Platons Ideenlehre PDF Drucken E-Mail
Thomas Fornet Ponse

Platons Metaphysik beschreibt man im allgemeinen immer mit dem Stichwort "Ideenlehre". Diese kann man aber nur verstehen, wenn man Platons Verständnis der Wahrheit bedenkt.

Wahrheit ist bei Platon nicht einfach logische Wahrheit, sondern er legt seiner Philosophie einen ontologischen Wahrheitsbegriff zugrunde. Wahr ist etwas, wenn es so ist, wie es sein soll, in diesem Sinne ist Wahrheit eine Eigenschaft. Platon unterscheidet zwischen einem wahren Sein und dem Seienden. Seiendes kann seine Idee, sein eigentliches Sein, nie erreichen, die Idee selbst ist das wahre. Etwas wahres muss bei Platon immer unveränderlich, mit sich selbst identisch sein. Insofern ist Wahrheit ewig bzw. zeitlos.


Wo aber kann Wahrheit gefunden werden? Platon verneint die Möglichkeit der Sinnlichkeit als Wahrheitsquelle. Denn die Wahrheit, Gewissheit und Einsicht in das wahre Wesen der Dinge können nicht aus den Sinneswahrnehmungen stammen, da das Wahrgenommene wandelbar und relativ ist und nichts bleibt, man Sinnestäuschungen unterliegen kann, sowie Sinneswahrnehmungen nur Materiel für Erkenntnis sein können, nie formelle Erkenntnis. Die Sinneswahrnehmungen werden immer miteinander verglichen und erst das ihnen Gemeinsame meinen wir mit Aussagen der Erkenntnis. Also muss die Wahrheit in der Seele gesucht werden, womit Platon den Geist, das reine Denken meint. Aber Erkenntnis geschieht nicht durch Abstraktion aus sinnlicher Erfahrung, denn sobald ich zwei ähnliche Dinge vergleiche, benutze ich schon den Aspekt der Gleichheit. Ähnlich verhält es sich bei allen mathematischen Verhältnissen und gedanklichen Proportionen, die unabhängig von aller Erfahrung gültig sind. Die Seele enthält das Wissen um die Wahrheit also a priori, muss sie nicht erst erwerben. Dieses Wissen vom an sich Gleichen, Grossen, Kleinen, Guten, Schönen, Menschen, Bett, also von jeder Wesenheit an sich sind die Ideen. Sie sind unveränderlich und "angeboren". Um die Möglichkeit solcher erfahrungsunabhängigen Wesensgehalte zu stützen, verweist Platon auf die Lehre von der Wiedergeburt. Nach ihr hat die Seele diese Ideen schon vor der Geburt bei den Göttern geschaut und wendet sie angeregt von konkreten Erfahrungen durch Wiedererinnerung (anamnesis) auf die Gegenstände an. Somit ist alle Wesenserkenntnis, sowohl von mathematischen Zusammenhängen als auch von allgemeinen Begriffen oder empirischen Dingen ein Erfassen ganzheitlicher Strukturen aufgrund von reaktualisierten Ideen.

Platon unterscheidet in seiner Philosophie zwei Bereiche oder Arten des Seienden: Die Ideen und die Dinge. Die Seinshierarchie verdeutlicht Platon mit dem Höhlengleichnis. Die Idee des Guten, bzw. der Ideen steht nach Platon als bedeutendster Wissensgegenstand an der Spitze der Ideenhierarchie, man kann sie mit der Sonne vergleichen. Sie ragt deshalb unter den Ideen heraus, da sie der Grund der übrigen Ideen ist. Platon vergleicht dies mit der Sonne. So wie die Sonne der Grund des Seins in der Welt ist, ist die Idee des Guten der Grund des Seins der übrigen Ideen. Die Idee des Guten verleiht dem Erkennbaren Wahrheit, dem Erkennenden das Vermögen, den Dingen Sein und Wesen und ragt noch über das Wesen an Würde und Kraft hinaus. Die nächste Stufe bilden die Ideen von allen Wesenheiten, die im Höhlengleichnis den natürlichen Dingen entsprechen. Danach kommen die mathematischen Gegenstände, denen der Schatten der natürlichen Dinge zugeordnet ist. Die Sonne bildet die nächste Stufe und entspricht dem Feuer. Es folgen die Lebewesen und Gegenstände, die durch die vom Feuer beschienenen künstlichen Gegenstände verdeutlicht werden. Die unterste Stufe bilden die Bilder der Gegenstände, also der Schatten der künstlichen Gegenstände, die von den angebundenen Menschen gesehen und für die wahre Wirklichkeit gehalten werden. Beide Welten sind aber nicht total getrennt, die Ideen sind zwar das eigentliche Sein, aber das Seiende hat durch Anwesenheit und Teilhabe an diesem Sein teil.

Die Ideen sind transzendente Wesenheiten, die das ewig und wahrhaft Seiende ausmachen. Sie sind die Gegenstände, die unseren apriorischen Begriffen korrespondieren, als "subjektive Ideen" sind sie Gedanken, als "objektive Ideen" die gedachten Gegenstände. Sie sind unräumlich, zeitlos, unveränderlich und nur dem Denken zugänglich. Sie besitzen nicht die Wirklichkeit der sinnlich erfahrbaren, raumzeitlichen Gegenstände und auch keine psychische (sind also weder res extensa, noch res cogitans), sondern eine ideale, was man sich anhand mathematischer Sätze vorstellen kann, die immer gültig sind. Während die materielle Welt vergehen wird, werden die Ideen immer noch sein, ihre Wirklichkeit ist stärker als jede andere und daher sind sie nicht einfach "Begriffe", sondern sozusagen die "Strukturpläne" (Hirschberger) der Welt. Eine Idee ist der letzte und wahrhafte Grund und das Urbild nicht nur für das Sein eines jeden Exemplars einer Art von Dingen, also dessen Seinsgrund, sondern auch für die Wahrheit unseres Wissens von ihm, mithin auch Erkenntnisgrund. Insofern gibt es bei Platon zwar eine logische Unterscheidung zwischen Denken und Sein, aber keine ontologische. Im Gegensatz zu modernen Vorstellungen sind Ideen keine Begriffe oder Vorstellungen, die sich der Mensch gemacht hat, sondern Wesensgehalte a priori, die der Mensch vorfindet. Diese Wesensgehalte verbürgen die Sachhaltigkeit und Gültigkeit der Begriffe und werden wiedererinnert. Dabei existiert jede Idee an sich, ist also unabhängig von unserem Erkennen, sogar von den empirischen Dingen abgetrennt. Ferner ist sie nicht-zusammengesetzt, mit sich identisch,

eingestaltig, göttlich und unzerstörbar, also ewig und unveränderlich. Ideen gibt es nicht nur für allgemeine Begriffe wie gerecht, pietätvoll, wahr, gut und schön, sondern auch für natürliche und künstliche Arten, wie ein Pferd oder Bett.

Den anderen Bereich, den der scheinbehafteten Erscheinungen der Ideen bilden die Dinge in Raum und Zeit. Sie sind das ewig Werdende und daher das niemals Seiende. Die sichtbaren Dinge sind die blossen Abbilder der Urbilder, rein relationale Exemplifikationen der Ideen, zusammengesetzt, veränderlich, vielgestaltig und zerstörbar, haben also den Ideen genau entgegengesetzte Eigenschaften.

Die 'Ideenwelt' und die 'Sinnenwelt' stehen in einem Kausalverhältnis, das Platon mit drei Begriffen beschreibt: Teilhabe (Methexis). Bei Platon ist die gesamte Wirklichkeit Abbild, und wir beziehen unsere Sinneswahrnehmungen auf die Urbilder, das Abgebildete. Insofern hat ein Ding als das Grundgelegte an dem Sein seiner Idee, dem Grundlegenden teil. Ein weiterer Begriff ist die Anwesenheit (Parousia), die meint, dass das Ding ist, weil die Idee, der Grund in ihm anwesend ist, der letzte Begriff ist die Gemeinschaft (Koinonia) des Abbildes mit seinem Urbild.

Neben der oben erwähnten Frage nach dem letzten Grund wahren Wissens bieten die Ideen eine Antwort auf die kosmologische Frage nach dem letzten Grund der Welt, sowie drittens ist die Idee des Guten eine Antwort auf die ethische Frage nach dem letzten Massstab politischen Handelns.

Hesiod oder Homer führen in ihren mythischen Kosmogonien die Erscheinungen direkt auf Götter, also persönliche Kräfte zurück. Allerdings bleibt diese Erklärung unbefriedigend. Die ionischen Naturphilosophien führten in ihren Kosmologien alles auf ein unpersönliches Prinzip (archê) zurück. Allerdings sind auch diese Theorien, die alles aus herrschenden Materien wie Wasser bei Thales oder Luft bei Anaximenes, oder aus blinden Urgründen wie dem Unbegrenzten des Anaximander erklären wollen, unbefriedigend, da sie weder den Ursprung der Bewegung noch die Struktur des Kosmos befriedigend erklären. Die Naturlehre des Anaxagoras führt zwar eine kosmische Vernunft (nous) ein, die die Ursache aller Dinge ist und ihnen Struktur verleiht, aber diese Weltvernunft gibt nur den ersten Anstoss für die kosmische Rotation, ist also nur eine 'mechanische' Wirkursache, nicht jedoch eine vorsehende, planende Intelligenz, die die Welt nach Zweckursachen gestalten könnte. Insofern verwechselt auch Anaxagoras notwendige materielle Bedingungen oder Mitursachen mit der schöpferischen immateriellen Letztursache selbst. Platon bietet mit den Ideen eine theologische Antwort auf die kosmologische Antwort. Um das harmonisch zweckmässige Gefügtsein aller Teile des Kosmos zu erklären, bietet ihr Geschaffensein nach der planenden Intelligenz eines weltgestaltenden Künstlergottes, des Demiurgen, die beste Hypothese. Die Entstehung von Himmel und Erde ist nicht durch Natur und Zufall zu erklären, sondern nur über Vernunft, Gott oder Kunst. Die Welt wurde vom Schöpfer aber nicht aus dem nichts geschaffen, sondern dieser hat Materie vorgefunden und wie ein Künstler Ordnung aus der Unordnung gemacht. Dabei bildete er zuerst die Weltseele. Die Welt, alles Seiende hat er zu Abbildern ewiger Urbilder gemacht, die er in seinem Verstand gefunden hat. Diese Urbilder sind die Ideen (des Gerechten, Schönen, etc.), also unvordenklich vorgegebene Gestaltungsmuster im göttlichen Verstand. Dabei ist der letzte Grund dafür, dass die Welt nicht anders ausfiel, sondern so, wie sie ist, die Idee des Guten, da sie verbürgt, dass Gott selbst gut ist und daher wollte, dass alles gut sei.