Von Turm zu Klause PDF Drucken E-Mail
Was man für wahr hält, muß
man sagen und kühn sagen.

Kein großer Charakter, der nicht zu
irgendeiner Übertreibung neigte.
(Joseph de Maistre)

Albert Caraco (1919 - 1971) und Nicolás Gómez Dávila (1913 - 1994) setzen die Reihe von klassischen Provokateuren der „abendländischen Geistesgeschichte“ im 20. Jahrhundert fort. Beide waren ebenso unzeitgemäß wie Nietzsche, ebenso reaktionär wie de Maistre und ebenso fraglos elitär. Jeder repräsentiert einen Typus, wie er unterschiedlicher oder sogar gegensätzlicher nicht hätte sein können.

Caraco, ein heimatloser Sephardim, aus reicher Familie, geboren in Konstantinopel, aufgewachsen in Berlin und Prag, durch konservative Denker geprägt, wurde 1939 aus Europa durch den nationalsozialistischen Rassenwahn vertrieben. Ein Konvertit, dessen Katholizismus aus Uruguay stammt, wo es ihn nur sechs Jahre hielt, ehe er nach Paris kam, in die Hauptstadt eines Landes, dessen Idealbild er verehrte, dessen Realität er aber verabscheute. Er schrieb auf Französisch und rühmte sich der Letzte zu sein, der diese Sprache in ihrer Vollendung beherrsche. Ein Gnostiker, ein Apokalyptiker, letztendlich ein Fanatiker, der sich unverstanden fühlte und in seinem Rückzug in die monastische Klause, als Prophet seiner Zeit das aufzeichnete, was er zu sagen hatte, da er nach eigener Aussage das Wort nicht ergreifen konnte; – ein Rufer in der Wüste – der zuletzt nur aus „moralischen“ Gründen auf den Tod seiner Eltern wartete um sechs Stunden nach dem Ableben seines Vaters Selbstmord zu begehen. Sein Text, ein Fließtext, gleicht einem geiferndem Pamphlet, einem Fluss von Prophetischem und von Beschimpfungen, das zwischen Polemik und Mystik wechselt. Die einzelnen Sätze sind für sich genommen gestochen scharf formuliert und haben als Aphorismus ihre Wirkung. Als Autor wird er aber durch seinen Zeitgenossen E. M. Cioran immer auf die zweite Reihe verwiesen bleiben. Seine Schriften werden seit einigen Jahren vom Lausanner Verlag Editions L´Age d´Hommes herausgegeben, wobei erst eine kleine Auswahl seiner Texte ins Deutsche und Italienische übersetzt wurde.

Gómez Dávila stammt aus einer wohlhabenden kolumbianischen Großgrundbesitzerfamilie. 1919 kam er mit seinem Vater für mehrere Jahre nach Paris, kehrte dann aber nach Kolumbien zurück, wo er am sozialen, nicht aber am politischen Leben teilnahm. Seine soziale Stellung, die festen familiären Umstände wurden durch seinen „skeptischen“ Katholizismus ergänzt. Diese Fundamente erlaubten ihm, sich in seine Bibliothek, in den Elfenbeinturm, zurückzuziehen. Ein Skeptiker, der in gegensätzlichen Positionen Verbündete zu entdecken vermochte, der es vorzog seine Texte an Stelle seiner Leser zu quälen. Seine Publikationen (zumeist Privatdrucke), tragen sehr zurückhaltende Titel, die vom österreichischen Verlag nicht übernommen wurden. Insbesondere sind seine Aphorismen klar und unter Bedacht formuliert, behandeln aber immer wieder die gleiche Thematik aus unterschiedlicher Perspektive. Er nennt sich selbst einen Reaktionär, seine Hauptkritik trifft namentlich die Demokratie und die Linke.

Auf den ersten Blick lassen sich zwischen Caraco und Dávila kaum Bezugspunkte ausmachen, vielmehr scheinen beider Charaktere die Gegensätze ihres Jahrhunderts zu repräsentieren. Eine Gegenüberstellung wirkt daher ebenso provokant wie ihre Texte und lebt wie diese von stellenweiser Übertreibung. Trotz all dieser Unterschiede sind sich Dávila in seinem Elfenbeinturm und Caraco in seiner Mönchsklause in einem einig: in der Ablehnung des sogenannten Fortschritts der „Modernen Welt“.

Vor dem Bühnenbild der postmodernen Philosophie scheint dies nicht viel. Liest man beider Texte als persönliche Itinerare zur Topographie der „abendländischen Geistesgeschichte“ bemerkt man aber sehr schnell, dass sie nicht nur die selben Landschaften, wie Geschichte, Philosophie und Religion durchwandert, sondern auch die gleichen Autoritäten aufgesucht haben. Ihre Reisebeschreibungen (so unterschiedlich sie auch sein mögen) der beinahe gleichen Reiserouten lässt interessante Augenblicke, Bezugspunkte sowie Gegensätze zwischen Inseln ihrer Aufmerksamkeit erkennen, deutet aber auch auf ein beiden gemeinsames Zeitgefühl, einer ewig mit der Gegenwart verschmolzenen Vergangenheit, die nur aus einem einzigen Grund nicht versteinert, und somit brüchig oder langweilig wird: ihre tief empfundene Religiosität.

Beide beginnen ihre Reise mit der Suche nach der eigenen Identität. Beide versuchen ihren Standort im „abendländischen - europäischen Kulturraum“, einer Amalgamie aus jüdischen, griechischen und christlichen Elementen näher zu bestimmen. Beider Ausgangspunkt ist Homer.

Caraco - der heimatlose Sephardim - war lange Zeit unzufrieden Jude zu sein und zog das griechische Altertum seinen jüdischen Wurzeln vor. Seine Liebe galt den griechischen Klassikern. In ihnen vermochte er die Wurzel der Zivilisation zu erkennen, die für ihn im Laufe der Geschichte immer wieder durch das barbarische Element aufgefrischt wurde. Diese Vorstellungen verweisen deutlich auf den 3. Humanismus der damals in Deutschland florierte, und dem heute leider viel zuwenig Beachtung geschenkt wird. Nicht umsonst erwähnt der francophile Caraco Dichter wie Stefan George und Ernst Bertram, und zieht ersteren sogar Paul Válery vor. Das griechische Fundament bleibt auch für seine Apokalypsenvorstellung prägend. Obwohl diese eindeutig neutestamentarische Züge, in ihrem Fanatismus sogar alttestamentarische Leidenschaft besitzt und mit Bildern der Zeit (Überbevölkerung, Umweltverschmutzung) untermalt wird, entspricht dieses Weltende eher der antiken Vorstellung des Weltenbrands. Es ist die aristotelische Vorstellung, die im Gegensatz zur platonischen, nicht die totale Zerstörung annimmt, sondern das Überleben einiger weniger als Voraussetzung eines Neubeginns setzt. Dieser Neubeginn ist für Caraco aber keine neue Geschichte, sondern ein zeitloser vorgeschichtlicher Zustand – das Grab der Geschichte. Caraco wird die Identität des griechischen Europäers – mit all seinen Charakterzügen: Disziplin und Systemgeist, Ablehnung des heiligen, dogmatische Unversöhnlichkeit, militante Planung, die abstrakten Spekulationen und einheitlichen Anwendungen…, nie aufgeben. Unter dem Eindruck des Holocausts wendet er sich wieder verstärkt seinen jüdischen Wurzeln zu. Er versöhnt den Juden mit dem Europäer, indem er in letzterem den Nachfolger des auserwählten Volkes der Geschichte erkennt, der nun das gleiche Opfer-Schicksal erleiden wird. „Europa wird unnütz dadurch, dass es die Welt überflutet und sich die Chinesen ihrerseits in Europäer verwandeln, sein Los erinnert mich etwas an das der Juden angesichts von Islam und Christentum.“

Dávila – ein Kolumbianer, ein Lateinamerikaner –; viele Liter Tinte sind schon zum Thema der Frage nach einer lateinamerikanischen Identität vergossen worden und werden weiterhin fließen. Die Suche nach einem eigenen Mythos lässt auf diesem Kontinent die schönsten Eintagsblüten entstehen, für den Gebildeten bleibt aber oft nur das geistige Exil, das Konvertitentum – sie werden Europäer oder Pseudo-Europäer. Den „Kriterienkatalog“ Paul Válery´s für den europäischen Menschen, der den römischen, den christlichen aber insbesondere den griechischen Einfluß als Vorraussetzung kennzeichnet, würde Dávila mit magna cum laude bestehen. Er geht aber einen anderen Weg. Für Dávila stellt die antike griechische Kultur – ihre Klassiker, in denen er selbst eine koloniale Kultur erkennt, die rettende Grundlage dar, um nicht die Heimat zu verlieren. In der griechischen Kultur findet er einen Anknüpfungspunkt für seinen eigenen Standort, seine eigene, tief empfundene, koloniale Herkunft. Als Fundament für diesen Zugang, dieser Teilhabe an der „abendländischen Kultur“ dient ihm sein Katholizismus: Ein Katholizismus, der sicher über die Römisch Katholische Kirche hinausgeht aber trotzdem im Pontifex Maximus seine Wurzeln zu erkennen vermag: „Die Grundprobleme jeder ehemaligen Kolonie: das Problem der intellektuellen Hörigkeit, der dürftigen Traditionen, der subalternen Geistigkeit, der inauthentischen Zivilisation, der zwangsläufigen und verschämten Nachahmung, löste sich für mich auf äußerst einfache Weise: der Katholizismus ist meine Heimat.“ „Nur der ist ein wahrer Katholik, der die Kathedrale seiner Seele über heidnischen Krypten errichtet.“

Die „Gretchen Frage“ kann in Bezug auf zwei Denker, die zutiefst Religiös dachten, kaum zufrieden stellend behandelt werden. Daher sollen Caraco und Dávila provokant, vereinfachend mittels der Kampfbegriffe Katholik und Gnostiker gegenüberstellt werden. Intoleranz, Vorurteile und der Mut Stellung zu beziehen, sind für beide Denker Grundlage ihres Schreibens. Beide bekannten sich zu ihrer Position und verwarfen die jeweils andere. Das klassische Problem der doppelten Wahrheit findet sich auch bei Dávila wieder. Sein Katholizismus lässt sich an zwei Begriffen festmachen: der Skepsis und dem Glauben. „Ich sah, wie die Philosophie nach und nach zerrann zwischen meinem Skeptizismus und meinem Glauben.“ „Skeptiker oder Katholik: der Rest vergeht mit der Zeit.“ Die Quelle Blaise Pascal ist unschwer auszumachen. Die problematische Stellung des Menschen ließ sich für Pascal nur durch einen Gott beantworten. Das Christentum war für ihn die einzige Religion, die die menschliche Widersprüchlichkeit widerspiegelte und lösen konnte. Dávila scheint Pascal hierin zu folgen. Auf die Diskussion inwiefern Pascal oder Dávila in fideistischer Tradition stehen, soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Wichtig ist nur, dass der Glaube den Unterschied zu den Häresien bestimmt, denn diese beruhen auf der Mystik: „Christentum ist keine Mystik, sondern Glauben.“

Für Dávila gibt es drei Formen der Mystik: eine theistische (Erfahrung der Realität Gottes), eine naturalistische (Erfahrung der Unverdorbenheit der Welt) und eine personalistische (Erfahrung der Ewigkeit des Ichs). Erstere ist unantastbar, die zweite entartet zum Pantheismus, sobald die Herrlichkeit der Schöpfung mit der des Schöpfers gleichgesetzt wird, die dritte entartet zum Gnostizismus, sobald die Ewigkeit der Seele mit der Ewigkeit Gottes gleichgesetzt wird. Mit Irenäus, Hippolytus und Epiphanius steht Dávila gegen die vulgäre Selbstvergottung des Menschen. Dass er damit nicht die ganze Spannweite der unterschiedlichsten Strömungen des Gnostizismus trifft, insbesondere die dualistische Variante, ist offensichtlich und auch nicht in seinem Interesse. Wie verhält sich diese Kritik zum bekennenden Gnostiker Caraco: „Ich bin ein Gnostiker, allein die Gnosis schildert uns die Welt, wie sie ist, war und sein wird: Keine Lehre – und wir vernehmen ihr Echo bei Augustin – hat die Ordnung und ihre Grundlagen, die sich Terror und Lüge nennen, gründlicher entlarvt. Dem Bösen einen Platz zuzuweisen ist die äußerste Anstrengung, deren das Gute fähig ist.“

In Caraco, der selbst zehn Jahre Christ war und dies als erlaubte Krankheit bezeichnet, finden sich über die Jahre hinweg die unterschiedlichen Wurzeln der Gnosis wieder: häretisch-apokalyptisches Judentum, iranischer Dualismus, orientalischer Platonismus etc.. Caraco´s Gedankengänge spiegeln sich gut in den Voraussetzungen zur Zeit des Gnostizismus wider. Insbesondere fällt bei seinen Gedankengängen die „akute Hellenisierung des Christentums“ (Adolf von Harnack) auf, die sich in der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Identität äußert. Der abendländische Hauptwiderspruch zwischen Athen und Jerusalem, dem Aufeinandertreffen von orientalisch-religiösen und hellenisch-logischen Elementen, musste bei einem Denker mit der Geschichte Caraco´s in irgendeiner Form aufbrechen, sich entladen. Nimmt man seine Empfindung des Scheiterns, des unerhörten Propheten hinzu, könnten die Worte Jacob Taubes, der diese zwar für das zweite und dritte Jahrhundert verwendete, besser nicht treffen: Wenn Prophetismus scheitert, entsteht Apokalyptik; scheitert auch die Apokalyptik, so entsteht Gnosis.

Deutlich zeigt sich an Caraco, wie es bei seinem Aufeinandertreffen von Jerusalem und Athen zu einer „Remythisierung des Griechentums“ (P. Sloterdijk) kommt, die den Raum des zeitlos Seienden durch den Einbruch des Ereignisses - des Erlösermythos - sprengt. So wie die Gnosis damals zu einer Ereignisphilosophie wurde, die die hellenisierten Ontotheologen zwang zu metaphysischen Katastrophentheoretikern zu werden, versucht Caraco mittels der Apokalypse wieder in diesen zeitlosen Zustand zurückzukehren. Der Mensch und die Offenbarungsreligion haben in der Zeitblase der Geschichte unter dem männlichen Prinzip versagt, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung, die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage nehmen überhand. Auf seiner Suche nach Gott scheint Caraco den Menschen gefunden zu haben. Der Mensch, das metaphysische Tier, das schon vor der Geschichte existierte, kann daher auch nach der Apokalypse weiter existieren, in einem zeitlosen Matriarchat. Diese Rückkehr zu einem Naturzustand darf nicht mit einer tierischen Gesellschaft verwechselt werden. Bei seinem Naturbegriff handelt es sich um die natura naturans, der auch schon vor Spinoza Verwendung fand, und auch nicht mit einem einfachen Pantheismus verwechselt werden darf. Die überlebenden nachapokalyptischen Menschen – Auserwählte - erinnern da schon eher an eine Art Übermenschen, die unter dem zeitlosen weiblichen Prinzip leben.

Während Caraco fortwährend von der Zukunft spricht, d.h. von der Apokalypse, die die Geschichte beenden und in einen vorzeitlichen Seinszustand überführen wird, schweigt Dávila über alles Zukünftige. „Ich gehöre nicht einer Welt an, die untergeht. Ich verlängere und übermittle eine Wahrheit, die nicht stirbt.“ Er arbeitet am zeitlosen Kontinuum der Geschichte: „Für die Nachwelt schreiben heißt, nicht sich danach sehnen, dass man uns morgen liest. Es heißt nach einer bestimmten Qualität der Schrift trachten. Selbst wenn uns niemand läse.“ Und selbst mit Andeutungen auf Zukünftiges spart er: „Ich hoffe auf das Unverdiente.“ Es hat den Anschein, dass Dávila dort ist, wo Caraco gerne wäre: in jenem Zustand des zeitlos Seienden. Caraco muß aber um diesen Ort zu erreichen die Geschichte erst zerstören, die für Dávila wiederum mittels der Transzendenz Grundlage ist. Neben den schon erwähnten Gründen gibt es aber noch eine weitere Ursache für Caraco´s Untergang der Geschichte, nämlich den Untergang des erwählten Volkes der Geschichte. So wie sich Caraco mit dem Juden und dem Europäer identifiziert, besser gesagt mit deren Untergang als geschichtsmächtige Völker, kann es für ihn in dieser Geschichte nichts mehr erhaltenswertes geben. Caraco schrieb zu einer Zeit, als auf Paneuropa-Kongressen Fragen wie „Europa – Weltmacht oder Kolonie“ verbreitet waren. Heute da sich der Kolonialstatus Europas - geistig sowie politisch – verfestigt hat, hilft der distanzierte Blick Dávilas den europäischen Kollaps aus einer kolonialen Perspektive zu verfolgen und „fruchtbar“ zu machen.

Caraco´s Kritik am Christentum und insbesondere am Katholizismus betrifft das System der Kirche, die als Machtfaktor, das „Mehret Euch“ spricht, und somit an der Vermassung der Menschen, ihrer Verwaltung und Ausbeutung durch Staaten sowie Händler Vorschub leistet. „Der römische Glaube ist eine verzerrende Brille; die, die sie tragen, schielen.“ Hierfür ruft er sogar die Geister Bloy und Péguy in den Zeugenstand. Vergleicht man beider Kritik (Ordnung contra Chaos) – die des Gnostikers am Katholiken und umgekehrt, so trifft sie jeweils den anderen nur zum Teil. Caraco´s traditioneller Vorwurf gegen über der Kirche, lässt sich an Dávila nur insoweit festmachen, dass er durch die Hierarchie zumindestens die Elite vor der Vermassung und Mediokrität schützen möchte. Ebenso wenig fällt Caraco einer vulgären Selbstvergöttlichung des Menschen zum Opfer. Er versucht dem Menschen Verantwortung zukommen zu lassen, sie also Gott, der Geschichte sowie der Gesellschaft zu entziehen, ohne dabei einem anmaßenden Menschenbild zu verfallen. Beide Denker hätten hierfür ein viel zu kritisches Verständnis vom Menschen. Vielmehr scheint es daher, dass beide Denker am selben Problem, derselben Fragestellung arbeiten, die über die bloße Stellung des Menschen im Kosmos hinausgeht. Bis zum halben Pascal gehen sie den Weg gemeinsam. Dort trennen sich aber ihre Wege. Während der eine Skeptiker mittels des Glaubens den Weg des Katholiken einschlägt, folgt der andere Skeptiker (mit Vision) dem Weg der Mystik, und zieht Spinozas Jesusbild dem von Pascal vor. Das Herz hat für beide als Personenzentrum eine besondere Bedeutung. Caraco scheint hier sogar seinen zeitlosen Zustand finden zu können: „Das Herz des Menschen hat sich nicht geändert, das Herz des Menschen gleicht dem tiefen und dunklen Meer, die Veränderungen finden nur an der Oberfläche statt, wo unsere Empfindungsfähigkeit das Licht zurückwirft, aber wenn wir hinabsteigen, finden wir wieder, was war und was sein wird: Die Philosophie dringt selten dorthin, und nur die Theologie besitzt den Schlüssel zum Abgrund.“ Sein asketischer Rückzug – sein Eremitentum – wird vor diesem Kontext verständlicher. Auch Dávila deutet auf die Schlüsselstellung des Herzens in Bezug auf die menschliche Fragestellung hin: „Eine Theologie, die uns heute bewegen könnte, müsste sich darauf beschränken, Pascals „sensible au coeur“ zu kommentieren.“

Der Reaktionär und der asketische Prophet empfinden sich auf verlorenem Posten. Ihrer beider Analyse der Gegenwart fällt daher sehr ähnlich aus. Caraco nennt drei „Vorurteile“ seiner Zeit die von Dávila geteilt werden. Zum einen nennt er die Bewunderung für die menschliche Anstrengung, die es für ihn weder im antiken Denken, welche „Arbeit“ als sklavisches Dasein empfand, noch in der kirchlichen Tradition zu finden ist, denn Maria hatte Vorrang vor Martha. „Die menschliche Anstrengung spiegelt nur die sklavische Natur, die Freiheit beginnt, wo die Natur endet, sie wird von der Gnade genährt, und das nur zum Zwecke der Glorie.“ Gnade und Glorie unterscheiden den Meister vom sklavischen Arbeiter. Marxismus und die Psychoanalyse haben daher für ihn versagt. Davila wendet sich ebenfalls gegen eine Funktionalisierung des Menschen: „Noch langweiliger als die Arbeit ist die Lobrede auf sie.“ Das zweite Vorurteil der Gegenwart stellt für Caraco der Kult des Lebens dar. Das Fehlen einer ARS MORIENDI, einer Philosophie, die sich wieder als Schule des Todes erkennt und somit dem menschlichen Dasein Würde verleiht. Die Kritik einer Idee des Lebens um seiner selbst Willen findet sich auch bei Dávila: „Leben ist der einzige Wert des modernen Menschen. Sogar der moderne Held stirbt nur im Namen des Lebens.“ Das dritte Vorurteil führt in den Bereich der Ethik. Für Caraco ist es die menschliche Weigerung sich selbst zu verantworten und sich an Stelle dessen hinter religiösen, politischen und moralischen Systemen zu verstecken. Die Stellung der Person in seinem ethischen Bild, machte den Kategorischen Imperativ Kants für ihn zu einem roten Tuch. An Kant, der auf Grund seiner Herkunft – der Mittelklasse – Sitten bedurfte lässt er kein Haar ungeschoren: „Kant ist kein Erbe der Griechen, dieser Magister erscheint mir wie ein SCHRUMPFGERMANE, er hatte seine Maßlosigkeit auf die Ethik übertragen.“ Dávila stimmt in der Ablehnung Kants, als dem Vertreter der Formalen Ethik, einer Ethik die die Person des Menschen auf ein „Naturwesen“ erniedrigt, mit Caraco überein. Eine solche Ethik stellt für ihn eine Unmöglichkeit dar: „Die formalen Ethiken füllt letztlich der Teufel mit Inhalt.“ Die ethische Norm ist für den Menschen nicht im Bereich des Möglichen: „Die ethische Norm, die vollkommen erfüllt werden könnte, verdirbt.“ Dies erinnert an Max Scheler, der in seiner materiellen Wertethik auf einen ursprünglich apriorischen Gehalt des Emotionalen des Geistes hinweist, den es nicht dem Denken entborgt, den die Ethik daher unabhängig von der Logik besitzt. An dieser Stelle schließt sich wieder der Kreis zu Pascal, der von ordre du coeur oder einer logique du coeur spricht und es wird der Unterschied zwischen Caraco und Dávila deutlich, wenn ersterer von sich selbst behauptet, die Liebe zurückgewiesen zu haben.

Einig sind sich beide in der Verantwortung der Person, uneinig in der Stellung gegenüber Gott. Zeitgleich mit Caracos´s Thesen schlug der Versuch von Hans Jonas fehl das „Prinzip Verantwortung“ im Ethischen zu verankern. Im Gegenzug gewann die Systemtheorie Luhmanns immer mehr an Einfluß, die versucht moderne Gesellschaften verstehbar zu machen. Dies gelingt ihr durch die Ausklammerung der Person und ihr Erfolg gibt ihr Recht. Caraco und Dávila, für deren Menschenbild die Person fundamental ist, müssten sich eigentlich durch den Erfolg Luhmanns bestätigt fühlen. Denn untermauert nicht die Systemtheorie - allein durch ihren Erfolg – beider Gegenwartskritik und bestätigt ihre Analyse des Systemmenschen und der Massengesellschaft?

Dávila und Caraco teilen sicherlich die Zurückweisung der Fortschrittsgläubigkeit mit der postmodernen Philosophie. Ebenso zweifeln sie an den „großen Erzählungen“. Ihre Skepsis an Systemen und Lösungen sowie ihr Stil des Aphorismus dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei Ihnen keine freie Kombination der unterschiedlichen Erkenntnismodelle gibt. Dávila betont dies ausdrücklich: „Der Leser wird auf diesen Seiten keine Aphorismen finden. Meine kurzen Sätze sind die Farbtupfen einer „pointilistischen“ Komposition.“ Für Dávila ist die Ordnung eine Täuschung, aber die Unordnung keine Lösung. Ähnlich argumentiert Caraco, der in den Anarchisten säkularisierte Gnostiker erkennt, dass diese zwar das Problem der Ordnung erkannt, aber keine Lösung dafür hätten. Er selbst möchte daher einen Weg zwischen Systemmenschen und Anarchisten einschlagen: seine Vision vom Grab der Geschichte. Das Ende der Geschichte? Nein, Caraco arbeitet noch an deren Ende, der Apokalypse, Dávila an ihrem Kontinuum: „Wahre Probleme haben keine Lösung sonder eine Geschichte.“ Ein Aphorismus, den Caraco höchstwahrscheinlich folgend kommentiert hätte: „Die Geschichte lehrt uns, dass den missverständlichen und tiefen Systemen die Dauer gemeinsam ist: Sie stellen ewige Probleme, statt unsichere Lösungen zu bieten.“

Die Reise endet für beide in der Realität ihrer Gegenwart: Sie erkennen das Hauptproblem die demographische Expansion sowie die Umweltzerstörung als unlösbar. Caraco macht die Religion und die unfähigen Systeminteressenten wie Staatsmänner oder Händler verantwortlich, und nichts kann mehr vor der Apokalypse retten. Dávila schließt die Lösung nicht prinzipiell aus, sieht sie aber durch die liberal-egalitären Prinzipien der Massenbewegungen verbaut.

Was bleibt? Caraco schreibt nur für die Nachfolgenden, d.h. nur für uns, seine Polemik rüttelt wach, seine Werke regen zum Denken an, was bedeutet das nicht alles so Selbstverständlich bleibt wie es zuvor war (Hans Blumenberg). Folgen wir ihm in seiner Vision, in die eines außerzeitlichen Matriarchats? Wollen wir diese Erwählten sein? Wohl kaum. Dávila schreibt ebenfalls nur für einen kleinen Kreis von Auserwählten („Die Nachwelt ist nicht die Gesamtheit der künftigen Generationen. Sondern eine kleine Gruppe von wohlerzogenen, gebildeten Menschen mit Geschmack in jeder Generation.“). Als Europäer findet man in seinem Werk eine wunderbare Anleitung, sich in die immer kolonialere Situation des früheren Zentrums der Welt einzufinden.

Nun, die wir das Glück hatten Caraco oder Dávila in der Bibliothek zu entdecken, was werden wir mit Ihnen machen? Das Fleisch Caracos wird trotz seiner stechenden Polemik verfaulen, Reste vielleicht an den Knochen eines Ciorans hängen bleiben. Das fein präparierte Skelett Dávilas, wird gerade durch die europäischen Nationalmuseen gereicht und jeder will seine Reliquie – seinen Knochen – haben. Dávilas Aphorismen - zerrissen - als Bildschirmschoner, ob er das verdient hat, wer weiss?

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