Zigarette zu entzünden. Dann öffnete ich den Umschlag.

Ungeachtet des traurigen Anlasses, mußte ich lachen. "Wenn Sie dieses Schreiben in Händen halten, weile ich vermutlich nicht mehr unter den Lebenden", so las ich mit heiterm Unmut. Aber die kluge Schreiberin führ fort: "Genau so, wenn mir recht ist, müssen solche Vermächtnisse beginnen." Und dann las ich weiter mit wachsender Teilnahme, dankbaren Herzens. Die in den Aufzeichnungen enthaltene Geschichte konnte Wort für Wort von mir erfunden sein.

Im Folgenden werde ich mich einmal der tagebuchähnlichen Aufschreibungen der liebenswürdigen Charis, zum andern eines an sie gerichteten, ausführlichen Briefes unseres schwermütigen Freundes

bedienen, des wesentlichen Teils der Papiere, zum dritten mag es der Leser meiner schöpferischen Unbescheidenheit verzeihen, wenn da und dort, besonders am Schlusse einige Glossen nötig werden sollten, wie es der weitere Verlauf der Ereignisse füglich ergeben möchte.
Mein Vorteil wird darin liegen, daß ich nach Einsicht in die Papiere die Zusammenhänge überschaue und daß ich, da die Zukunft des Geschehens in meine Hand gelegt ist, Sinn und Ordnung in den Gang der Geschichte bringen und Unwesentliches weglassen kann. Sprachlich glaubte ich jedoch nichts ändern zu sollen, was ich der Nachsicht des Lesers empfehle.

Elle fut tellement consumée
d'amour, qu'il ne resta
rien d'elle.


Meine geheimsten Gedanken will ich aufschreiben, die also, welche uns absichtslos entschlüpfen. Der "erste Eindruck" gehört dazu, den man von einem Menschen hat, die erste Empfindung. Wer denkt sie? Es sind die Gedankenkinder, die noch nicht durch die Kinderstube des Anstandes und die Besserungsanstalt der Vernunft gegangen sind, die "enfants terribles", die noch ungekämmten, unfrisierten Gedanken.
Manchmal erschrecken sie mich, die ich glaube herzensgut zu sein. Denn sie können abgründig böse sein, untermächtig. Aber es hilft nichts, sie fortzulügen. Ich will sie wahrhaben. Vielleicht sind sie mein wahres Ich, mein eigentliches Selbst.

Tante Afra sorgte heute wieder pünktlich dafür, daß der Tag mit etwas Unangenehmem begann. sie gehört zu den Menschen, denen beständig "vor der Götter Neide" graut. Ich kann mir einen neidischen Gott nicht vorstellen. Trotz ihrer ausdauernden Bemühungen gelang es ihr nicht, mich verdrießlich zu stimmen.
Ich muß mir ein Geständnis machen.
Ich liebe.
Gestern noch hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß ich solcher Gefühle einem Menschen gegenüber fähig wäre. Ich fand alle Menschen nur komisch.
Ich will ganz ehrlich mit mir umgehen, meine geheimsten Gedanken befragen und mein Herz prüfen.
Gestern schneite es. Kühe machen mich traurig, aber Schnee macht mich lustig. Ich stand zum Ausgehen bereit in einem weißen Pelzmantel und der Pelzmütze vor dem Spiegel und fand wie immer, daß ich sehr hübsch sei. Tante Afra (und die Welt) halten mich für schrecklich oberflächlich, weil ich der Ansicht bin, nett auszusehen genüge vollauf zu meiner Daseinsberechtigung. Es ist ein sehr angenehmes Gefühl, hübsch zu sein. Das ist mein bescheidener Beitrag zum Wohle der Gesamtheit. Asoziale Schönheit. Ich habe kein schlechtes Gewissen dabei. Ich gebe mir wirklich

Mühe, nur an gute und schöne Dinge zu denken.
Ich hatte das Fenster geöffnet. Plötzlich flog eine Meise ins Zimmer, prallte gegen den Spiegel und blieb sterbend zwischen meinen Toilettensachen liegen. Ich sah ihr dabei zu und wußte ihr nicht zu helfen bei ihrem winzigen Tod. Manchmal schlug sie die Augen auf, bewegte das Schnäbelchen, und ich sah das Zünglein sich regen. Wenn ich meinen Finger an das zuckende Bein brachte, krallte sie sich daran fest. Ich legte sie in ein Körbchen, deckte sie warm zu, hoffend, daß sie sich wieder erhole. Sie ist gestorben.
Das Sterben der kleinen Blaumeise, denn sie starb nicht anders als ein Mensch, ging mir nahe. Heute, da ich darüber nachsinne, scheint es mir fast, als ob das Denken an den Tod mich besonders empfänglich dafür gemacht hat, zu lieben.
Im Hause gegenüber ist ein neuer Mieter eingezogen. Ihm bin ich gestern zum ersten Male begegnet.
Er fiel mir sofort auf unter den vielen Menschen, unter allen Menschen, die ich je sah. Er unterschied sich so sehr von ihnen schon in seinem Gang, in seiner Gestalt und, als er näher kam, auf mich zu, als ich ihm ins Antlitz schaute und er mir, wußte ich, daß ich ihn liebte, so als sei mein ganzes Leben nur um dieses Augenblickes willen geschehen, so als hätte ich ihn von Ewigkeit her geliebt. Warum er, von dessen Dasein auf Erden ich eine Sekunde vorher nichts wußte, zu mir gesagt hätte, ich liebe dich, ich wäre mit ihm gegangen bis ans Ende der Welt, ohne mich umzusehen, was auch Tante Afra von mir denken würde. Wirklich kam er ganz nahe heran, mich immerzu ansehend, als ginge es ihm genau wie mir. Aber plötzlich blieb er stehen mit einem Ausdruck unendlichen Verzichts, kehrte um und schritt eilends davon.
Das ist der Anlaß, warum ich Tagebuch zu schreiben beginne wie ein Backfisch.
Ich lasse es mir nicht nehmen, daß diese Begegnung nichts anderes war als ein Wiedersehen und Liebe nichts anderes als eine wiedererwachte Erinnerung. Es ist ein Wiedererkennen. Wie könnte es denn sonst geschehen, daß dieses Ansichtigwerden genügte, um mir jede Einzelheit seiner Erscheinung so unvergeßlich zu machen, so daß mich nichts mehr an ihm zu überraschen vermag. Ich weiß, daß seine Stimme, die ich nie gehört, sein Lächeln, das ich nie gesehen, mich nicht enttäuschen wird, und ich bin sicher, daß sein Antlitz nur das sichtbare Abbild seiner schönen Seele ist.
Ich fühlte sogleich, daß dies die Liebe ist, von der in den Büchern so viel Rühmens gemacht wird.

Ich bin sehr glücklich. Aber ich bin unfähig, irgend etwas Vernünftiges zu tun. Ich habe ein großes Verlangen nach schöner Musik und, worauf ich bisher nie verfallen wäre, ein Gedicht zu machen. "Ich bin dein unwandelbar" so beginne ich, aber sonst will mir nichts weiter einfallen.
Was tue ich den ganzen Tag? Ich warte. Ich versuche zu lesen. Ich besitze noch viele ungelesene Bücher. Ich verlasse mich darauf, daß sie sich zu

rechter Zeit von selber rühren werden und gelesen sein wollen.
Heute war es eines, das ich sehr oft in die Hand genommen und wieder weggelegt hatte. Aber es hatte sich mir bisher immer versagt. Jetzt aber schien es ungeduldig, gelesen zu werden, und es war, als verstände ich erst jetzt seine schöne Sprache. Es heißt: "Praxedis". Es ist eine einfache Liebesgeschichte, in der eigentlich nichts passiert. Es ist "süßes Gift".

Manchmal bilde ich mir ein, ich sei einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen und die Begegnung habe gar nicht wirklich stattgefunden. Aber was findet überhaupt in "Wirklichkeit" statt? Die Wirklichkeit eines Bildes, wo ist sie? Die Leinwand, die Farben sind wirklich, aber das Bild selbst, seine Erscheinung ist nur ein Hauch, es ist so gut wie nicht vorhanden.
Wäre es möglich, daß ich es mir nur eingebildet hätte, ihm begegnet zu sein? Oder aber daß er mir als der Herrliche erscheint, wie denn die Liebe aus völlig nebensächlichen Menschen wahre Engel und Genien macht. Ich sehe ihn so. Niemand fühlt und sieht das gleiche, was der andere fühlt. Dieser Baum ist ein anderer, wenn ich ihn sehe. Es gibt gottlob keine zwei völlig gleichen Dinge in der Welt.

Ich habe ihn wiedergesehen, unbemerkt von ihm. Er war noch schöner als das erste Mal. Er ging an meinem Fenster vorüber
Ich weiß seinen Namen. Es ist nicht so, daß ich kein Verständnis für die komische Seite meines Zustandes hätte. Woher weiß ich seinen Namen? Von Tante Afra. Sie weiß alles.
"Er heißt Olifant", sagte sie unvermittelt bei Tisch, als sei die ganze Zeit von nichts anderem die Rede gewesen. Ich wußte sofort, wen sie meinte. Aber ich stellte mich dumm. "Wer heißt Olifant?" fragte ich. "Wer? Wie du nur so fragen kannst! Unser neuer Nachbar natürlich Ich brauche nichts dazu zu tun. Meine Tante scheint wirklich alles zu wissen, was in unserer Straße geschieht. Sie weiß daß Olifant ein sehr bescheidener, sehr ruhiger Mieter ist, daß er selten ausgeht (das wußte ich auch) und keine Besuche bekommt, daß er die Kunst liebt und daß man sonst leider gar nichts von ihm weiß, weshalb ihn manche für einen Prinzen incognito, andere für einen gesuchten Massenmörder halten.

Ach Olifant! Warum gehst du mir geflissentlich aus dem Weg? Denn es kommt mir allmählich wirklich so vor. Ich trete im gleichen Augenblick aus dem Hause wie du. Du hast mich gesehen. Leugne es, wenn du kannst. Du bist ein liebenswerter Mensch, aber ein sehr mäßiger Schauspieler. Plötzlich fällt es dir ein, daß du etwas vergessen hast. Gut, daß es dir einfiel, und du kehrst in der Türe um. War es nötig, daß du dich dabei mit flacher Hand vor die Stirn schlugst?

Was soll das nur. Olifant trägt seit neuestem eine Sonnenschutzbrille, was die Nachbarschaft sehr aufregt. Offenbar will er sich unkenntlich machen.

Er verschmäht mich. es ist Frühling geworden. Und meine geheimsten Gedanken - wichtiger wäre es, seine geheimsten Gedanken zu kennen
Das Dinggefühl im Menschen muß sehr stark sein. Er fühlt als Glas, wenn es Scherben gibt, als Holz, wenn es brennt. Jedenfalls wird ein verwandtes Gefühl verletzt, wenn etwas zerbricht. Ich zweifle nicht, daß ein Glas Schmerz empfindet, wenn es zerspringt. Ich kann es ihm gut nachfühlen, wie weh es tut.

Ich hatte gemeint, ich würde unendlich viel zu schreiben haben. Ich habe nur noch einen geheimsten Gedanken.

Zwischen Traum und Wachen hörte ich ganz deutlich die mir schon so wohlbekannten Schritte aus weiter Ferne näher und näher kommen. In dem Augenblick, da sie unter meinem Fenster angekommen sein mußten, sah ich auf die Straße. Aber du warst nicht da. Die Schritte waren verklungen. Es war etwas nach halb sechs Uhr. Mir wurde bang ums Herz. Es kann nicht anders sein, als daß du an mich gedacht hast.

Ich bin krank. Tante Afra hat den Arzt geholt. Sie selber sagte: Zugezogen. Aber er konnte nichts finden.
Er ist ein hagerer bebrillter alter Herr mit einer großen Hakennase und einem verwunderten Gesicht. Tante Afra behauptet, er sei der Verfasser der Erzählung "Praxedis", was mich sehr enttäuscht hat. Ich hatte ihn mir darnach ganz anders vorgestellt, vor allem viel jünger, mehr wie Olifant. Er ist wortkarg und sagte nur: Hm, als ich ihm erzählte, was mir zugestoßen ist. Ich habe ihm natürlich nicht alles erzählt.
Ich war in die Stadt gegangen, wie so oft in letzter Zeit in der Hoffnung, Olifant zu begegnen. Zweimal hatte ich Glück gehabt, einmal im Theater, wo ich, unbemerkt von ihm, ihn lange beobachten konnte, ein ander Mal im Omnibus, wo er allerdings sehr bald ausstieg.
Heute hatte ich es einmal mit der Kunstgalerie versuchen wollen, die ich noch nicht kannte, ohne Tante Afra, die sich nichts gönnt.
Ich hatte ziemlich lange vor den Kurtisanen von Carpaccio gestanden, dessen seltsamen Frauen, die sichtlich nichts zu tun haben. Sie starren ausdruckslos vor sich hin. Sie warten. Worauf warten sie? Es ist ein sehr deutliches, gegenständliches Bild und doch von einer fast unheimlichen Unwirklichkeit. Plötzlich fühlte ich mich angesehen und wandte mich um. Es war außer mir niemand im Saal. Ein Bild sah mich an, ein Bild - und von diesem Augenblick an wußte ich nichts mehr von mir, bis ich in meinem Zimmer erwachte.
Es war Olifants Bildnis. Botticelli hat es gemalt. Ich erkannte ihn sofort, trotz der Florentiner Tracht und der bis auf die Schultern fallenden Haare. Sein Gesicht ist ein klein wenig nach der linken Schulter geneigt, die linke Hand ruht in der Gebärde der Unschuld locker auf der Brust, so daß die Finger von ungefähr die Gegend seines Herzens berühren. Er war es, diesen

Mund gab es nur einmal, diese holdtraurigen Augen, diese etwas hochfahrenden Brauen, diese birkenrindenzarte Haut.

Ich habe ein anderes Buch meines Doktors gelesen. "Igelgedanken" nennt er es. Es sind unterhaltende Betrachtungen, in denen ich manches entdeckte, was ich mir auch schon gedacht habe. Zum Beispiel: "Es lächelt dazu der in jedem Sterblichen vorgebildete Engel." Gerade das ist es, was ich bei meinem gegenwärtigen Zustand empfinde. Einen seiner kleinen Einfälle habe ich selbst schon ausprobiert: Zum Zähneputzen den Pilgerchor aus dem "Tannhäuser" zu brummen. Es klingt recht hübsch, beinahe orchestral.
Mein armer Arzt zerbricht sich den Kopf, was mir fehlt. Ich könnte es ihm sagen. Ich bin hoffnungslos liebeskrank. Ach Olifant, unnahbarer Nachbar, wenn es noch lange währt, dann werde ich bald "Sternepflücken gehen" wie es einmal mein poetischer Arzt in seinen "Igelgedanken" so nett ausdrückt.

Seitdem ich Olifant sah, langweile ich mich nicht mehr. Ich beschäftige mich mit der Frage der Palingenesie.

Natürlich bin ich eifersüchtig. Ich bin dem Kamm neidisch, der dein Haar strählt. Tante Afra macht mir dauernd Vorschriften, wie ich krank zu sein habe und wann und wo mir etwas weh zu tun hat.
Aus den "Igelgedanken"; Leben ist ein ungenauer Begriff. Wir können es mit gleichem Recht unser Sterben nennen. Es sollte wie jene norddeutsche Stadt eigentlich Totleben heißen.

Mein Federbett hat eine beziehungsvolle Ähnlichkeit mit einer weißen Wolke.

Tante Afra hat beim Apotheker, als sie auf die mir verschriebene wohlschmeckende, aber gänzlich wirkungslose Medizin warten mußte, von einem Liebeszauber gehört: Man braucht nur einen Kaminkehrer (es muß ein junger, hübscher Bursche sein) mit dem Finger antippen, dann zu dem Menschen gehen, dessen Zuneigung man gewinnen möchte, und ihn mit dem rußigen Finger auf die Nase tupfen, daß sie schwarz davon wird. Es soll ein oft erprobtes, sicheres Mittel sein. Ich sehe mich schon — — — —

Tante Afra, die in großer Sorge um mich ist, erzählte mir, sie habe als unglücklich verliebtes Mädchen - Tollkirschen eingemacht - für alle Fälle.
Ich bin sehr krank. Ob es Olifant weiß? Die ganze Straße spricht davon

Ich habe einen Brief von Olifant bekommen! Einen sehr - sehr langen Brief. Mit einem dicken Strauß - Gänseblümchen -, die ich sehr liebe. Er muß sich viele hundert Mal gebückt haben. Abends, wenn die Sonne untergeht, schließen auch sie sich und hängen die Köpfe. Ich habe ihm geantwortet: Komme!

Ich will Olifant mit diesen Blättern und seinem Brief zu meinem Doktor schicken. Oder - doch nein, für ihn ist keine Gefahr. Er ist alt und weise. — —


Hm. So alt und weise bin ich nun auch wieder nicht. Ich muß einschalten, daß ich zu ahnen beginne, warum Olifant eine blaue Brille trug und warum Charis sterben soll.

Nun will ich lesen, was Olifant schreibt. Seine Schrift ist wie er. Es ist eine ungemein anmutende Schrift:
"Ein Gesetz waltet, daß die Natur sich immer wieder auf das Schöne besinnt. Sehet doch die Menschen an und die Mannigfaltigkeit der Bildung ihrer Gesichter, darunter der mißratenen, unansehnlichen, häßlichen so viel sind, immer wieder geschieht das unerforschliche Wunder, daß aus dieser tausendfältigen Vermählung einer in untadeliger makelloser Schönheit hervorgeht. Desgleichen waltet ein Verhängnis, daß, wie aus der Unsumme des Häßlichen und Gewöhnlichen dennoch ein Vollkommenes kommt, so aus dem Schönen, das mit dem Schönen sich vereint, ein Häßliches.
Meine Eltern sollen ein schönes Paar gewesen sein, aber ich war mißglückt. Dabei war ich keineswegs mißgestaltet oder von jener gewissen gesunden oder geistvollen Häßlichkeit, mit der man sich aussöhnen kann. Ich hatte nur ein höchst unglückliches Äußeres, eine dünne, graue, unreine Haupt, dürftige Haare und verkümmerte, ungute Augen. Ich hatte nicht mehr Lippen als eine Katze und Zähne, die waren einander ständig im Wege und drängelten sich, als hätte ich eine Handvoll Sonnenblumenkerne in den Mund genommen. Zur Grimasse wurde, was man bei anderen Lächeln nennt. Ich war nicht dumm, aber taktlos. Ich hatte eine boshafte Zunge und eine unmelodische Stimme, die mich meinen Mitmenschen nicht angenehmer machte. Ich war ein Gespött der Sterne, einer von dem der Volksmund sagt: Den schaut Gott nicht an.
Niemand mochte mich. Ich hatte kein Glück in der Liebe. Ich hatte keinen Freund. Ich hieß Edwin, ein Name, den ich haßte. Einsam und ungeliebt wuchs ich auf.
Dabei hatte ich ein schönheitsdurstiges, nach Zärtlichkeit verlangendes Herz. Ich glaube, daß es keinen Sterblichen gibt, der so wie ich wußte, was Schönheit bedeutet, und niemanden, dem sie so viel Schmerz bereitet hat.
Ich betete zu Gott: Gib mir ein anderes Gesicht!
Ich wußte längst, wie ich am liebsten ausgesehen hätte, wie jener florentinische Jüngling nämlich, dessen Bildnis, teures Mädchen, in der herzoglichen Galerie des Sogno dich so erschreckt hat, jenes Brustbild, Botticelli hat es gemalt. Der schöne junge Mensch hatte es mir vom ersten Anblick "angetan". Das schwermütige Antlitz ist ein wenig zur linken Schulter geneigt. Ruhig, zurückhaltend ist der Blick der Augen, während er die linke, sehr schmale Hand lässig zur Brust hebt, daß die Finger in die Gegend seines Herzens deuten, mit einer um Vergebung bittenden Gebärde.

Dieser Mensch schien das wahre, eigentliche Abbild meiner Seele zu sein, um das ich betrogen war.
Ich nannte ihn Olifant. Vielleicht hieß er zu seinen Lebzeiten ganz anders: Giovannino, Virginio oder Arcadio.
Eine Zeitlang bildete ich mir allen Ernstes ein, wenn ich mein ganzes Sinnen darauf richtete, diesem Antlitz ähnlich zu werden, so könnte ich mein mißlungenes Gesicht im anverwandeln, von innen her, durch eine Art Transfiguration. Ich wähnte, daß es ein ganz herrliches Gefühl sein müsse, wie er zu sein. Aber wenn ich dann in den Spielgel blickte, um zu prüfen, ob sich meine Züge schon ein wenig den seinen anbequemen, ob meine Sehnsucht es umformen wolle, dann merkte ich, daß ich häßlich war wie nie zuvor. Ich wunderte mich, daß der Siegel meinen Anblick ertrug, ohne zu zerspringen.
Mein Herz verödete. Zuweilen kamen mir finstere Gedanken, und eines Tages, dem letzten Tag des Karnevals, beschloß ich, meinem liebeleeren Dasein ein Ende zu machen.
Ich erwog die Möglichkeiten des Todes und entschied mich dafür, "ein Loch ins Wasser zu machen", also die Art zu wählen, deren sich gemeinhin hoffnungslos Liebende zu bedienen pflegen.
Gegen Abend mußte es sein zu der mir wohlbekannten Stunde der Stunde der Schwermut und des Lebensüberdrusses. Es kam darauf an, mich selbst zu überlisten. Denn wenn ich mir vor dem Einschlafen fest vorgenommen hatte, morgen wirst du es tun, dann erwachte ich leidlich zuversichtlich und freute mich des Lebens wieder, so daß ich allerlei Ausreden fand, die mir erlaubten zu bleiben. Lebensmüde lassen sich von dem verzweifelten Schritt gern abhalten und neigen dazu, der Welt noch eine letzte Gelegenheit zu geben: ›wenn jetzt jemand käme‹, dachte ich, ›und spräche: Wo willst du hin? Bleibe! so will ich es noch einmal versuchen.‹ Auch verrichtet man noch allerlei alltägliche Dinge, die vom Tode her gesehen ach so unwichtig erscheinen. Abschiedsbriefe fielen für mich weg. Ich hatte niemanden, von dem ich Abschied nehmen brauchte. Dennoch - so ist der Mensch, und Unglückliche werden es nicht für abwegig halten -, ich überlegte, ob ich mich vorher noch sollte rasieren lassen. Ein Friseurladen befand sich auf dem vorhabenden Weg zum Kanal, wie ich wußte. Monsieur Chaufroid - so ein Name vergißt sich nicht so leicht - war der Inhaber, Theaterfriseur und Maskenhändler.

Den Kanal hatte ich für meine Tat bestimmt, weil nicht weit davon Fides wohnte, ein schönes, etwas lockeres Mädchen, das in einer Anwandlung von Mitleid etwas freundlicher zu mir gewesen war als die anderen Menschen. Ich beging die Torheit zu hoffen, fand mich aber, als ich ihr meine Liebe gestand, mit so herzlosen Worten zurechtgewiesen, daß sie mir geradezu als Todesurteil erschienen. Ich hatte bei meinem traurigen Unternehmen den Hintergedanken, daß Fides meinen Tod auf dem Gewissen haben solle, und die leichte Hoffnung, sie würde um mich trauern. Ich glaube nicht der einzige zu sein, der in meiner Lage so denkt.
Der Kanal ist ein sehr ruhiges, finsteres Wasser. Ich bückte mich hinab. Ich sah mich und, mag nun meine Einbildungskraft oder das kaum bewegte Wasser diese freundlich Täuschung bewirkt haben, das Gesicht in der Tiefe ähnelte dem Olifants.
Eins mit ihm zu werden, ließ mich fallen. —
"Und welche Maske wünschen der Herr?" fragte Monsieur Chaufroid. Ich saß in seinem Friseursalon. Vermutlich hatte ich doch das lächerliche Vorhaben, mich vor meinem Ende rasieren zu lassen, ausgeführt und war ein wenig eingenickt.
"Welche Maske?" Ich schaute mich verwundert um, während der Meister persönlich mir das weiße Leintuch umtat und mit eiskalten Fingern ein Wattewürstchen rings in den Halsausschnitt stopfte.
Es war ein schmaler, langer Raum mit vielen hohen Spiegeln und jenen wohlbekannten, behaglichen Sesseln mit verstellbaren Nackenstützen, hydraulisch und nach Bedarf zu heben und zu senken, also den modernsten Anforderungen an das kosmetische Gewerbe entsprechend. Sie waren so gesetzt, daß in der Mitte ein Gang frei blieb und die Kunden mit den Rücken gegeneinander saßen. Es herrschte, des Karnevals wegen, Hochbetrieb. Aber alles geschah fast geräuschlos.
Ich sah mich von vorne, den rückwärts sitzenden Kunden von hinten und von vorne, mich von hinten und so fort in unendlicher Spiegelung und so auch meinen Nachbarn zur Rechten und Linken und deren Antipoden und die mit ihnen sich beschäftigenden oder auf leisen Sohlen hin und her huschenden Gehilfen und Lehrlinge vervielfacht, vertausendfacht und genauso die Lichter. Es war ein funkelnder, festlicher Anblick, um so mehr als alle Kunden feierlich in ihre weißen Talare gehüllt waren und die Bedienung weiße Jacken trug.
Monsieur Chaufroid hatte ein altes, auffallend nacktes Gesicht, so nackt, daß es beinahe kein Gesicht mehr war. Es mochte sich durch seinen Beruf, seinen ständigen Umgang mit immer anderen Gesichtern allmählich abgenützt haben. Er war völlig kahl, seine Brauen und Wimpern farblos und so zart, daß sie ebensogut hätten fehlen können. Fast farblos in ihrer rosigen Blässe waren auch seine Haut und seine sehr hellen wasserblauen Augen.
"Welche Maske wünschen der Herr gemacht zu haben", flüsterte der Meister. Während ich im Spiegel mein widerwärtiges Selbst in aller Ruhe betrachtete, antwortete ich leichthin: "Machen Sie mir bitte die Maske des Jünglings von Botticelli im herzoglichen Museum." Ich durfte annehmen, dass er sie nicht kenne.
"Sogleich", antwortete er zu meiner Verblüffung, "sogleich, O ja! Welch zauberhaftes Bild! Und doch, ich möchte es dem Herrn nicht empfehlen. Wirklich nicht "
"Ich dachte es mir gleich, daß Sie es nicht können."
Das kränkte Monsieur Chaufroid sichtlich.
"Sagen Sie das nicht, junger Herr, sagen Sie das nicht. Ich bin Künstler in meinem Fach. Ich würde Ihnen lieber vorschlagen — —"
"Nein", unterbrach ich ihn und machte Anstalten, mich zu erheben, "diese Maske und keine andere."
Chaufroid sah mich abschätzig an, als wolle er sagen, ich kann es ja verstehen. Dann mit einem bedauernden Achselzucken gab er nach. "Wie Sie wünschen. Auf Ihre Verantwortung."
Er wusch sich erst sorgfältig die Hände, hierauf nahm er einen Katalog zur Hand, blätterte darin und winkte einen Lehrling herbei, der wie ein Ministrant aussah mit seinem frommschlauen Engelsgesicht. "Hyazinth, das Kostüm für diesen Herrn." Er wies ihm eine Nummer.
Ein wenig zurücktretend nahm mich der Meister noch einmal prüfend in Augenschein und besann sich.
Dann mich behutsam bei den Ohren greifend, nahm er mein Gesicht ab und legte es auf den weißen Marmor neben das Waschbecken. Ich hatte es mir nicht so einfach vorgestellt. Es tat kein bißchen weh. Ich empfand nur einen leisen Stich in der Herzgegend. Chaufroid trat zur Seite, den Spiegel freizugeben. Statt meines mißglückten Gesichts blickte mich daraus das schöne, von holder Traurigkeit verklärte Antlitz jenes Jünglings an.
Welche Veränderung! Ein unendliches Wohlgefühl süßer Schwermut durchströmte mich.
›Jetzt bin ich du‹, dachte ich. Ich sah im Spiegel, daß des Jünglings Augen sich vor Freuden mit Tränen füllten. Jedem brachte der der Engel Hyazinth - es fehlten ihm nur die Flügel - das gehörige Kostüm und geleitete mich in eine Ankleidekabine, wo er aufs schicklichste mir beim Umziehen zur Hand ging.
Es war bei Faden genau Olifants mir wohlbekanntes Kleid. Das zinnoberrote Mützchen, der schmale Pelzbesatz am Hals, die über den Schultern geschlitzte Ärmelnaht, damit das weiße feine Zeug, einen kleinen Bausch bildend, sichtbar wurde, als einziger Zierrat des von Dyck-braunen Wamses. Dazu die enganliegenden mausgrauen Beinkleider und ein lederner Beutel am Gürtel zu tragen, der, wie ich erst später wahrnahm mit blanken Golddublonen gespickt war, gut erhaltenen Stücken mit dem Bildnis Cosimo des Prächtigen, die allein schon durch ihren Goldwert, mehr noch aber — denn ich verstehe mich etwas auf Numismatik — durch den Sammlerwert ein kleines Vermögen bedeuteten.
Als ich in den Salon zurückkehrte, fühlte ich, wie alle Gesichter sich mir zuwandten. Ich dankte Monsieur Chaufroid, der mich mit einer Miene, in der Künstlerstolz und Besorgnis miteinander stritten, musterte, zahlte, nahm meine Kleider, die der Lehrling sehr ordentlich in ein Bündel verpackt hatte und schenkte ihm zum Andenken eine Dublone, wofür er mir die Hand küßte, und verließ den Laden, ein anderer Mensch.
"Signorino" rief mir Chaufroid nach, "Signorino, sie vergaßen."
Ach, natürlich mein ehemaliges Gesicht, mein Abziehbild. Ich nahm es und steckte das Ding zu mir. Es war nicht anders als jene Gazemasken, wie sie reihenweise im Schaufenster hingen.
Unwillkürlich, als wirkte trotz der wunderbaren Verwandlung in der Unterströmung meines Ichs die Absicht, "ein Loch ins Wasser zu machen", noch nach, hatte ich den Weg zum Kanal eingeschlagen. Was sollte ich jetzt noch dort? Ich trat ans Wasser und warf einer plötzlichen unseligen Eingebung folgend, die Maske und das Kleiderbündel hinein, die augenblicks und gegen die Natur darin versanken, als hätte in der Nacht der Tiefe jemand nur darauf gewartet, sie hinabzuziehen. Schaudernd wandte ich mich ab und eilte der Stadt zu. Es gelüstete mich sehr, unter Menschen zu gehen.
In Meister Chaufroids Salon war von dem großen Künstlerfest im Hotel Cherubin erzählt worden. Wie's der Zufall will, kam gerade eine leere Droschke vorübergezottelt, einer jener wenigen Pferdewagen, die es in unserer Stadt noch gibt und wie sie eigentlich nur noch bei Hochzeiten dem rascheren Auto vorgezogen werden. Ich rief sie an, und der uralte, schläfrige Kutscher brachte seinen Schimmel zum Stehen. "Zum Cherubin?" fragte er, als wüßte er schon Bescheid. Als Antwort sprang ich in den Wagen. Er hatte Gummiräder, und es war ein angenehmes Gefühl, so ruhig dahin zu fahren wie in einem Schiff, vor mir das Geplätscher des Hufschlags. Zum guten Glück hatte ich in der Ankleidekabine noch rasch mein Geld zu mir gesteckt. Es wäre die Echtheit zu weit getrieben gewesen, hätte ich meine Eintrittskarte mit Florentiner Münze bezahlt. Ich nahm eine Loge, bestellte Sekt und sah das Maskentreiben. Schon beim Eintreten, als ich durch die tanzenden Paare schritt, merkte ich, daß meine Maske Aufsehen machte. Ich wurde mit Konfetti überschüttet und war das Ziel vieler Luftschlangen.
Ich hatte mir vorgenommen, mich abwartend zu verhalten und mir eine völlig teilnahmslose Miene zu geben. Denn eine gewissen Scheu war mir geblieben, eine Ungläubigkeit, die mich veranlaßte, von Zeit zu Zeit in den Spiegel zu sehen. Nicht daß ich Reue empfunden hätte, mein angeborenes Gesicht so leichten Herzens von mir getan zu haben, aber ein heimliches Schuldgefühl und Mitleid für den mißglückten Bruder wurde ich nicht los.
"Warum so traurig, schöner Fremdling", sagte eine mir wohl vertraute, sanfte Stimme. Kühle Hände hielten mir von hinten die Augen zu. Schon war ich versucht, die Hände mir vom Gesicht zu reißen und den mir vor kurzem angetanen Schimpf gehörig heimzuzahlen. Mir? Ihm, meinem einstigen Ich. Ein wenig aber wollte ich meinen Triumph doch auskosten. Fides hielt mir noch immer die Augen zu, während sie mit dem kleinen Finger ganz sachte meine Wangen streichelte. Ich hatte ihre lieblosen Worte nicht vergessen und sie ohne weiteres bei ihrem Namen nennend, wiederholte ich, Edwins Stimme so gut ich's vermochte nachahmend, wortwörtlich, was sie mir vor wenigen Tagen gesagt hatte: "Ich würde mit diesem Gesicht keine Minute länger leben wollen."
Fides ließ sogleich die Hände fahren und sah mich, da ich ihr mein Gesicht, Olifants Gesicht, lächelnd zuwandte - mit so entsetzten Augen an, daß sie mir leid tat. Ich begriff auf einmal, wie sie aus dem Bewußtsein ihrer Schönheit das hatte sagen können.
Ich küsste sie. Ich hatte noch nie geküßt. Aber, o Wunder, ich konnte es.
Woher ich ihren Namen wisse, woher die schrecklichen Worte, die sie vor kurzem einem Elenden, so drückte sie sich aus, gesagt hätte.
Ich tat verständnislos. Ob ich ihn kenne? So wenig wie mich selbst, erwiderte ich. Allmählich beruhigte sie sich.
Wir liebten einander. Es war ein herrliches Fest. —
Im Karneval ist das Gesetz der Zeiten aufgehoben. Als ich gegen Morgen nach Hause ging, sah ich den Gott Apoll mit einem Chinesenmädchen vom Tanze dampfend in ein Auto steigen.
Erst als ich vor meiner Wohnungstür stand, wurde mir so recht klar, daß ich nicht mehr Edwin war und also nicht mehr zurückkehren konnte. Aber es verlockte mich doch, die Wirkung meiner Verwandlung zu erproben. Ich läutete.
Meine Hauswirtin öffnete. Sie erkannte mich nicht.
"Ich wollte nur fragen, ob ich zu Hause bin", sagte ich harmlos.
Sie zeigte kein Verständnis für meinen Scherz. Ich solle mich weiß Gott schämen, in einem solchen Aufzug in ein Trauerhaus zu kommen. Ihre Antwort konnte mich kaum überraschen.
"Doch nicht Edwin?"
Sie nickte. Er habe den Tod in den Wellen gesucht, erwiderte sie, und da sie wohl selber merken mußte, daß ihr das Unglück beim besten Willen nicht sonderlich naheging, fügte sie gefaßt hinzu: es sei wohl für ihn das beste. Er hatte so niemanden.
Er hatte niemanden. Ich wußte nur zu gut, daß ich auch kein angenehmer Mieter gewesen war. Es weinte ihm niemand eine Träne nach. Er wird schnell vergessen sein, als hätte er nie gelebt.
"Armer Edwin", sagte ich. Nachdem ich mich noch nach Tag und Stunde der Beerdigung erkundigt hatte, verließ ich die Frau und meine ganze Habe. Denn ich konnte mich schließlich nicht gut selber beerben.
Ich ging zu Monsieur Chaufroid. Es war noch früh am Tage, und der Lehrling Hyazinth kehrte gerade den Laden. Er freute sich sichtlich, mich zu sehen.
"Was machen wir nun", sagte ich, ohne weiteres annehmend, daß er wisse, in welcher Verlegenheit ich mich befand.
Wie ich nur so leichtsinnig hätte sein können, die Maske in den Kanal zu werfen. Sein Herr sei sehr böse auf mich. Er könne ja in die größten Ungelegenheiten kommen. Die Polizei sei schon dagewesen.
Es fehlte bloß, daß man mich unter dem Verdacht, Edwin beseitigt zu haben, verhaftete. Da stand ich nun, ich armer schöner Olifant, mit nichts als dem allerdings überaus kleidsamen Faschingskostüm auf dem Leibe, ohne Obdach, ohne Papiere.
"Mein Meister wird Ihnen helfen", tröstete mich der gefällige Hyazinth.
Leider mußte ich mich entschließen, das schöne, bis auf die Schultern fallende Haar abschneiden zu lassen, und ich weiß nicht, wer darüber betrübter war, Hyazinth oder ich. Ich brauchte keine Angst zu haben, daß er

mir zuviel wegnehmen würde.
Während er mir noch das Haar strählte, mit großer Zärtlichkeit und, wie mir vorkam, länger als nötig dabei verweilend, betrat der Meister den Laden und brachte mir die Papiere, die ich brauchte, wobei, ich ahne nicht, woher er es wußte, meines Vornamens Olifant nicht vergessen war.
"Sind Sie mir sehr böse, lieber Meister?" fragte ich ihn. Er sah mich nicht böse, sondern nur bekümmert an. Einen Augenblick schien es mir, als wolle er sprechen (und ich wollte, er hätte es getan), aber dann, meinen Dank fast unwillig abwehrend - "o nichts zu danken", - überließ er mich den Händen Hyazinths.

Es ist schon ein eigenes Gefühl, persönlich bei seiner Beerdigung zugegen zu sein. Wir waren nur zu dritt. meine frühere Hauswirtin, Hyazinth und ich. Ich weiß nicht, warum der Bub so herzbewegend weinte, daß mir selber ganz windelweich zumute wurde. Ich strich ihm begütigend übers Haar. Er sah zu mir auf mit dem rührend-vorwurfsvollen Ausdruck, wie ihn Kinder haben können, die unschuldig eine Strafe leiden. —
Was Monsieur Chaufroid mir hatte sagen wollen, - es dauerte lange, bis ich es selber inne wurde.
Einstweilen lebte ich frohgemut "in Saus und Braus". Ich hatte ein märchenhaftes Glück in der Liebe, ich hatte Freunde, meine Unternehmungen nahmen den günstigsten Verlauf. Ich war, Edwins dankbar eingedenk, großherzig gegen die Mißglückten.
Allein ehe noch ein Jahr verging, viel ein Schatten auf mein Glück.
Meine muntere Freundin Fides kam bei einem Schiffsunfall ums Leben. Sie war sehr entstellt. Nicht lange darauf ließ mich Chaufroid rufen, da Hyazinth nach mir verlange. Ich fand ihn sehr krank, und obwohl die Ärzte sehr zuversichtlich waren, stieg die Kälte von seinen Füßen zu seinem freundlichen Herzen. Was hast du, Tod, aus diesem Engel gemacht! Damals machte ich die Bekanntschaft Danielas, eines gar nicht hübschen, aber sehr klugen und sehr musikalischen Mädchens. Ich mochte sie sehr gern, obwohl ich sie nicht liebte, aber es war nicht daran zu zweifeln, daß sie mich über die Maßen liebgewann. Sie fiel alsbald in eine schwere Krankheit und schien es auch durchaus in der Ordnung zu finden. "Ich glaube", sagte sie zu mir, wenige Tage vor ihrem Hinscheiden, "ich glaube, es ist ganz natürlich, daß, wer dich liebt, sterben muß. Wußtest du das nicht?" Wie klein war ihr Gesicht, wie groß ihre Augen und Ohren.
Nun zweifelte ich nicht mehr daran, was es für eine geheime Bewandtnis mit meiner Schönheit hatte.
Mein Gebet fiel mir ein, als ich noch Edwin war, da ich vor Gott auf den Knien gelegen und mir ein anderes Gesicht gewünscht hatte. Es muß wohl so sein, daß der Teufel auf der Lauer liegt und die Gebete der Unglücklichen abfängt, um sie ins Böse zu verkehren. Ich zog mich von den Freuden der Welt zurück und mied den Umgang mit Menschen.
Ich mußte freilich merken, daß es nicht in meiner Macht lag, mein Herz zu hüten, ja daß es mich immer wieder lockte, den Zauber wirken zu sehen, obwohl ich mit wissendem Grauen erkannte, daß ich zum Mörder derer wurde, die mich liebten, und daß sie in Jahresfrist unrettbar verloren waren, wenn ich sie nur ein wenig wiederzulieben begann.
Agathus, der freundlichste der Freunde unter den Menschen, war das nächste Opfer, ein überlegener Geist von ausgezeichneter Bildung und mit hoher Berufung. Ich wehrte mich lange, ich floh ihn. Ohne Abschied verließ ich die Stadt. Ich tat alles, um ihn zu vergessen und von ihm vergessen zu werden. Als ich ihn schon gerettet glaubte, begegnete ich ihm in Paris. Er war übriges der erste, dem ich, sobald ich spürte, daß er anfing mir zugetan zu werden, das tödliche Geheimnis des Bildes anvertraute, um ihn zu warnen. Es schien ihn nicht zu überraschen: "Ein Jahr also", sagte er heiter, "ein geschenktes Jahr". Es erschreckte ihn nicht im mindesten, es zu wissen. Er hatte einen bösen, schmerzhaften Tod.
Heute denke ich mir, ob es nicht am besten gewesen wäre, mich darein zu schicken. Denn das einzige, was mich ein wenig zu trösten vermochte, war das Bewußtsein, daß meine Schönheit, wenn sie auch tödlich war, alle, die ihr einmal verfallen waren, unendlich glücklich machte.
Natürlich war ich längst zu Meister Chaufroid gegangen, um ihn zu bitten, Olifants Antlitz von mir zu nehmen und mir ein anderes zu geben, und wenn es das Edwins wäre. Aber er kannte die Gesetze der Magie zu gut, als daß er mir helfen konnte. Der boshafte Urheber des Fluches allein könne ihn von mir nehmen, nur wenn der ruhelose Geist, der den Zauber ersonnen habe, selber Friede fände, würde ich entsühnt. Wer ist der Urheber meiner Geschichte?
Also begann ich dem Schicksal jenes unbekannten Jünglings nachzuforschen, dessen Bildnis mir zum Unglück geworden war. Ich reiste nach Florenz, durchstöberte alle einschlägigen Archive, studierte die Familiengeschichte der damals lebenden Geschlechter, ob ich nicht irgendwo Olifant begegnete. Er hatte gelebt, war schön. Botticelli hatte ihn gemalt, aber sein wahrer Name, seine Lebensgeschichte, sein Tod blieben Gottes Geheimnis.
Eins jedoch schien mir sicher, er, der schöne Schwermütige, mußte ein fluchwürdiges Sakrileg, einen schnöden Verrat an der Liebe, an der ihm verliehenen süßen Gnade der Schönheit begangen haben. Er muß einem Menschen, der ihn liebte, so weh getan haben, daß er ihn verfluchte. Gott selber muß er beleidigt haben. —
Eines Tages, da ich schon in völliger Weltabgeschiedenheit lebte, nicht anders als damals, da ich noch der Mißglückte war, geschah es, Charis, daß ich Deiner ansichtig wurde. Ich tat alles, um Dir nimmer zu begegnen - oder glaubst Du, daß man verderben will, was man lieb hat, so wie ich Dich liebe? Denn ich liebe Dich.
Allein ich brachte es nicht über mich, Deine Nähe völlig zu meiden. Wenn du mich auch nicht gesehen hast, ich habe Dich oft und lang, unbemerkt von Dir, betrachtet mit jenen traurigholden, unschuldsvollen, todbringenden

Blicken des verwunschenen Bildes.
Ich spielte mit dem verruchten Gedanken, dieses unselige Bild zu vernichten und sollte ich selber mit ihm zugrunde gehen, was mir sehr wahrscheinlich vorkam. Und - ein Loch ins Wasser machen - irgend etwas hält mich davon ab, als müsse die Entzauberung diesseits sich vollziehen und Olifant endlich seinen Frieden finden. Ich stelle es Dir anheim, liebste Charis. Wenn Du mich rufst: Ich komme.

Der Deinste
W ....., den ..... 19.. Olifant

Was denken sich diese jungen Leute eigentlich. Mir meine Nachtruhe zu nehmen. Ich glaube nicht, daß das meinem alten Herzen gut tut, fast die ganze Nacht aufzubleiben, zu lesen und so viele der kleinen reinigenden Brandopfer zu entzünden. Und dabei ist die Geschichte noch nicht einmal zu Ende. Übrigens dein Puls gefällt mir gar nicht, Alter. Ich verordne dir Bettruhe.
Aber der Schlaf, mein sanfter Freund, will nicht kommen. Die Magie des Bildes hat auch meine Sinne behext. An einer Stelle in Olifants Geschichte sehe ich einen Fingerzeig zu einer für die Liebenden glücklichen Lösung. Wenn nämlich die unruhige Seele des Urhebers Frieden fände.

Endlich war ich eingeschlafen. Als ich erwachte, saß Olifant an meinem Bett, "Charis geht es besser", berichtete er, "Glauben Sie, daß sie ganz gesund werden wird?"
Woher kam mir plötzlich die Gewißheit? "Sei getrost, schöner Olifant", antwortete ich, mein Gesicht verhüllend nach Art des Sokrates, als er mit Phaidros sprach, damals bei der Platane am Illissos. "Sei getrost, Charis wird genesen. Ich weiß es Die sternenstille Nacht hat es mir eingegeben."
Ob er wiederkommen dürfe, fragte er mit einem Lächeln, und ich begriff gut, daß es todbringend sein konnte. Als junger Mensch würde ich ihn um seine Freundschaft ersucht haben.

Ich spielte den ganzen Tag mit meinem elfenbeinernen Schreibtischgefährten und dem Magnetbaukasten.

Bettruhe. Müdes Wetter mit Magnetbaukasten. Ich habe ein abstraktes Bildnis aus Kügelchen, Stäbchen und alten Grammophonnadeln gebaut. Ich finde es recht ähnlich. Glaube mir, Olifant, auch ich habe nicht das Gesicht, das ich haben möchte.

Tante Afra soll sehr stolz sein, Charis durchgebracht zu haben.

Noch immer Bettruhe. Ich glaube, ich glaube! Schade. Es fällt mr gerade jetzt so viel ein, was ich alles noch schreiben möchte. Eine Komödie, die Der gläserne Storch heißen soll, und eine Erzählung: Der Kartoffelroman. Sic ubi

fata vocant, concinit albus olor!

Charis und Olifant. Zu dritt mit dem Magnetbaukasten gespielt. Sie haben mir eine Uhr geschenkt, auf den Schreibtisch zu stellen. Der Besuch hat mich sehr angestrengt.

Ich liebe. So "alt und weise" ich bin, ich liebe, einmal noch und vermutlich zum unwiderruflich letzten Male. Aber es ist diesmal kein Mensch. Es ist eine Uhr! Sie wohnt in einem Gehäuse aus rotem Leder. Es ist eine in eine Uhr verzauberte Prinzessin. Ihre Gedanken sind die Zeit. Das Werk ist ihr Herz. Sie hat eine ungemein wohllautende, zärtliche, glockenreine Stimme. Sie "repetiert", es ist ihre Liebeserklärung an mich. Sie repetiert, wenn man auf einen Knopf ihr zu Häupten drückt. Ach, wenn wir nur auch so einen Knopf hätten! Manchmal will sie nicht. Es ist sehr komisch, weil man so darauf wartet. Wie aber, wenn das Werk, wenn ihr Herz abgelaufen ist. Es ist dann nicht zu Ende, wie bei uns. Immer wieder lasse ich ihre Liebeserklärung repetieren.

Bettruhe. Olifant allein. Er meinte, ich sähe so verjüngt aus. Ich antwortete: Spiegelung. Ob ich seine Geschichte so nenne? Oder: das geschenkte Jahr? Oder: der Mißglückte? Mit dem Untertitel: aus den nachgelassenen Papieren . . .

Mythologischer Einfall: Aphrodite verwandelt einen Dichter, der sie besang, aber kein Glück in der Liebe hatte, in ein Liebespaar.

Sterbensmüde. Nachts vor einer Watteuhr geträumt, die lautlos ging. Auf der Platane vor meinem Fenster hockt eine Krähe, regungslos. Ich mache mir nichts vor. Ich glaube, auch Olifant weiß es. Es geht zu Ende. Morgen vielleicht.

Es ist vorbei mit dem Magnetbaukasten-Spielen. Ein unendliches Wohlgefühl ergreift mich . . . . .

D.M.S