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Schiller, ein Spiegel der Moderne

M. Hageböck

Kritische Nachlese zum Schillerjahr: Ein Genie zwischen Aufklärung und Deutschem Idealismus

Auch nach seinem 200. Todestag hat Friedrich Schiller nichts an Aktualität verloren. Dies haben die zahlreichen Inszenierungen, Verfilmungen, Publikationen und Veranstaltungen zum Jubiläum unter Beweis gestellt. Warum findet sich der moderne Mensch, gleich welcher politischen Couleur, jedweden religiösen Bekenntnisses, gleich welcher sozialen Herkunft von ihm angesprochen? Ein Gang durch die Geschichte zeigt, wie unter allen Regierungsformen immer wieder auf den Dichter Bezug genommen wurde, man seine verschiedenen Facetten zu vereinnahmen versuchte, sich vor ihm verneigte.

Eines der ersten Ehrungen wurde Schiller durch die Protagonisten der Französischen Revolution zuteil: Sie ernannten ihn zum Ehrenbürger ihrer Republik. Als das Schreiben mit Verspätung in Deutschland eintraf, hatte sich Schiller von den Umstürzlern bereits abgewandt, auch waren die Unterzeichner mittlerweile selbst Opfer der Guillotine geworden. Der Freigeist aus Schwaben hatte sich drei Jahre intensiv mit Kant auseinander gesetzt, hoffte auf einen Staat der Vernunft, schulte sein philosophisches Denken, hielt Vorlesungen, verkehrte ab 1794 mit Hölderlin, Fichte, Humboldt, Schelling, Jean Paul und arbeitete mit Goethe zusammen. Zweieinhalb Jahre vor seinem Tod (1805) empfing Schiller das Adelsdiplom und damit von jenem Stand Anerkennung, gegen den er immer wieder rebelliert hatte. Bereits am Ende seines kurzen Lebens gehörte sein Werk zum Kanon der klassischen Literatur – und dies sollte ungeachtet der Angriffe Adornos in der „Minima Moralia“ bis heute so bleiben.
Schiller steht in der Tradition der Aufklärung. Obgleich er ursprünglich evangelischer Pastor werden wollte, konnte er die Bibel bald nur noch im Lichte rationalistischer Umdeutungen akzeptieren. In seiner Vorlesung „Die Sendung Mose“ (1790), behauptet er beispielsweise, dass Moses in die Arkana der ägyptischen Priesterkaste eingeführt worden sei, so die „Idee von der Einheit des höchsten Wesens“ erfahren und jene Initiationsriten mit vollzogen habe, „wonach ... in neueren Zeiten der Orden der Freimaurer sich gebildet hat.“ Allerdings gab es für den umfassend gebildeten Moses ein Problem: Wie sollte er sein retardiertes Volk in das ägyptische Geheimwissen einweihen, wie ihm klar machen, dass Gott ein abstrakter „Begriff“, nämlich die reine „Vernunft“ sei? Die Israeliten waren Schiller zur Folge durch Überbevölkerung verblödet und so sehr vom Aussatz geplagt, dass die Krankheit eine „erbliche Stammeskonstitution“ wurde. „Weil sie unfähig waren, ihn zu fassen“ musste Moses „seinen wahren Gott auf eine fabelhafte Art“ verkündigen und seine Sendung „durch Wundertaten unterstützen“. Ziel der Aufklärung sei es nun, den wundertätigen Jahwe als „Requisite“ zu entlarven, alles von Moses Hinzugefügte wieder zu entfernen, um so die Mysterien der Pharaonen zu rekonstruieren.
Im Namen der Aufklärung wollte Schiller das jüdisch-christliche Glaubensgut überwinden und stellte damit die Weichen für eine nationale Rezeption seines Werkes. Dieses neue Kapitel der Wirkungsgeschichte wurde 1902 mit der suphanschen Edierung des Gedicht-Fragmentes „Deutsche Größe“ aufgeschlagen. Schiller galt nun als Prophet des wilhelminischen Deutschtums; in den 30er Jahren legten ihn Herbert Cysarz und Gerhard Fricke im völkischen Sinne aus. Der angezeigte Gedicht-Entwurf enthielt die Zeilen: „Darf der Deutsche ... sich seines Namens rühmen und freun? Darf er sein Haupt erheben und mit Selbstgefühl auftreten in der Völker Reihe? Ja er darfs! Er geht unglücklich aus dem Kampfe, aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren. Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupt seiner Fürsten. Abgesondert von dem Politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. ... Ihm ist das Höchste bestimmt, und so wie er in der Mitte von Europens Völkern sich befindet, so ist er der Kern der Menschheit.“ Als Ernst von Salomon schrieb, dass die Freikorps Schiller Zitate skandierten, gaben sie sicher auch diese Verse wieder.
Friedrich Schiller hatte seinen festen Platz bei den Nationalfestspielen des Kaiserreiches, der Weimarer Republik und der Nationalsozialisten. Allein im Dritten Reich erlebten seine Stücke über zehntausend Vorführungen – ungeachtet dessen, dass „Wilhelm Tell“ wegen seines Freiheitspathos von der Bühne verschwand. Vor allem in Weimar, der Wirkungsstätte des reifen Dichters, sollte sich Deutschland selbst als Kulturnation zelebrieren. 1906 organisierte der Deutsche Schillerbund den ersten Nationalbühnentag, dessen Initiator, Professor Adolf Bartels, das Programm vorgab: „Eine starke Gegenwirkung gegen die nivellierende großstädtische Kultur, gegen den blasierten Internationalismus!“ Der Deutsche Schillerbund setzte seine Tätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr fort und wurde 1949 aufgelöst.
Kurioser Weise fanden die mit großem Aufwand inszenierten Schiller-Ehrungen in beiden deutschen Teilstaaten ihre Fortsetzung, wobei man oft nicht wusste, ob nun mehr der Dichter oder die eigene Republik gefeiert wurde. 1955 erklärte Johannes R. Becher im Rahmen einer DDR-Veranstaltung: „Das erste Mal in der Geschichte unseres Volkes ist „Auferstanden aus Ruinen“ ein deutscher Staat, der die Grundlage geschaffen hat, um das Vermächtnis Friedrich Schillers zu erfüllen.“ Der Arbeiter- und Bauernstaat rief 1961 die „Weimartage der Jugend“ ins Leben und gedachte zwischen 1980 und 1989 ihrem Friedrich Schiller durch die „Weimartage der FDJ“. Beiderseits des Eisernen Vorhangs verkündete der sonst so zynische Thomas Mann in auffallend überschwänglichen Preisungen: „Diesem in Lichtspuren wandelnden Beglückergeist zu huldigen sind wir versammelt ... Dieser Geist war und ist die Apotheose der Kunst. Er hat sie verherrlicht in glänzenden Taten und dazu in hoch-gewählten, hoch-genauen Worten ... Es ist nicht leicht zu enden, wenn man von Schillers spezifischer Größe einmal zu reden begonnen hat - einer Größe, generös, hochfliegend, flammend, emporreißend, wie es selbst Goethes weisere Natur-Majestät nicht bietet, weltallstrunken und menschlich-kulturpädagogisch, männlich in alldem aufs höchste.“
Von überdrehten Adorationen humanistischer Bildungsideale ist man heute gleichermaßen entfernt wie von einer propagandistischen Instrumentalisierung. Bei den Festivitäten im Jahr 2005 interessierte der Mensch Schiller meist mehr als sein Werk; man holte den Kulturschaffenden von seinem Denkmal herunter und versuchte ihn auf Augenhöhe zu zwingen, observierte seine Leidenschaften, seinen Arbeitseifer, machte ihn als Comic mundgerecht und bot ihn für Kinder

dar. Schiller von der Straße für die Straße: rotzig, individualistisch also keinesfalls hehre Werte verkörpernd. Unter den zahllosen Abhandlungen findet man aber auch brauchbares: Ein von Matthias Luserke-Jaqui herausgegebenes „Schiller Handbuch“; ferner zwei geistesgeschichtliche Einordnungen, nämlich „Denker ohne Gott und Vater“ von Benjamin Marius Schmidt sowie „Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus“ von Rüdiger Safranski. Die beiden Monographien verstehen Schiller als Vordenker der Moderne, was die Autoren freilich positiv bewerten. Als empfindsamer Seismograph verzeichnete Schiller den endgültigen Bruch mit der katholisch-mittelalterlichen Ordnung; in ihm finden Bildungsbürgertum und Revolutionäre, Liberale und Nationale, die Aufklärung, der Deutsche Idealismus und der Humanismus ihren gemeinsamen Nenner. Genau dies ist der Grund, warum sich jede Generation selbst sah, wenn sie Schiller betrachtete, denn er ist der Spiegel der Moderne; in ihm lässt sich alles reflektieren, insofern nicht mehr Gott den Mittelpunkt des Denkens bildet. Der heutige Mensch kreist um sich selbst, ist antroprozentrisch und im letzten ist es gleichgültig, ob er auf dem linken oder dem rechten Weg in die Irre geht.
Wir Nachgeborenen sind Schillers Erben, insofern wir nicht völlig ignorieren, was in den letzten 200 Jahren gedacht und geschrieben wurde. Wir sind auch dann seine Erben, wenn uns als Katholiken alles an Geistesgeschichte fremd sein mag, was in Schiller kulminiert, denn ohne ihn kann das Land der Dichter und Denker nicht verstanden werden. Selbst wenn wir seinen weltanschaulichen Hintergrund ausblenden, müssen wir doch seiner virtuosen Ausdrucksfähigkeit Respekt zollen, können nicht seiner Sprachgewalt entkommen und nicht seinen Dramen, die zu den besten zählen, die je in Deutschland geschrieben wurden.
Wie kann sich ein Katholik dem Genius nähern? Schiller taugt als Jakobiner und als liberaler Republikaner, als völkischer Nationalist und als internationaler Sozialist – aber er ist nicht unser, er lässt sich nicht für die Kirche vereinnahmen. Auch dann nicht, wenn man das halbe dutzend Zitate ausfindig macht, in denen der Dichter den Glanz der Kirche und die Erhabenheit ihres Glauben darstellt – so ehrwürdig, wie man eben nur über das Vergangene schreiben kann. Mehrfach wurde im Jubiläumsjahr „Der Graf von Habsburg“ (1803) von katholischen Periodika abgedruckt, eine Ballade, in welcher der spätere Kaiser einem Priester sein Pferd schenkt, als dieser sich mit dem Altarsakrament auf dem Versehgang befindet. Eine Rückgabe verweigert der Herrscher: „Nicht wolle das Gott, rief mit Demutssinn / der Graf, dass zum Streiten und Jagen / das Ross ich beschritte fürderhin, / das meinen Schöpfer getragen! / Und magst dus nicht haben zu eignem Gewinnst, / so bleibt es gewidmet dem göttlichen Dienst, / denn ich hab es dem ja gegeben, / von dem ich Ehre und irdisches Gut / zu Lehen trage und Leib und Blut / und Seele und Atem und Leben.“ Ebenso ergreifend ist „Ritter Toggenburg“, unübertroffen eine Passage aus „Maria Stuart“ (1801). Im sechsten Auftritt des ersten Aktes tritt Mortimer, der Neffe ihres Kerkermeisters, an die katholische Fürstin heran und offenbart, dass er seiner protestantischen Erziehung zum Trotz („im finsterm Haß des Papsttums aufgesäugt“) konvertiert sei, nachdem er Rom erlebt habe: „Wie wurde mir, als ich ins Innre nun / der Kirchen trat, und die Musik der Himmel / herunterstieg, und der Gestalten Fülle / verschwenderisch aus Wand und Decke quoll, / das Herrlichste und Höchste, gegenwärtig, / vor den entzückten Sinnen sich bewegte, / als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen, / den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn, / die heiligste Mutter, die herabgestiegene / Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung - / als ich den Papst drauf sah in seiner Pracht / das Hochamt halten und die Völker segnen. / ... Ein wahrhaft Reich der Himmel ist sein Haus, / denn nicht von dieser Welt sind seine Formen.“
Literatur ist keinesfalls schon deswegen christlich, weil in ihr Kardinäle, Klöster und kirchliches Leben vorkommt. Wie wenig Schiller als katholischer Apologet taugt, sprach Thomas Mann überdeutlich aus: „Er war nicht vorsichtig und hat aus Liebe zu den Göttern Griechenlands das Ärgernis nicht gescheut, seine Abneigung kundzugeben gegen den christlichen Eingott, der, freundlos, ohne Bruder, ohne Gleiche, auf Saturnus´ umgestürztem Throne herrscht, >Da die Götter menschlicher noch waren, waren die Menschen göttlicher.< “ Wie an etlichen anderen Stellen, erteilt Schiller in seinem Gedicht „Die Worte des Wahns“ jeder göttlichen Offenbarung eine klare Absage, denn es gäbe weder Güte noch Schönheit als Ausdruck einer objektiven Wahrheit, vielmehr müsse der Mensch sich seine Werte im idealistischen Sinne selber schaffen: „Es ist nicht draußen, da sucht es der Thor; / es ist in dir, du bringst es ewig hervor.“ Wenn wir als Deutsche die Erben Schillers sind, ohne dass wir als Katholiken seines Geistes wären, dann müssen wir einen anderen Zugang suchen, als über Versatzstücke eine gefällige Interpretation zurecht zu biegen. Nüchtern analysiert Reinhold Schneider: „Wo, etwa in der „Maria Stuart“, in der „Jungfrau von Orleans“ die heiligen Namen genannt werden, haben sie höchstens soviel zu bedeuten wie die Namen der antiken Götter in den Gedichten, vielleicht nicht einmal soviel: sie sind der einer gewissen Geschichtsepoche angemessene Ausdruck des Göttlichen, niemals Bekenntnis.“ Jenseits aller weltanschaulichen Diskrepanz verortet Reinhold Schneider im Drama als solchem das Erbe Schillers: „Er hat den Prolog unseres Zeitalters gesprochen, dessen Anspruch auf Freiheit sich auf die Idee oder Ideologie gründet statt auf den Menschen in menschlich-religiöser Ordnung – und daher immerfort in Diktatur umschlagen muss. [… Wichtig] ist, dass Schiller das Bewusstsein der Tragik überhaupt in eine Zeit geworfen hat, die an vordergründige Lösungen glaubte und meinte, mit sozialen oder philosophischen Programmen den Daseinswiderspruch verheilen zu können ... Wir würden uns selbst aufgeben und würden auch das Christentum aufgeben, wenn wir das Erbe der Tragiker verleugnen wollten. Denn das Christentum ist nur erreichbar in einer tragischen Welt – als Antwort an sie ... Nichts ist dem europäischen Vermächtnis so sehr entgegen wie die Meinung, dass der Mensch im Irdischen gefasst, dass das Ziel der Menschheit als vollkommene Ordnung auf Erden erreicht werden könne.“
Aller Aufklärung zum Trotz präsentiert uns Schiller die Erde als einen Bezirk des Scheiterns. Insofern gilt es sein Werk als Frage zu verstehen, auf welche Christus, die fleischgewordene Hoffnung die einzige Antwort zu geben weiß: „In der Welt werdet ihr Drangsal haben, aber seid nur getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33)

Die Schiller-Texte sind im Internet zu finden unter: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/schiller.htm